Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Warum das Mittelwort fröhliche Urständ feiert

Wolfram Kautzky geht in seiner Kolumne „Wortklauberei“ den Wörtern auf den Grund.
Wolfram Kautzky
Kroatien

„Geflüchtete zahlen Banden bis zu 15.000 Euro für die Reise nach Europa“, war unlängst in der Krone zu lesen. Diese Formulierung sorgte beim Wortklauber für Irritation: Geben sich Schlepper-Banden neuerdings mit der Bezahlung im Nachhinein (z. B. per Überweisung, Kreditkarte oder Klarna) zufrieden? Zur Erklärung: Ein „Geflüchteter“ (= Mittelwort 2) ist jemand, der die Flucht schon hinter sich hat. Ein „Flüchtender“ (= Mittelwort 1) hingegen ist eine Person, die sich gerade auf der Flucht befindet. – Vorschlag: Wer in solchen Fällen den merkwürdigerweise verpönten, aber völkerrechtlich korrekten Begriff „Flüchtling“ bemüht, erspart den Lesenden unnötige Gedankenspiele um die Zahlungsformalitäten bei den Schleppenden und Geschleppten.

Dass für Mittelwörter (Partizipia) gerade das Goldene Zeitalter angebrochen ist, verdanken wir dem nimmermüden Wirken der Gender-Verfechter. Freilich gibt es für die gendergerechte Sprache keinerlei amtliche Regelung – was zu seltsamen sprachlichen Blüten und Worthülsen-Inflation führt: Aus den „Studenten“ sind, warum auch immer, die „Studierenden“ geworden, aus den „Lehrern“ die „Lehrenden“ und aus den „Radfahrern“ die „Radfahrenden“.

Letzteres Wort (das übrigens gar nicht im Duden vorkommt, also quasi nicht-existent ist) hat allerdings das Potenzial zum Grotesken – z. B. dann, wenn in Unfallstatistiken von „toten Radfahrenden“ die Rede ist.

Leser Gerhard A. schreibt: „Anlässlich der Hilfe, die Mitglieder des Roten Kreuzes dankenswerterweise bei einem Waldbrand leisteten, lese ich heute im KURIER in gendergerechter Kurzfassung von ‚Rot-Kreuz-Helfenden‘. ‚Helfend‘ ist doch eigentlich jemand, der gerade jetzt hilft (Partizip Präsens). Wenn also der KURIER von einer bereits geleisteten Hilfe berichtet, müsste es doch heißen ‚Rot-Kreuz-Geholfenhabende‘, oder?“

Wo Herr A. recht hat, hat er recht, meint der Wortklaubende bzw., für heute, Wortgeklaubthabende.

Fundstück der Woche: „Wiener vom Hochkönig aus Bergnot gerettet“ (Schlagzeile im KURIER) – Wir sind schon gespannt, wann endlich auch der Dachstein, der Hohe Priel oder der Muckenkogel beginnen werden, schwächelnde Bergsteiger aus Bergnot zu retten.

Kommentare