INTERVIEW: FRANZOBEL

Franzobels Kolumne "Am Feld": Die Sucht der Panini-Pickerl

Mittlerweile heißen Pickerl Sticker und sind wie jede Sucht ein Mordsgeschäft.

Seit Jahrzehnten gehen in den Pausenhöfen Tütchen herum, berauschen sich Kinder am Geruch einer aufgerissenen Packung, schnüffeln am Kleber und werden zu Süchtigen. Ihre Droge heißt Sammeln. Nicht Bierdeckel, Ferraris oder Pfandflaschen sind die Objekte der Begierde, sondern Fußballer. Also hört man die jungen Junkies rufen: zwei Schlager für Jamal, Jordanien für Kane.

Früher war der Pickerlpackerl-Aufriss billiger, galt es 200 Bilder zu bekommen, mittlerweile braucht man 980, um das Album vollzumachen. Der casus knacksus ist das Wort "verschieden". Wie viele Sammler wohl schon vor Verzweiflung über die Wiederkehr der ewig gleichen Kims, Hussains oder Ndiayes verschieden sind? Tausend Euro, hat ein Mathematiker errechnet, sind im Schnitt aufzuwenden, bis man die Vollkommenheit erreicht. Aber es gibt Abhilfen: Tauschbörsen und WhatsApp-Gruppen.
Sammeln ist Teil der menschlichen DNA, auch wenn nicht mehr das Überleben davon abhängt. Panini-Pickerl sind wie das Aufhängen von Geweihen für Arme, Sammeln eine kontemplative, immer auf Erfüllung hoffende Tätigkeit, aber es macht Spaß, fördert den Austausch und ist ein nettes Vorspiel.

Früher sind Väter mit ihren Söhnen auf die Jagd gegangen, heute reicht ein Gang zur Trafik. Aber wehe, der Filius klebt das erste Pickerl eines mehrteiligen Großbildes schief. Dann bricht die Hölle los, weil meist sind es Väter, die das Unvollständige so eines Albums nicht ertragen, weil sie es bis heute nicht verwunden haben, dass sie 82 den Altobelli nicht bekamen oder 94 den Gascoigne. Mittlerweile heißen Pickerl Sticker und sind wie jede Sucht ein Mordsgeschäft. Dass man Panini auch mit Käse füllen kann, müssen Sammler ja nicht schlucken.

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