Johanna Sebauer im WM-Fieber: Fußballfans und ihre Rituale
Drei Stimmen, drei Blickwinkel, ein Sport: Mal analytisch und pointiert, mal emotional und augenzwinkernd, mal überraschend quer gedacht. Hier schreiben abwechselnd Schriftsteller Franzobel, Schauspieler Alfred Dorfer und Autorin Johanna Sebauer.
Von Autorin Johanna Sebauer
Was mindestens genauso viel Freude macht wie das Fußballschauen, ist das Beobachten derjenigen, die Fußball schauen. In vielen von ihnen schlummern verborgene Charaktere, die sich erst ab dem Moment des Anpfiffs offenbaren.
Da sind zum Beispiel die Abergläubischen, die angespannt auf der Sesselkante sitzen und nicht hinschauen dürfen, wenn ein Elfer geschossen wird, „weil er sonst nicht reingeht“, oder die Cholerischen, die sich auf magische Weise in rotköpfige Giftzwerge verwandeln und jeden ungenauen Pass mit den abenteuerlichsten Fluchformeln garnieren. Und dann gibt es natürlich die, die als Experten auferstehen – meine liebste Gattung der Fußballschauer.
Ihre Wirkungsstätte ist die Couch, von wo aus sie meinen, immer alles schon vorher kommen gesehen zu haben. Sie formulieren ihre Gedanken im Konjunktiv II: Er hätte, er sollte, g’scheiter wär’s gewesen, wenn … Auf dem 65-Zoll-Bildschirm sieht der Experte hochauflösend und in Superzeitlupe, was er sowieso schon wusste, nämlich, dass man etwas mehr links oder mit etwas mehr Drall oder eine halbe Sekunde früher hätte schießen müssen.
In der zweiten Halbzeit, nach den Knackwürschteln und dem dritten Bier, öffnet der Experte diskret den Hosenbund und erklärt die Taktik für grundfalsch. Danebengegangene Torschüsse quittiert er, der sich nicht erinnern kann, wann er selbst das letzte Mal neunzig Minuten am Stück gelaufen ist, mit einem selbstbewussten „Den muss er machen!“
Ich mach mir einen Spaß draus, diese Experten bei ihren Analysen zu beobachten. Bis der nächste fruchtlose Corner geschossen wird und ich mir mitten im Satz „Hätt er doch bloß ...“ auf die Zunge beiße. Die auferstandene Expertin, tja, die bin manchmal auch ich.
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