Vom Trauma zum Traum: Angelika Niedetzky fährt auf die Hütte
Nicht die Herrgottschnitzerhütte, aber trotzdem einsam.
Der Wiener Himmel hat seit Wochen einen Dachschaden. Um der ewig grauen Decke zu entkommen, bin ich zur Herrgottschnitzerhütte aufgebrochen, die Freunde mit ihrem Hund pachten. Ich hatte es eigentlich nie so mit Hütten. Eine Kindheitserinnerung an einen die ganze Nacht lang andauernden Reizhusten aufgrund einer grauen, kratzigen Decke auf der letzten Hütte vor dem Gipfel des Olymp hatte mich nachhaltig davon abgehalten, Zeus oder irgendeinem Hüttenwirt jemals wieder zu lange zu nahe zu kommen. Und wenn schon über Nacht, dann ausschließlich unter Alkoholeinfluss. Und auch wenn andere unter einer stecken wollten, sicher steckte ich nie wieder unter einer grauen, kratzigen Hüttendecke! Nicht mal meine Hunde ließe ich auf so etwas schlafen!
Grau in grau
Die unendliche Stille und die ersten Sonnenstrahlen lockten mich am nächsten Morgen auf den Gipfel. Ihr Götter des Olymp, schaut her! Ich lehne mich ans Gipfelkreuz, vor mir glitzert unberührter Schnee, kein Mensch weit und breit, und ich schaffe erstmals seit Langem, was sonst eher Männern gelingt: Ich denke an nichts! Da rinnt das Quellwasser, das in der Hütte aus der Leitung fließt, unter meinen Füßen durch, ich bin eine Stunde von Wien entfernt und ich musste wegen einer grauen Decke 47 Jahre alt werden, um zu erkennen, wie wertvoll das hier ist? Ich Volltrottel!
Zurück in der Hütte erwarteten mich die besten selbergemachten Käsespätzle seit jeher, wir spielten Spiele, redeten miteinander und vergaßen den Alltag vor dem knisternden Ofen. Doch dann am Nachmittag ein kurzer Rückfall. Ich schaute aufs Handy.
Das ist eigentlich schon die Pointe hier mitten in der Wildnis. Aber raus mit der ganzen Wahrheit: Aus reiner Gewohnheit, völlig unbewusst öffne ich Instagram und fange an zu scrollen. Gott (war es gar Zeus?) sei Dank, rinnen mir die Tränen schon nach dem dritten gelesenen Posting runter, und ich hau’ das Telefon in die Ecke. Gefangene Wale in der Antarktis, ein 88-jähriger Obdachloser, dem ein Influencer einen Rollstuhl schenkt und Augenzeugenvideos aus dem Gazastreifen haben mich auf den Hosenboden gesetzt und auf den Hüttenboden der Tatsachen gebracht.
Stille. Absolute Stille. Nur der Holzboden knarzt. Wohin kann man dieser Welt noch entfliehen, ohne sie zu verlassen? Als mir am Abend frisch wurde, entdeckte ich im Kasten meines kleinen Zimmers eine graue Decke. Meine Nase rümpfte sich von ganz allein. Der Vorteil von zwei Hunden ist der, dass man sich mit dem einen die Füße und mit dem anderen den Bauch wärmen kann. Man braucht überhaupt keine zusätzliche graue Decke!
Tags drauf war ich wieder in der Stadt. Der Himmel: grau. Das macht es mir leichter, vom nächsten Ausflug in die Berge zu träumen. Vielleicht kuschle ich mich eines Tages in eine graue Hüttendecke. Ganz ehrlich: Fast geht sie mir schon ab.
Angelika Niedetzky ist Schauspielerin und Kabarettistin. „NIEDETZKY & TRITSCHERDOGS: 6. März in Kumst, Strasshof, NÖ und 9. März im Casanova, Wien.
Kommentare