Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Über die Teufelchen der Gegenwart
Wie der technische Fortschritt zur Wiederentdeckung des Bereuens, Büßens und Um-Vergebung-Bettelns führen kann
Schon oft habe ich mich über Mitarbeiter diverser Kundenservices geärgert. Wer nicht? Normalerweise kontaktiert man diese ja, wenn bereits ein Problem existiert: kein Internet, falsches Teil geliefert, Produkt kaputt, Installation unmöglich. Fast jedem Kundenservice-Kontakt geht Verzweiflung voraus. Wird einem nicht sofort geholfen oder das eigene Leid nicht einmal anerkannt, mutiert selbst der größte Zen-Buddhist irgendwann zu Rumpelstilzchen.
Auch ich war schon unfreundlich zu Kundenservicemitarbeiterinnen. Und deshalb sage ich heute: Es tut mir leid. Ich bereue. Asche auf mein Haupt. Ich bin bereit zu büßen. Bitte, liebe Kundenservicemitarbeiterinnen dieser Welt: Nehmt meine Entschuldigung an. Denn ich habe gelernt, wie die wahre Hölle aussieht. Sie heißt: künstliche Intelligenz. Man kann mittlerweile nicht einmal mehr die Website eines Baumarkts öffnen, ohne von einem "digitalen Assistenten" belästigt zu werden.
"Wie kann ich helfen?", fragt das Teufelchen freundlich — nur um unmittelbar danach exakt nichts zu tun, das tatsächlich hilft. Ich möchte nicht mehr einer Computerstimme mein Problem schildern, nur um zu hören: "Das habe ich leider nicht verstanden." Ich will mein Anliegen nicht dreimal in leicht variierter Satzstellung wiederholen müssen wie ein talentloser Teilnehmer eines Sprechtechnikseminars.
Bitte erlöst mich von den Chatbots! Ich will ja auch nicht mit Waschmaschinen kuscheln oder mit meinem Auto über unsere Beziehung reden. Vielleicht besteht der eigentliche Fortschritt darin, dass ich mich zärtlich nach jener Frau *Nuschelnuschel* sehne, die mich vor vier Jahren garstig nach vierundzwanzig Minuten in der Warteschleife anfauchte: "Wos wolln S’?" Ich will zurück zu ihr!
Kommentare