René Freund hatte eine Erleuchtung in der Sauna
Die rustikale Sauna wurde zum Gotteshaus.
Unlängst habe ich in einer ländlichen Therme etwas erlebt, womit ich niemals gerechnet hätte: Spirituelle Erleuchtung bei 90 Grad Celsius. Zunächst deutete nichts darauf hin. Die rustikale Stadl-Sauna war mit etwa fünfzig Menschen gut gefüllt, es wurde gescherzt und geblödelt. Dann aber kam ER herein. Unser Meister. Unser Aufguss-Meister. Etwa dreißig Jahre jung, sah er mit seinem schwarzen Bart und den schulterlangen, ebenso schwarzen Haaren aus wie eine Mischung aus Jesus und indischem Weisheitslehrer. Sein rotes Saunawart-Röckchen verstärkte den Eindruck, es handle sich um einen heiligen Mann aus dem Osten. Er sprach allerdings gepflegtes Oberösterreichisch und begrüßte uns mit sanfter Stimme: „Grüß euch, ich bin der Karl. Ich wünsch' euch eine schöne Zeit in der Sauna. Und noch besser: Ich schlage vor, wir wünschen uns gegenseitig eine schöne Zeit in der Sauna.“ Das waren schon außergewöhnliche Worte, und alle hoben ihre Köpfe. Karl blickte in die Runde, und irgendwie schaffte er es, jedem und jeder höchstpersönlich in die Augen zu sehen.
Das Leben ist ein Spiel
Als der Meister wenige Minuten später seines Amtes waltete, hatte ich den Eindruck, einem Gottesdienst beizuwohnen, auch wenn es sich um einen Aufguss handelte. „Wir haben hier japanische Heilkräuter als Duftessenz, denn wir alle wollen Heilung, und wer keine braucht, genießt einfach den Wohlgeruch. Mhmmm ...“ Ganz sanft bewegte er eine Art Fahne, um die Dämpfe im Raum zu verteilen, und wiederholte: „Mhmmm.“ Und alle schlossen sich ihm an. Ich auch, obwohl ich nie etwas mitmachen will, was alle machen. „Mhmmm“, ließ ich mein Zwerchfell vibrieren. Dann wehte er mit einem weißen Tuch ganz gemächlich jeder einzelnen Person zu: „Und alle bekommen dreimal den Windhauch. Er wird euch entschleunigen und erden und daran erinnern, wer ihr seid.“ Stille. Alle wandten sich Karl zu, um die Aufguss-Segnung zu erhalten. „Dreimal. Für alle. Denn wir kommen alle gleich auf die Welt, und wir gehen gleich von der Welt, und in der Sauna sind wir auch gleich.“
Andächtige Stille machte sich breit, obwohl Karl seine Worte nicht priesterlich verkündete, sondern so sprach, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass wir nackt geboren werden und dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Nun ja, es ist ja auch das Selbstverständlichste auf der Welt. Wir haben es nur schon lange nicht mehr gehört, sondern eher das Gegenteil davon, nämlich dass wir alle ungleich sind und das auch so bleiben sollte. Aber niemand widersprach. Karl und sein weißes Tuch hatten alle in ihren Bann gezogen. Am Ende des Hochamts erhöhte Karl die Aufgussmenge, beschleunigte die Bewegungen mit seiner Fahne und tanzte wie ein Derwisch in der Mitte der Sauna. „Das Leben ist ein Spiel!“, rief er. „Ich wünsche euch zum Abschied: Spielt etwas Schönes!“ Und Karl öffnete die Türen und entschwand ins Ungewisse. Wir aber folgten ihm mit einem glücklichen Lächeln. Amen.
René Freund lebt als Schriftsteller im südlichen Oberösterreich. Alle Infos unter www.renefreund.com
Kommentare