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Klaus Eckel hat jetzt einen Albtraumfänger

Der Kabarettist und Autor über hässliche Geschenke der eigenen Kinder und wie sie trotzdem Lob dafür bekommen.
Klaus Eckel
Child crying in shopping cart in supermarket

Vor vielen Jahren schenkte mir mein Sohn zum Geburtstag einen Albtraumfänger. Dieses Geschenk, wie kann ich es diplomatisch ausdrücken, war von atemberaubender Hässlichkeit. Ein gebastelter Unfallbericht. Der Albtraumfänger bestand aus einem verbogenen Drahtkleiderbügel, auf den Wollreste geklebt waren, darauf steckten rostige Büroklammern und über das Ganze war eine Taubenfeder gespannt. Nach dem Auspacken entkamen mir die Worte: „Wie schön, genau den wollte ich!“

Dank dieser kleinen Wahrheitsumschiffung hing der Albtraumfänger dann über meinem Bett. Von da an schlief ich extrem schlecht. Ich bekam vom Albtraumfänger Albträume. Das war ein Albtraum-Lockvogel. Ständig träumte ich von einer Steuerprüfung. Vermutlich aufgrund der vielen Büroklammern. Ganz offensichtlich tappte ich in die Lob-um-jeden-Preis-Falle. Doch solche Jubeleltern wie mich kann man immer häufiger antreffen. Vor Kurzem belauschte ich auf einem Kinderspielplatz Sandkistengespräche. Da fielen Sätze wie: „Super, Pauli, du hast dem Fritzi heute nur eine halbe Schaufel Sand ins Gesicht geworfen und nicht wie letzte Woche eine ganze. Das ist ein Entwicklungsschritt.“ Oder: „Bravo, Emma, du hast, bevor du den Felix gebissen hast, den Augenkontakt gesucht!“

Stellen Sie sich vor, diese Kinder werden einmal Ärzte. Wie viel Lob wird dann erwartet? „Super, Herr Dr. Pauli, Sie haben ganz ohne Röntgen erkannt, dass die Bauchdecke offen ist, und toll, Frau Dr. Emma, Sie konnten ohne Labor diagnostizieren, dass der Patient Blut verliert. Sie haben beide absolut richtig reagiert. Zuerst stabilisieren und dann erst googeln.“ Im Sinne der Narzissmus-Prävention sollten wir vielleicht unseren Nachwuchs frühzeitig damit konfrontieren, dass sich das Muttertagsgedicht nicht reimt, das selbst gebackene Cookie nicht schmeckt und dass der Albtraumfänger schiach ist. Und trotz meines Plädoyers für mehr Eltern-Ehrlichkeit hoffe ich, dass mein Sohn den heutigen Kurier nicht liest.

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