Auf ein Buttersemmerl mit Joseph Roth
Kaffeehäuser sind Zeitkapseln. Sieht man 100 Jahre alte Fotos eines Cafés, merkt man: Es hat sich im Grunde nichts geändert. Die Kellner tragen die gleiche Panier, die Tische, Sessel und Logen, die Billardtische und die Garderobenständer – das alles sieht heute noch so aus wie damals. Gut, die Leute sind anders angezogen, man sieht deutlich mehr Hüte, Anzüge und Krawatten, irgendwie schade, dass dieser Style aus dem Alltag weitgehend verschwunden ist; man sieht auf den alten Fotos auch viel weniger Frauen als heute, zumindest das hat sich also verbessert.
Dass im Kaffeehaus viel Tiefsinniges, aber noch mehr Blödsinn verzapft wird, war immer schon so. Generell wurde in den Cafés früher aber sicher mehr geredet und diskutiert als heute. Es gab noch keine sozialen Medien und keine Smartphones – und niemand hat sie vermisst. Es gab ja das Kaffeehaus. Der Stammtisch im Café war Facebook, Insta und X von früher.
Die Welt von gestern
Im Café Central lagen einst angeblich 250 Zeitungen in 22 Sprachen auf. Verglichen damit ist das Angebot heutzutage lächerlich. Trotzdem spielen gedruckte Zeitungen im Kaffeehaus heute noch eine wichtige Rolle. Auch das verbindet uns mit der Welt von gestern.
Schlechter war früher wahrscheinlich der Kaffee. Bier und Wein wiederum haben vielleicht etwas anders geschmeckt als heute, Kipferl und Semmerl hingegen wohl sehr ähnlich. Irgendwie eine schöne Vorstellung: Wer heute im Café Kralicek in eine Buttersemmel beißt, erlebt dasselbe wie Arthur Schnitzler 1890 im Griensteidl oder Joseph Roth 1920 im Herrenhof.
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