Werner, ein Herzog für Herz und Hirn
Das echte Leben, jetzt auch digital. Der Grund für diese Jubelmeldung ist kein Influencer, der den glattbügelnden Sierra-Filter weggelassen hat. Sondern ein 83-jähriger alter weißer Mann: Werner Herzog. Der Instagram-Account des Kultregisseurs, der für „Fitzcarraldo“ Klaus Kinski bändigte und einen Flussdampfer über einen Berg im Dschungel von Peru ziehen ließ, ist wunderbar gestreift vom existenzialistischen Wahnsinn wie Herzog selbst.
Mal brutzelt er bloß ein Steak oder führt stolz seine jodelnden Spielzeug-Biber vor. Dann wieder eine Pfeilspitze, die sich bei einem Dschungeldreh durch den Hals eines Kollegen bohrte. Zum neuen Jahr zeigte er zwei Buben, die er in Sibirien traf, die in einer krakeelenden Litanei zum Pling-Plang eines Banjos ein Volkslied singen. Herrlich absurd und grotesk normal ist dieser Feed. Und so ziemlich das Herz-und-Hirn-Erhellendste, das man sich in den asozialen Medien gönnen kann.
Storys mit Substanz
Mehr als eine dreiviertel Million Menschen folgt Herzog dafür. Was lieben die Menschen daran? Im unaufhörlichen Algorithmus-Strudel erzählt er Storys mit Substanz. Von unfassbaren Menschen, Erlebnissen, Ländern, Filmen. Persönlichkeit statt Prahlerei, Erfahrungsschatz statt Emojis, zur Kenntlichkeit entkleidetes Menschsein als Gegenmittel zur KI-Fantasiemaschine.
Herzogs Account führt auch zurück zum Anfang des Internets, als Brückenbauer zu anderen Welten. In der Kurve, die zum neuen Lifestyle-Trend Offline-Sein führt, ist Herzog die letzte digitale Raststation. Unprätentiös zeigt er die Macht des Erzählens, die Sehnsucht nach echten Geschichten. Hollywood sollte dem Beispiel folgen.
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