„Ich hasse Skifahren“: Aida Loos findet das berechtigt
„Ich hasse Skifahren“.
Sssshhht! Leiser! Sind Sie narrisch? Das fällt in Österreich unter Hochverrat. Sie können die Regierung kritisieren, die Kirche, den ORF – aber das Skifahren? Da hört sich der Spaß auf. Da fängt er nämlich erst an.
Schließen Sie die Fenster. Verriegeln Sie die Türen. Ziehen Sie die Vorhänge zu. Gut so, und jetzt verraten Sie mir: Wann hat dieser Hass begonnen? Lassen Sie mich raten: Als Sie zum ersten Mal am Schlepplift hingen wie so ein nasser Waschlappen an der Leine der österreichischen Tourismuswirtschaft.
Es war am Sessellift?
Natürlich. Der Sessellift! Die längste Schweigeminute der Menschheit in einer Apparatur, die aussieht, als hätte jemand eine Hinrichtungsmaschine mit einer Parkbank gekreuzt und die es zusätzlich schafft, Höhenangst, Klaustrophobie und Smalltalk zu vereinen.
Man hängt in zwanzig Metern Höhe wie ein Stück Wäsche an dem Drahtseil des Schicksals. Die Beine baumeln, der Wind pfeift, unter einem das Nichts, dekoriert mit Bäumen und einem Deutschen, der im Tiefschnee steckt und winkt.
Neben einem irgendein Jürgen aus Wels, mit dem man jetzt gefangen ist wie in einer arrangierten Zwangsehe und der verlässlich das Eis bricht mit dem Wort „Traumtagerl“. Erstens: Ein Traum ist etwas, das man im Schlaf hat. Im Warmen. Liegend. Also das diametrale Gegenteil von Skifahren. Zweitens: Tagerl. Das ist so typisch. Wir verharmlosen alles, was uns Angst macht. Schlagerl, Herzkasperl, Tagerl. Wir verkennen jedes Mal die Tatsache, dass wir gleich sterben könnten. Aber niedlich.
Das Schlimmste am Sessellift ist aber der Ausstieg. Es ist ein IQ-Test unter Zeitdruck. Der hält ja nicht an. Warum auch? Zeit ist Geld, also muss man im richtigen Moment abspringen oder eben abstolpern wie ein neugeborenes Kalb.
Und fährt man dann – fällt man dann. Und liegt da wie eine Fußnote in der Geschichte des Wintersports, während 800 Wahnsinnige an einem vorbeiflitzen. Skifahren ist ja ein Massenauflauf mit Stöcken. Es ist die U6 in Weiß.
Und dann diese Skihütten!
Diese holzvertäfelten Kathedralen der Profitmaximierung, wo man einen Germknödel bestellt und etwas serviert bekommt, das aussieht, als hätte man den Germknödel verhört und er hätte alles gestanden. Und dafür zahlt man 19 Euro. Letztes Jahr, heuer sind es bestimmt schon 29. Aber man zahlt. Natürlich zahlt man. Skifahren ist ein Wirtschaftsmodell, das auf der Bereitschaft des Menschen basiert, sich ausbeuten zu lassen, solange man ihm sagt, er hätte Spaß gehabt.
Wissen Sie, was Ihr Problem ist?
Sie haben keines. Ihr Hass ist berechtigt. Niemand muss Skifahren. Es ist nur eine Beschäftigung für Menschen, die Langeweile für ein größeres Problem halten als Knochenbrüche.
Wenn der Berg das nächste Mal ruft, legen Sie einfach auf. Bleiben’S im Tal. Trinken Sie einen Glühwein und warten’S, bis die anderen zurückkommen. Erfroren. Humpelnd. Pleite. Betrachten Sie die Lawinen von unten und wenn Sie einen Hubschrauber vorbeifliegen sehen, halten Sie kurz inne und flüstern Sie: „Traumtagerl“.
So, das macht dann 280 Euro. Zahlen Sie bitte bar. Kreditkarten sind nämlich wie Skipisten: Je dünkler die Farbe, desto wahrscheinlicher der Ruin.
Aida Loos live, z. B. am 7. 5. Kulisse Wien.
Kommentare