„Hilfe! Der Vorderzahn muss raus!“: Aida Loos übers Ziehen und Zahlen
„Hilfe! Der Vorderzahn muss raus!“
Muss? Sie sagen das so militärisch. Als stünde der Gerichtsvollzieher bereits vor Ihrem Kiefer: „Sie haben drei Tage Zeit, packen Sie Ihre Wurzel und verschwinden Sie, sonst wird zwangsextrahiert!“ Sie haben aber einen Eiterherd? Da war ein weißer Fleck am Röntgenbild? Meine Güte, das Röntgen ist ja auch schwarz-weiß. Ein grüner Fleck sollte Sie beunruhigen!
Meine Couch ist ja normalerweise für Psychosen, nicht für Prothesen. Aber gut, was macht Ihnen mehr Angst? Das Ziehen oder das Zahlen? Dumme Frage. Das Ziehen tut nur kurz weh, das Zahlen hingegen schmerzt jahrelang. Es ist beides?
Natürlich. Der Zahnarzt von heute unterscheidet sich vom mittelalterlichen Bader ja nur durch zwei Dinge: die Betäubung und den Porsche. Der Bader hat wenigstens noch Schnaps ausgeschenkt und in Hühnern abgerechnet. Heute lebt der Zahnarzt von der Hand in Ihrem Mund.
Man betritt zwar eine Praxis, die aussieht wie ein Apple-Store und lehnt sich zurück in den Behandlungsstuhl wie in der First Class nach New York, aber dann greift der Zahnarzt genauso zur Zange. Und dann beginnt das Gerangel zwischen ihm und Ihrem Kiefer. Er stemmt sich gegen die Kopfstütze und zieht mit der Entschlossenheit eines Bauers, der versucht, eine Rübe aus dem gefrorenen Boden zu reißen.
Die Praxis ist Science-Fiction
Die Behandlung ist Game of Thrones. Während Neurochirurgen mit Lasern operieren, die so präzise sind, dass sie der Gehirnzelle einen frechen Pagenschnitt verpassen könnten, ist das Gebiss der letzte Außenposten der Barbarei. Wir können längst auf den Mond fliegen, aber vor dem Mund kapituliert der Fortschritt.
Und ist der Zahn erstmal draußen, wischt er sich das Blut von den Händen und wird plötzlich sanft. Wie ein Bestatter, der Ihnen die Sargkollektion zeigt. „Krone, Brücke oder Implantat?“ Er wird sagen: „Das ist eine Investition in Ihre Lebensqualität!“ und meinen: „Das ist eine Investition in meine Lebensqualität am Wörthersee!“ 3.000 Euro kostet ein Implantat. 4.000, wenn sich seine Tochter gerade ein Pony wünscht. Eine Krone kostet nur 1.200 Euro? Kommt mir viel vor für das bisschen Keramik. Was kostet denn so ein Klo beim Hornbach? Doch nicht mehr als 100 Euro. Wissen Sie, wie viele Zähne man da rauskriegt?
Das Perverseste ist aber: Die Kasse bezahlt nur das Ziehen. Aber den Zahn ersetzen? Weiterleben, ohne dass jeder die Armut sieht, wenn Sie den Mund aufmachen? Privatleistung, und so notwendig wie ein Zungenpiercing oder ein Delfin-Tattoo.
Die Reichen haben Keramik
Die Armen haben Lücken. Und die ÖGK sagt: „So soll es sein. Sehen ist wichtig. Gehen ist wichtig. Aber Kauen ist dekadent!“
Hören Sie es denn nicht? Es steckt sogar schon im Wort drinnen: dekadent. Deka ist zehn. Dent sind Zähne. Dekadent ist in Wirklichkeit ein Deka Zähnt. Aber da fragt niemand: „Darfs a bissal mehr sein?“
Sie können sich keinen neuen Zahn leisten? Dann müssen Sie das Problem anders lösen. Lernen Sie Bauchreden oder konvertieren Sie zum Islam. Die Vollverschleierung ist modisch schwierig, aber zahnästhetisch brillant. Das ist Ihnen zu radikal? Gut, dann werden Sie kreativ! Nützen Sie das Pfeifen durch die Lücke als ein gratis Musikinstrument. Werden Sie reich als das erste Ein-Frau-Orchester! Das hilft Ihnen alles nicht weiter? Dann bleibt nur eines: Wünschen Sie sich zum Geburtstag einen Vorderzahn.
So, das macht dann 280 Euro. Die Rechnung schicke ich an Ihre Zahnfee.
Aida Loos live, z. B. am 25. 2. Kulisse Wien.
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