Polly Adlers Kolumne „Chaos de luxe“: Schmeckt’s eh?
Ich saß im Filmcasino und lachweinte. Wir sahen uns „Pick me Girls“ an, die Verfilmung von Sophie Passmanns bravourösem Stand-up im Berliner Ensemble. Die Regisseurin C war da und die Burg-Queen S und mir rannen deswegen die Tränen, weil Passmann, die im Alleingang ein 500-Pax-Auditorium unter Strom stellte, mit ihrer Geschichte auch die frühere Via dolorosa meines Fortpflanzes triggerte.
Heute brettert mein Kind mit unaufgeregtem Selbstbewusstsein durchs Leben, aber in ihren Teenagerjahren kam sie oft weinend nach Hause und sagte: „Ich kann machen, was ich will: Lustig und smart sein, am Ende läuft es immer nur darauf hinaus, dass ich zu dick bin.“ Bei Familienessen bekam sie giftige Blicke, wenn sie sich traute, ein Stück Torte zu essen. In der sauteuren Schnöselschmiede kritzelte ihr ein Klassenkamerad „Blade Sau“ in den Spind, später hatte sie einen Freund, der sich weigerte, ihr auf der Straße die Hand zu halten, wenn sie Jeans trug.
Von ähnlichen Erlebnissen und ihrer dadurch angezüchteten Essstörung erzählte auch die Pick-me-Girl-Protagonistin und ich weinte im Dunkel des Kinosaals für alle Mädchen, denen das Mantra „Du bist nicht gut genug“in die Seele tätowiert worden war, und lachte für die, die es dennoch geschafft hatten, allen Miesmachern einen lackierten Mittelfinger zu zeigen.
Die Burg-Queen, die ihres Zeichens als erste und einzige Frau in der Geschichte des Hauses mit Solo-Auftritten die Buden füllt, hat dazu das Buch „Ganz schön wütend“ geschrieben. Es erzählt auch davon, wie ihr Menschen mit den Worten „Schmeckt’s eh?“ in den Teller sahen, als sie in Salzburg der berühmten 15-Minuten-Rolle am Domplatz neuen Glanz verliehen hatte. Ihr Talent trägt die Größe XXXL. Die Liebe zu meiner Tochter sowieso.
pollyadler.at, polly.adler@kurier.at
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