Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Ein Frühling voller Tatendrang

Wenn die Welteroberungsenergie nach einer sprachlichen Abbildung schreit, die sich nicht um richtig oder falsch schert.

Normalerweise lernen Kinder sprechen, indem sie experimentieren. Mein älterer Sohn sprach fast jedes Wort, das er in seinen Wortschatz aufnahm, von Anfang an richtig aus. Erst seit es in seiner Kindergartengruppe einen neuen Buben gibt, der ein beängstigend großes Wissen um die für dieses Alter nicht geeigneten Teile der Erwachsenenwelt hat, experimentiert mein älterer Sohn mit Sprache: Er benutzt zu Hause arge Wörter, um zu sehen, wie ich reagiere.

Der Kleine hingegen versucht seit jeher, alles sprachliche Material zu nutzen, das er zur Verfügung hat. Egal wie. Als er mir vor einem Jahr im Stadtpark zeigen wollte, dass Tauben, Krähen und Enten den Teich bevölkerten, sagte er: "Mama! Kru-kru, kra-kra, qua-qua, kla-kla!" Kla-Kla war sein Wort für Wasser, das wir vermissen, denn "Wasser" kann er genauso fehlerfrei aussprechen wie die Tabu-Ausdrücke, die er vom Großen aufschnappt.

Ein schöneres Experiment meines zweiten Sohnes: Er baut Wörter. Statt "Ich grabe ein Loch" sagt er: "Ich mache eine Grabung". Hat er es eilig, unternimmt er "eine schnelle Laufung". Schleppt er den Hund an der Leine durch den Garten, ist das "eine Spazierung". Anfangs dachte ich, er weiß es noch nicht besser, dann habe ich verstanden: Er macht aus allem ein -ung-Wort, um den Alltäglichkeiten des Lebens mehr Bedeutung zu verleihen.

Er spielt nicht, er unternimmt eine Spielung, bei der er keine Störung möchte, denn es geht ja um die Eroberung der Welt. Wir Erwachsenen machen nur noch Erledigungen – und sind dann froh, wenn wir sie geschafft haben. Die Kinder hingegen leben im Moment und sind begeistert davon, zu tun, was sie halt tun. Beziehungsweise, wie es mein Sohn sagen würde: "Ich muss eine Tuung machen!"

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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