Stehen oder gehen?

Ob man bei Rot über die Kreuzung gehen darf, ist eine Grundsatzfrage.
Wolfgang Kralicek

Die Botschaft der Fußgängerampel kennt jedes Kind: „Bei Rot bleib stehen, bei Grün kannst du gehen.“ Aber unter uns: Natürlich ist es in Ordnung, bei Rot zu gehen, wenn offensichtlich nichts kommt (und weit und breit kein Kind in Sicht ist, dem man ein schlechtes Vorbild sein könnte). Oder?

In dieser Frage geht ein Riss durch die Gesellschaft. Die einen sagen: Selbstverständlich darf man bei Rot über die Straße gehen, als Fußgänger gefährdet man sich ja nur selbst. Die anderen meinen: Regeln sind Regeln, es ist eine Frage des Prinzips, bei Rot nicht über die Kreuzung zu gehen.

Es ist aber auch eine Mentalitätsfrage. Besucher aus dem tendenziell anarchischen Berlin wundern sich in Wien über all die Leute, die vor roten Ampeln stehen. Wobei das in Berlin vielleicht auch historische Wurzeln hat. In Leander Haußmanns „Stasikomödie“ manipuliert die Staatssicherheit der DDR eine Fußgängerampel, um die Linientreue der Bürger zu testen. An der Ampel wird es nie grün. Wer auch nach vielen Minuten brav an der leeren Kreuzung steht, wird als Stasi-Mitarbeiter rekrutiert.

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