Porträt von Vea Kaiser mit dunklen, gewellten Haaren und einem sanften Lächeln.

Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Vom charmant musealen Arbeitsethos

In welchem Fall Krankenstände und Pensionsantritte auch eine Herausforderung darstellen können.

Mein Vater war 44 Jahre lang Beamter eines Krankenhauses – und das mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Stolz, die man heute fast museal nennen könnte. Als wir Kinder die Feuchtblattern heimbrachten, erkrankte er sehr schwer. Tagelang lag er hochfiebernd und pustelübersät darnieder.

Kaum konnte er wieder aufstehen, ging er zum Arzt. Der attestierte ihm, nicht mehr ansteckend zu sein – und mein Vater fuhr direkt weiter in die Arbeit. Drei Stunden später kam er nachhause. Man hatte die Hygieneschwester informiert, dass ein pustelübersäter Mann in der Verwaltung säße, woraufhin sie ihn umgehend fortschickte.

Mein Vater war empört. Sie wusste, dass er nicht mehr ansteckend war! Bis er wieder gesellschaftsfähig war, hörten wir seinen Ärger über die Oberflächlichkeit der Welt. Er war stolz darauf, ein Zahnrad zu sein, das die gigantische Maschinerie des öffentlichen Gesundheitswesens am Laufen hielt, denn wenn nicht alle Zahnräder ineinandergreifen, stockt das Getriebe.

Dass ich bei über 500 Lesungen nur zwei absagen musste, liegt sicher auch an meiner Rossnatur – aber ebenso an einer heute altmodischen Haltung, die ich von meinem Vater lernte: die eigene Arbeit wertzuschätzen, weil man sich damit selbst wertschätzt. Sie können sich also die Verwunderung meiner Familie vorstellen, als mein Vater am Freitag um 20 Uhr in die Familiengruppe schrieb: "Letzter Arbeitstag geschafft."

Ich gratulierte zur Pension. Er korrigierte: "Ich bin noch nicht in Pension. Zuerst Resturlaub, dann Krankenstand wegen einer Operation, und nach dem Sommer kommt die Pension." Mein Vater bleibt also, was er immer war: im Dienst. Nur jetzt offiziell im Übergang. Und selbst der wird ordentlich abgearbeitet.

Vea Kaiser

Über Vea Kaiser

Vea Kaiser ist die Autorin der Nr.1-Bestseller „Blasmusikpop“, „Makarionissi“ und „Rückwärtswalzer“. Ihre Bücher wurden vielfach preisgekrönt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die studierte Altphilologin lebt mit Familie am Wiener Stadtrand und schreibt für die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

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