Kein Stollwerk mehr: Wenn der Greißler an der Ecke zusperrt
Ausgerechnet am letzten Tag des letzten Jahres sperrte sie zu: die Greißlerei an der Ecke. Zwanzig Meter von meiner Haustür entfernt. Für mich war dieses kleine Geschäft nie nur ein Laden. Es war meine erste große Einkaufswelt. Ein Universum auf gefühlt zwölf Quadratmetern.
Schon als ich ein Kind war, gab es dieses Geschäft, es lag praktischerweise auf meinem Schulweg. Dieses kleine Paradies hatte alles, was ein Kind zum Überleben brauchte: Extrawurstsemmerl, Bazooka-Kaugummi, Sunkist. Und einzelne Stollwerk um drei Groschen. Drei! Allein diese Währungseinheit macht heute schon nostalgisch.
Stollwerk – kleine, quadratische Karamellzuckerl, auch liebevoll „Plombenzieher“ genannt. Diese Zuckerl standen für meine Kindheit. Und genauso dieses Geschäft.
Einfach schade
Die Verkäuferin kannte viele von uns Kindern beim Namen – zumindest aber alle vom Gesicht. Es gab keine Möglichkeit, elektronisch zu bezahlen. Es wurde nicht gescannt, sondern händisch in die Kassa eingetippt. Ich gebe zu: Ich bin ein bisschen traurig und ja, auch sentimental. Einfach schade, dass es nicht mehr weitergeht. Natürlich ging es sofort los. Diskussionen, Gerüchte, Theorien. „Das kann doch nicht sein“, hieß es.
Doch der Zettel an der Eingangstür war gnadenlos ehrlich: „Schweren Herzens müssen wir diese Filiale schließen. Wir bedanken uns für Ihre langjährige Treue.“ Ganz einfach: Es war aus und vorbei!
Besonders interessant waren die Gespräche danach. Ein Nachbar meinte zu mir: „Es war immer so praktisch. Wenn ich im Supermarkt was vergaß, bekam ich’s dort.“ Ich sagte: „Genau das ist das Problem. Das reicht halt nicht für einen guten Umsatz.“ Er schaute mich verständnislos an und entgegnete: „Warum? Ich habe oft was vergessen.“
Veränderung
Man bemerkt den Wert mancher Dinge ja immer erst dann, wenn sie fehlen. Wenn die Beweglichkeit schwindet, weil das Knie plötzlich schmerzt. Die Heizung ausfällt. Kein Ketchup im Haus ist. Oder – der wahre Tiefpunkt – ein Nutellabrot ohne Butter. Dann weiß man: Die Welt steht nicht mehr lang!
Veränderung hält innerlich jung, macht aber äußerlich alt. Und es verändert sich vieles. Ab Anfang 2026 stellte Dänemark als erstes Land weltweit die Briefzustellung fast vollständig ein. Digitalisierung statt Papierpost. Handschriftliche Liebesbriefe wird man bald nur noch im Museum sehen können. Solange, bis auch das Museum schließt. Auch die Produktion von „Stollwerk“ wurde übrigens schon 2013 eingestellt. Still und leise. In meiner Gegend sperrt auch alles zu. Cocktailbar, Nachtlokal, Fleischhauer, ein uriges Wirtshaus - und der ehemalige KONSUM ist heute ein Eltern-Kind-Zentrum.
Nach genauerem Nachfragen, warum der Greißler meines Vertrauens zugesperrt hatte, erfuhr ich, dass der Besitzer der Greißlerei in Pension ging und keinen Nachfolger fand. Das ist die nüchterne Wahrheit. Kein Drama, kein Skandal – einfach Zeit. Und trotzdem: ein Stück Alltag und Bequemlichkeit weniger. Aber ich will positiv bleiben. Bazooka-Kaugummi und Sunkist gibt es immer noch.
Günther Lainer ist Kabarettist. Am 2.2.2025 im Casanova in Wien. Termine unter: www.guentherlainer.at.
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