Wenn aus Gästen Feinde werden
Unlängst kam es im Fernsehzimmer eines Wiener Kaffeehauses zu einer heiklen Situation. Es lief das Champions-League-Viertelfinale Bayern München gegen Real Madrid, und es wurde immer wahrscheinlicher, dass es in die Verlängerung gehen würde. Spannend war aber nicht nur das Match, sondern auch der Blick auf die Uhr: Die Sperrstunde nahte, der Ober rief bereits die „letzte Runde“ aus. Würden die Gäste etwa vor der Entscheidung rausgeschmissen?
Im Café Kralicek kann einem das nicht passieren. Erstens gibt es Fußball hier nur bei Großereignissen (WM, EM) zu sehen. Und zweitens ist die Sperrstunde so spät angesetzt, dass keine Verlängerung zu lang sein kann. Der Chef weiß: Bei diesem Thema braucht es viel Fingerspitzengefühl.
Sperrstundendiplomatie
Grundsätzlich ist die Sperrstunde (wie die Schließzeiten im Handel) ein kapitalistisches No-Go: Ein Kunde möchte etwas konsumieren, darf aber nicht. Es gibt dafür gute Gründe, zum Beispiel arbeitsrechtliche, das ändert aber nichts daran, dass die Sperrstunde genau der Moment ist, in dem aus Gästen Feinde werden. „Natürlich muss irgendwann einmal Schluss sein“, sagt der Chef. „Aber ein guter Wirt regelt das so geschickt und diplomatisch, dass die meisten Gäste in der süßen Illusion leben, es gäbe gar keine Sperrstunde.“
Für das Champions-League-Match gab es übrigens doch noch ein Happy End. Zuerst versicherte der Ober, dass man das Spiel auf jeden Fall bis zum Ende sehen könne. Dann fielen noch zwei Tore, und es war gar keine Verlängerung nötig.
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