Polly Adlers "Chaos de luxe": Bitte kein "Und ihr so?"
Was wir vom Fuchs über Freundschaft lernen
Meine über alles geliebte Oma war immer eine hochadrette Person. Mit Hut und Botanik gerüstet, raffte sie sich einst auf, um ihre 100-jährige Freundin Emmi zu beglückwünschen. Das Unterfangen, auf das sie sich Tage vorbereitet hatte, endete nicht schön. Denn die bereits schwer demente Emmi sah meine 95-jährige Großmutter nur missbilligend an, fauchte "Wir spenden nicht!" und knallte die Tür zu.
Die Vermittlungsversuche der Pflegerin konnten die Enttäuschung auch nicht kitten. Es war die letzte Freundin, die ihr aus ihrer Langzeit-Truppe geblieben war. Ich habe kürzlich eine Freundin nach langer Krankheit verloren und wie bei allen schmerzhaft vermissten Abgereisten schaffe ich es nicht, die Telefonnummer zu löschen. Es werden immer mehr solcher Geisternummern, was natürlich auch mit meinem Alter zu tun hat. Die Selbstvorwürfe sind real: Wäre ich doch nur öfter hingefahren und, und, und.
Und schon fällt einem der nervige Spruch ein: "Hätte, täte, Fahrradkette." Die Lernkurve, in die man sich mit Verve lehnen sollte: Freundschaften im Echtleben-On zu pflegen. Keine nicht zum Punkt kommenden Sprachnachrichten, keine Rufen-wir-uns-zam-Vertröstungen, keine verschickten Bilder von Blumen, Kleinkindern, Foodporn (noch schlimmer, mit der Unterzeile: Und ihr so?) in der 117. WhatsApp-Gruppe, sondern porentiefe Im-Hier-und-Jetzt-Begegnungen.
Und dabei bitte kein Monologisieren über die eigenen Befindlichkeiten, sondern rein in ein Empathie-Pingpong. Der schönste Text zum Thema Freundschaft findet sich in Exupérys "Der kleine Prinz", wo der Fuchs darum bittet, gezähmt zu werden. Auf die Frage des Prinzleins, was das genau bedeute, antwortet er: "Sich vertraut machen".
Kommentare