Alfred Dorfer im WM-Fieber: Sportberichterstattung ist Wissenschaft
Drei Stimmen, drei Blickwinkel, ein Sport: Mal analytisch und pointiert, mal emotional und augenzwinkernd, mal überraschend quer gedacht. Hier schreiben abwechselnd Schriftsteller Franzobel, Schauspieler Alfred Dorfer und Autorin Johanna Sebauer.
Von Alfred Dorfer
Es ist durchaus interessant, mehrere Medien am Tag zu konsumieren. In erster Linie aus Gründen der Vielfalt, die in der k. u. k.-Monarchie seltsamerweise gegeben war. Um das Jahr 1900 erschienen etwa in Wien täglich an die 30 verschiedene Zeitungen. Insofern interessant, da doch viele Menschen damals des Lesens gar nicht mächtig waren.
Deshalb griff man zu einem genialen Kniff und engagierte "Zeitungsvorleser". Ein Job, der angesichts der schwindenden Alphabetisierungsrate reaktiviert werden sollte. Wer nun dieser Tage einen Matchbericht in verschiedenen Medien liest, stellt oft eine frappante Übereinstimmung fest. Sie gleichen einander weitgehend. So als ob irgendwo im Geheimen der Überkommentator sitzt, dem alle gehorsam folgen.
Eine Art journalistische Essigmutter, die sich in andere Essige fortpflanzt. Schnell keimt da bei böse gesinnten Querulanten der Verdacht auf, dass die meisten Kommentare nicht aus eigener Erfahrung stammen könnten, sondern, wie es in der Schule so schön hieß, "abgeschrieben" sind. So als ob uns ein Medium nur vorgaukeln wollte, selbst dabei gewesen zu sein. Kein authentisches Augenzeugnis mehr, sondern schnödes Nachplappern?
Unsinn. Es gibt eben Eindeutigkeiten wie ein Match zu lesen ist, da sind sich alle Expertisen einig. Und dass man sogar die gleichen Worte findet, ist auch nichts Überraschendes. Bei manchen Flanken-, Abseits- oder Elferentscheidungen ist eben nur eine Formulierung möglich. Fast mathematisch. Wo kommen wir denn hin, wenn sogar schon in der Sportberichterstattung alles irgendwie dem persönlichen Zugang unterliegt.
Die Perspektive ist eben eine Frage der Perspektive, aber Sportberichterstattung ist Wissenschaft.
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