Lektion 40: Ein neuer Blick auf Altbekanntes
Als gebürtige Wienerin ist diese Kolumnistin mit Weinbergen seit jeher vertraut. Da waren die Herbstspaziergänge über den Gießhübl, das Vorglühen in den Maurer Heurigen und noch heute gerne der Besuch des Neustifter Kirtags. Doch obwohl – oder vielleicht weil – sie so bekannt sind, löst der Anblick von Weinhängen in der Wahlheimat eine fast kindliche Freude aus.
Tatsächlich muss sich England vor allem im Schaumweinbereich nicht verstecken: Durch den gleichen Kalkboden wie in der Champagne und das immer wärmere Wetter können passionierte englische Winzer mitunter sogar Champagnerbauern übertrumpfen – und erzählen auf Weingutführungen gerne davon.
Sonntags im Weinberg
Nun wäre dieser Kolumnistin vor dem Umzug nach Südengland eine Weingutführung nicht in den Sinn gekommen. (Wohl auch deshalb, weil viele heimische Weingüter Verkostungen ganz unkompliziert anbieten.) Doch nun kann sie von ihnen nicht genug bekommen. Vergangenen Sonntag spazierte sie fast zwei Stunden durch einen viel zu sonnigen Weinhang. Bestaunte die sauren Trauben, die herumgereicht wurden. Verfolgte, wie die Rüttelmaschine mit dem jungen Schaumwein ihre einzige Drehung des Tages vollführte. Und lernte interessiert, dass der Flaschenhals am Ende gefroren und der abgesetzte Germ so als Eiswürfel aus der Flasche geschossen wird.
Bei der Heimfahrt kam ein Gedanke Hegels in den Sinn. „Das Bekannte“, sagte der Philosoph einst, „überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ Brauchte es den Ortswechsel, um das Altbekannte endlich wahrzunehmen – oder ist es lediglich das Alter?
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