Epstein und die Erotisierung von Kindern: Wo sie uns in unserem Alltag begegnet

Die gesellschaftliche Erschütterung über die Epstein-Files ist groß - und erlaubt uns, uns zu echauffieren, statt zu hinterfragen, wo wir selbst Kinderkörper jeden Tag selbst erotisieren.
Diana Dauer
Japanese high school. School children walk outside, unrecognisable, school uniform

Sind wir alle schön geschockt von der Enthüllungen der Epstein-Files, die zeigen, wie mächtige Männer ihre Frauenverachtung und Pädophilie ohne Konsequenzen ausleben? Nun, hoffentlich sind wir als Gesellschaft erschüttert. Allerdings sind wir alle HeuchlerInnen, wenn wir darüber wirklich überrascht sind und Aspekte der Sexualisierung von Kindhaftem nicht auch in uns selbst suchen. 

Erstens sind viele Aspekte der Gewalt und des Missbrauchs schon lange bekannt. Viele Überlebende haben schon vor vielen Jahren Aussagen darüber gemacht, was Ihnen widerfahren ist. Aber wir haben uns leider dazu entschieden, Frauen nicht zu glauben und Täter zu schützen. 

Zweitens sind die Widerwärtigkeiten der Epstein-Buddies “nur” eine extreme Pervertierung der Sexualisierung von Kinderkörpern, die wir alle jeden Tag munter betreiben.

Ja, ich weiß, es klingt hart. Immerhin schüttelt es jeden bei der Nennung des Wortes pädophil. Sollte es auch. Es will und soll nicht leichtfertig benutzt werden. Aber vor lauter Tabuisierung scheinen wir die Sexualisierung von Kinderkörpern als solches zu ignorieren und benennen sie auch nicht, wenn es angebracht ist. Wo ziehen wir die Grenze? Bei der Pubertät von Mädchen? Deswegen wurden viele Epstein-Opfer medial als “underage woman”, also als minderjährige Frauen bezeichnet, statt als Kinder oder Mädchen.

Beauty-Ziel: Vor-Pubertät

Gleichzeitig passiert die Erotisierung von Kinderkörpern in unserer Gesellschaft von uns allen so selbstverständlich, dass wir daran nicht einmal Anstoß nehmen. Erst wenn das Wort “pädophil” fällt, geraten wir in Schaudern und echauffiertes Entsetzen. “Ich doch nicht”, denken wir uns alle. Dabei betreiben wir die Sexualisierung von Kinderkörpern täglich als Lifestyle. Wir nennen es dann nur Skincare, Pflege oder Sportroutine.

Unangenehm, ich weiß. Ich sehe förmlich, wie sich die Augenbrauen beim Lesen dieser Kolumne in ablehnender Skepsis zusammenziehen und sich der Kopf zu schütteln beginnt. Aber schauen wir uns meine (Selbst-)Anschuldigung genauer an:

  • Unsere Schönheitsideale für Frauen gleichen Körpern vor Erreichen der Pubertät. Konkret: Keine Falten, keine Haare an Stellen, die erst mit der Pubertät Haare entwickeln und möglichst wenig Kurven, keine Dellen, kein Fett oder Dehnungsstreifen. Jedes Zeichen von Reife des Körpers ist ein Makel.

Und so stehen wir Frauen, so wie ich auch, täglich vor dem Spiegel und schmieren, tupfen, cremen, laufen, radeln, dehnen, reißen, liften, massieren, injizieren und rasieren unsere Körper. Nur um enttäuscht festzustellen, dass wir täglich weniger Kind sind. (Wir nennen es nur nicht so.)

Die Kosmetik- und Schönheitsindustrie verdient Milliarden daran, dass wir das Einzige anstreben, das nie erreicht werden kann: Die Zeit zurückzudrehen. Die Idealisierung des kindlichen Körpers ist ihr Geschäft.

Die kindhafte Frau bringt mehr Geld

Wir hatten vor wenigen Jahren eine kurze Auszeit dieser an Selbstverletzung-grenzenden und frauenverachtenden, Kinderkörper-verherrlichenden Schönheitsideal. Die kurze Phase hieß Body-Positivity. Damals - ich erinnere mich wehmütig -  konnten Frauen plötzlich und kurzfristig aufatmen. Damals stand nicht der male gaze (der männliche Blick auf den Frauenkörper) im Zentrum der persönlichen Körperwahrnehmung, sondern, dass sich Frauen in ihrem Körper gesund und wohlfühlen sollten. Nun... mit Akzeptanz und (Achtung Buzzword) Selbstliebe lässt sich leider kein Geld verdienen. Und so ist das Idealbild kindhafte Frau zurück, als wäre es nie weg gewesen und brachte mit sich einen Sack voller teurer, neuer Ungemütlichkeit für Frauen: Seren, strombetriebene Rotlichtmasken, Collagenprodukte, Gesichtsbandagen, Cellulite-Pflaster etc. etc. 

Die Mär von Attraktivität der Fruchtbarkeit von jungen Mädchen

Obacht vor der weitverbreiteten Mär, dass Männer sehr, sehr junge Frauen "naturgegeben" sexuell attraktiv fände, weil diese für Fertilität stünden. Die Mehrheit der heterosexuellen erwachsenen Männer fühlt sich im echten Leben sehr wahrscheinlich von erwachsenen Frauen angezogen, nicht von Kindern. Also lassen wir uns bitte nicht alle von Allgegenwärtigkeit der Erotisierung vom Kindhaften blenden. Auch wenn die Schönheitsindustrie ganze Arbeit leistet. Und auch wenn einige toxische, wohl tatsächlich pädophile Internet-Dudes mit Podcasts ihre eigene Präferierung für Teenager damit rechtfertigen wollen, dass es um Fruchtbarkeit gehe und ihre Perversion ein natürliches Symptom der Evolution sei. Die Autorin Jammeela Jamil fasst dieses problematische Phänomen treffend zusammen.

Ihr kennt die Videos der Podcasts sicher. Es sind immer die gleichen Settings: Unpassendes LED-Leuchtschrift und zwei Herren, die sich tief in die Augen schauen, während sie sich gegenseitig energisch kopfnickend zustimmen und sich gegenseitig in ihren misogynen Ergüssen, was Frauen und Mädchen zu tun haben, echoen. Die Kirsche obendrauf: All diese toxischen Un-Weisheiten spucken sie in überdimensionale Mikrofone, die so unnötig groß sind, dass jede/r Westentaschen-PsychologIn darin bloße Kompensation erkennen würde. 

Aus den Epstein-Files sind viele Lehren zu ziehen. Vielleicht sollten wir auch daraus lernen, diese Alltäglichkeiten der Erotisierung von Kindern und Kindhaftem bewusst zu hinterfragen und beim Namen zu nennen, anstatt dieses Verhalten vor lauter Scham in der tabuisierten Sphäre zu verstecken und damit zu schützen. Es ist unangenehm, aber leider notwendig. Vielleicht bringen die Files und der gesellschaftliche Aufschrei zumindest das Bewusstsein, dass wir die Erotisierung von Kindern nicht mehr blind reproduzieren. 

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