René Freund am Abgrund: Welches Mantra ihm weiterhalf
Neujahrsspaziergänge sind eine nette Tradition. Frau Freund und ich hatten heuer bereits einen in der Stadt, er führte über den Paula-Wessely-Weg auf den Cobenzl und über den Himmel und die Wolfsgrube zurück nach Grinzing. Himmel klingt nach ordentlich Höhenmetern und Wolfsgrube ziemlich gefährlich, aber ich kann Ihnen versichern, der Neujahrsausflug in der Wienerstadt war äußerst beschaulich im Vergleich zu jenem, den wir auf dem Lande unternahmen.
Steil hinauf
Wir hatten nämlich die Idee, endlich diese Burgruine kennenzulernen, deren Namen wir bisher nur von Hinweisschildern am Straßenrand kannten. Also folgten wir erstmals diesen Schildern und fanden uns auf einem Parkplatz wieder. „Rundweg 90 Minuten“, versprach dort eine Tafel. Das schien uns durchaus angemessen.
Zur Burg ging es auf einem Forstweg steil hinauf durch dichten Buchenwald. Oben angelangt fragten wir uns, wovon die Ritter hier wohl gelebt haben mochten. Zu rauben gab es nichts, und Holz kann man nicht ewig essen. Kalt wurde es, Nebel kam auf, also suchten wir die Hinweisschilder, um den Rundweg vollenden zu können. Diese Schilder gab es auch, aber eines zeigte auf den Forstweg, über den wir gekommen waren, und das andere in den Wald.
Am Abgrund
Nun begab es sich, dass just aus jenem Wald ein Männlein sprang, das an Rumpelstilzchen erinnerte, so vital wirkte es: Es handelte sich um einen drahtigen, perfekt trainierten Pensionisten, den wir sogleich nach dem Rundweg fragten. „Owi do“, sagte er. Ob es nicht steil und rutschig sei, wollte ich wissen, woraufhin er die inzwischen legendär gewordenen Worte sprach: „Na, do is schee zan Gehn.“
Im neuen Jahr, nein, in meinem gesamten Leben hatte ich noch nie so viel Angst wie in der folgenden Stunde. Der Pfad war etwa zwanzig Zentimeter breit und auf dem Waldboden kaum zu erkennen. Bedeckt war er mit schönen, bunten Blättern, die wundervoll glänzten, weil sie feucht und folgerichtig rutschig waren. Sehr rutschig.
Rechts führte der Hang, keinerlei Halt bietend, steil ins Nebelnichts. Links klaffte eine hundert Meter tiefe Schlucht, auf deren Grund ein Wildbach toste. Einmal ausrutschen, und es würde kein Halten mehr geben. Himmelstraße, One-Way-Ticket. Manchmal glaube ich, dass es Frau Freund entschieden an Fantasie fehlt. Offensichtlich kann sie sich nicht vorstellen, zerschmettert auf einem Felsen neben dem Bach zu liegen.
Angst?
Vielleicht liegt es daran, dass ich Schriftsteller geworden bin und nicht sie. „Hast du Angst?“, fragte Frau Freund arglos. Ich sagte nichts. Ich konnte nicht, weil ich betete. Ich war plötzlich sehr religiös geworden. Ich setzte einen Schritt vor den anderen, vollkommen meinem Schicksal ergeben. „Sollen wir umkehren?“, fragte Frau Freund. „Nein“, antwortete ich, „do is schee zan Gehn“.
Dies wurde mein Mantra für die kommende Stunde, und vielleicht passt es ja für das ganze Jahr.
Zum Autor: René Freund lebt als Schriftsteller im südlichen Oberösterreich. Alle Infos unter www.renefreund.com.
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