Der Weltschmerz verpufft: Klaus Eckel über eine Superkraft
Diese Woche konnte ich im Reithofferpark eine Beobachtung machen, die mich berührte. Zwei ältere Herren standen sich gegenüber, der Kopf des einen war vorgebeugt, während der andere ihm diesen mit einem elektrischen Rasierer kahl schor. Danach hielt der andere seinen Schädel hin. Ganz vorsichtig begutachteten die ungefähr 80-jährigen Parkfriseure jede Kopfstelle des Freundes.
Behutsam
Der Rasierer fuhr derart behutsam seine Bahnen, als handle es sich bei den beiden Köpfen um die Restaurierung der Sixtinischen Kapelle. Ich war also zufällig live dabei bei der Gründung des kleinsten Barber-Shops der Welt.
Als ich mir dann am Abend die ZIB 1 zu Gemüte führte, reihten sich die Nachrichten-Evergreens aneinander: Straße von Hormus, Budgetdefizit, Dieselpreis. Nur eine Meldung überraschte mich: Die Nacktschnecken werden immer größer. Vermutlich versuchen sich Nacktschnecken gerade auf die Größe von Buckelwalen zu fressen, damit sie gerettet und nicht getötet werden. Einen Bericht jedoch vermisste ich in den Nachrichten: meine Beobachtung im Reithofferpark. Dabei schickte ich die Geschichte inklusive Beweisfotos von am Boden liegenden abrasierten Haaren an die Chefredaktion.
Klaus Eckel ist Kabarettist und Buchautor. Alle Termine auf www.klauseckel.at.
Mir fehlen die Erzählungen von den Leuten, die täglich ihre Artgenossen weder mit Anzeigen, Hasspostings noch mit Kampfdrohnen überziehen, sondern mit Freundlichkeit.
Diese unzähligen Menschen, die dem schwitzenden Paketboten ein kühles Wasser reichen, das Laub des Nachbarn heimlich zusammenkehren, den verirrten Schmetterling aus dem Supermarkt lotsen oder zumindest beim Verlassen des Kreisverkehrs blinken. Freundlichkeit ist eine Superkraft.
Oder anders gesagt: Für einen Augenblick verpufft jeglicher Weltschmerz, wenn ich das Badezimmer betrete und meine Partnerin mir bereits die Zahnpasta auf die Zahnbürste gedrückt hat. Letztes Mal wollte ich ihr im Gegenzug liebevoll den Kopf rasieren, doch leider lehnte sie dankend ab.
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