Ostern ohne Kinder: Wenn wir die Eier für uns selbst verstecken

René Freund über Ostern im Waldviertel zwischen Liturgie und Geriatrie. Wenn die Suche zum Selbsthilfeprogramm wird,
René Freund
One red easter egg on mossy ground in the forest. Sunset, Lens flare. front view.

Alle Jahre wieder verbringen wir Ostern bei Freunden auf dem Land. Wir fahren also vom Land aufs Land und treffen dort viele Städter, denn bekanntlich sind es Wiener, die die Waldviertler Vierkanthöfe bewirtschaften. Rund um einen solchen haben wir bereits als Kinder mit unseren Eltern Ostereier gesucht. Heute, schnelle fünfzig Jahre später, ist hier alles noch wie früher: Die Obstbäume blühen, die Häuser verfallen. Charmant und überaus idyllisch gibt sich der Landstrich dem Untergang hin. 

Neu, ziemlich neu, ganz neu

Neu ist, dass wir zwischenzeitlich ebenfalls unserem Untergang statistisch nähergekommen sind. 

Ziemlich neu ist, dass unsere Kinder erwachsen sind. 

Ganz neu ist, dass sie heuer nach der Osterjause am Samstag heim nach Wien fahren wollen, weil sie dort besser chillen oder abhängen oder was weiß ich was können.

Wir alten Deppen werden also auf Bergen von Schinken, Käse und schmutzigem Geschirr sitzenbleiben und am Sonntag die Ostereier in Ermangelung von Kindern für uns selbst verstecken. Da nähern wir uns schon dem geriatrischen Selbsthilfeprogramm: Wir wagen uns mit hart gekochten Eiern ins Gelände, das bedeutet Mobilitäts- und Gangtraining bei gleichzeitiger Aktivierung von Gleichgewicht und Koordination. Im Gegensatz zum Neuen Testament geht es bei uns nicht um Auferstehung, sondern um Vermeidung des Sturzes.

Heimliches Beobachten

Ich ahne schon, dass wir einander beim Suchen der versteckten Ostergaben heimlich aus den Augenwinkeln beobachten werden: Schafft sie die Geländekante noch, ohne runterzupurzeln? Wird er sich noch erinnern, dass er ein Osterei in der Dachrinne versteckt hat? Wie weit können die sich noch bücken?

Die größte Herausforderung beim Ostereisuchen ist aber bekanntlich nicht das Finden der Eier selbst, sondern das kunstvolle Ignorieren der offensichtlichsten Verstecke, während man mit ernster Miene hinter dem vierten Strauch sucht, wo garantiert nichts liegt. Gespannt bin ich auch schon, ob sich heuer alle gemerkt haben, dass wir einander geschworen haben, uns keine Schoko-Osterhasen zu schenken. Ich bin mir sicher, alle haben ganze Kolonien von goldenen Osterhasen in den hintersten Winkeln ihrer Vorratsschränke. Aber die meisten haben die Hasen vergessen. Manche sogar den Vorratsschrank.

Die großen Kinder sind sowieso keine Hilfe mehr beim Verdrücken von Schoko, denn während wir früher noch die ganze Osterliturgie durchgemacht haben, kennen sie nur noch zwei Gebote: Low Carb und High Protein. 

Recycelte Nikoläuse

Mir geht es mehr um das Geschmackliche. Ich bin Anhänger der weit verbreiteten Theorie, dass Schoko-Hasen recycelte Nikoläuse sind. Aus den nicht verkauften Hasen werden im Dezember Nikoläuse, aus denen wieder Hasen, und so weiter, und so fort. Ich finde, man schmeckt sie auch, diese leicht muffige „Ich-bin-schon-dritte-Generation“-Nuance. Aber was sollen wir sagen, wir haben auch schon ein paar Ostern auf dem Buckel. 

In diesem Sinne: Frohe Auferstehung!

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