"Die Welt macht mir Angst": Aida Loos rät zur Verachtung
Die ganze Welt auf einmal? Das ist aber gierig. Die meisten Menschen begnügen sich mit Einzelängsten – Spinnen, Spritzen, Reumannplatz. Aber Sie? Sie nehmen gleich den ganzen Planeten. Das ist keine Angststörung, das ist Größenwahn in Moll. Andere haben Panikattacken. Sie haben Panoramaattacken!
Setzen Sie sich doch erstmal. Nein, nicht ans Fenster! Da sehen Sie ja die Welt. So, und jetzt seien Sie spezifisch: Welche Welt? Die Angst ist nämlich wie die Steuer: Man muss sie schon aufschlüsseln können, sonst kommt das Finanzamt der Seele und macht eine Schätzung. Die fällt immer zu hoch aus.
Es sind die Nachrichten? Dann schauen S’ halt keine. Sie wollen aber informiert bleiben? Das ist Selbstverletzung. Das ist Ritzen mit Roaming. Denn normalerweise meidet man intuitiv die Dinge, vor denen man sich fürchtet. Aber Sie? Sie stehen Schlange am All-you-can-fear-Buffet. Täglich. Mit einem großen Teller, den sie sich vollschaufeln mit Krisen, die Sie nicht verdauen können. Und dann wundern Sie sich über die seelische Adipositas.
Sie haben Angst vor einem Krieg? Kriege, muss man ja sagen. Plural. Man verliert gerade schnell den Überblick, wer wen tötet. Es ist alles so fragmentiert. Wie bei Netflix: Man hat zu viel Auswahl. Darum scrollt man nur noch durch das Grauen und findet nichts, das einen wirklich packt. Der Mensch ist für einen Säbelzahntiger gebaut, nicht für 17 gleichzeitige Apokalypsen und acht Nischenkriege. Heutzutage ist ja für jeden etwas dabei. Der Krieg ist diverser geworden, man könnte fast sagen: woke. Jeder darf mitmachen.
Auch aus der Ferne. Vor allem aus der Ferne, deswegen ist der Westen ja so besorgt, weil er gerne glauben würde, dass seine Angst wichtig ist. Dass jemand oben sagt: „Schau, da macht sich jemand Sorgen! Wie rührend!“ Tut aber keiner. Die Welt ist unendlich und unendlich desinteressiert. Sie ist der einzige Narzisst, der wirklich Recht hat: Sie ist der Mittelpunkt und sorgt sich nicht um die Sorgen anderer. Wir sind trotzdem besorgt. Wir sind beispielsweise gegen das iranische Regime, aber für das Geschäft. Das ist die westliche Lösung: moralisch dagegen, wirtschaftlich dafür, emotional unbeteiligt.
Wir müssen etwas tun?
Das sagen alle, und dann tut keiner etwas. Weil „wir“ niemand ist. „Wir“ ist das größte Leo der Weltgeschichte und gleichzeitig der Ort, an dem die Verantwortung stirbt. Das ist aber kein Weltuntergang. Das ist Weltwiederholung. Die Geschichte reimt sich nicht nur, sie stottert. Sie haben Angst vor der Spaltung? Haben Sie lieber Angst vor der Einheit. Wenn sich alle einig sind, ist meistens Krieg.
Was ich Ihnen rate? Ersetzen Sie Angst durch Verachtung. Die steht Ihnen besser. Angst zieht das Gesicht nach unten, Verachtung hebt die Augenbraue. Angst kriecht, Verachtung schwebt. Reduzieren Sie außerdem Ihren Nachrichtenkonsum auf ein Mal täglich. Wie Ihren Stuhlgang. Und behandeln Sie ihn genau so: erledigen, nicht genießen.
So, das macht dann 280 Euro bitte. Ich sehe, Sie zucken schon wieder. Ist es die Angst vor der Teuerung? Die ist berechtigt! Die Teuerung ist wie Altern. Man merkt es nicht, bis man es merkt, und dann ist es die einzige Sache, die man noch merkt. Aber keine Angst, die Inflation entwertet auch Ihre Probleme.
Aida Loos ist mit „Zeitloos“ auf Tour, z. B. am 25. 2. in der Kulisse Wien.
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