INTERVIEW: FRANZOBEL

Franzobel im WM-Fieber: Mein Leben in WM-Vierjahreszyklen

Gezeugt am Tag des Wembley-Tores, erwachsen geworden von WM zu WM – wie Fußball ein Leben strukturierte.

Meine Zeugung passierte am Tag des Wembley-Tores, womit die Frage, ob er drin war oder nicht, geklärt ist. Zur Welt gekommen bin ich dann an einem 1. März um 0 Uhr 13. Eine Viertelstunde früher, und ich wäre heute erst vierzehn. Nicht ganz, weil 1967 kein Schaltjahr war und es somit auch keinen 29. Februar gab. Trotzdem hat sich mein Leben in Vierjahresintervallen abgespielt, nämlich von WM zu WM.

1970 besaßen wir noch keinen Fernseher, aber bereits vier Jahre später waren im Schneegestöber eines portablen Flimmerkastens Ronnie Hellström und Jürgen Sparwasser meine ersten Helden. 1982 begeisterte mich der Außenpracker Bruno Conti, der den Altobellis und Rossis alle Tore auflegte. Die nächste WM fiel in meine fußballlose Zeit, aber ich weiß noch, dass ich am Tag des Finales frischmaturiert gegen die Atommüllaufbereitungsanlage Wackersdorf demonstrierte und an einer Autobahnraststation zufällig Burruchagas Siegestor für Argentinien erlebte.

1990 tauchten Djemben auf, wie sehr viel später Vuvuzelas, die nach jedem Kamerun-Tor ganz Wien in Schwingung brachten. 1994 durfte ich dank eines Literaturstipendiums die Spiele in römischen Trattorias sehen. Vier Jahre später stand ich mit einem greinenden Säugling im Anzengruber und konnte nicht verstehen, was die Mutter am dünnbezopften Roberto Baggio fand. 2002 kommentierte ich das Finale öffentlich in einem Pinzgauer Kulturverein – die deutschen Touristen waren nicht nur über Ronaldos Schamhaarfrisur not very amused.

So ging es weiter von WM zu WM, von einem einschneidenden Lebensereignis zum nächsten. Schon bemerkenswert, wie Fußball das Leben prägt. Und ein Glück, dass er am Tag des Wembley-Tores drin war.

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