Königin der Blumen: Warum die Rose mehr als nur ein Symbol ist
Kaum eine Blume wurde so oft gezüchtet und inszeniert wie die Rose. Dabei erscheint sie auch als Bühne für Exzess und Macht.
Wer dieser Tage durch den Wiener Volksgarten spaziert, erlebt die Hochblüte von über 4.000 Rosen – ein Schauspiel, das in dieser überschwänglich, leuchtenden Üppigkeit nur noch kurze Zeit anhält. Verliebte und Flaneure posieren zwischen bunten Blüten, die Smartphones im Anschlag. Es ist eine Kulisse, die rosige Zeiten inszeniert: mit Teehybriden, Floribunda-, Flower-Carpet- und Englischen Rosen. Darunter auch die Sorte „Rubens“, deren Züchtung älter ist als die Wiener Ringstraße.
The Rose, 2021, von der britischen Malerin Lizzie Riches ist eine Auftragsarbeit für den Parfümhersteller „Fragonard“
©Courtesy The Red Dot GalleryLuxusobjekt, Duftlabor sowie Statussymbol
Über dieser Szenerie im Rosarium liegt jener Duft, den Parfümeure seit Jahrhunderten zu konservieren versuchen. Die Rose ist seit jeher Luxusobjekt, Duftlabor sowie Statussymbol. Das zeigt auch der Bildband „Die Rose. In Fotografie, Grafik, Kunst, Kunsthandwerk und Mode“ (Prestel Verlag). In der Kunst funktioniert die „Königin der Blumen“ jedenfalls als starkes Motiv. Eine Rose ist eben mehr als eine Rose ...
Der französische Grafikdesigner Jean Jullien hat der Flamenco-Tänzerin 2023 ein Kleid aus echten Rosen kreiert.
©Jean JullienÜberall Rosen für Parfum
Wie sie Künstler beflügelt, zeigt etwa The Rose Dress der britischen Malerin Lizzie Riches. Das fast lebensgroße Porträt einer Frau in elisabethanisch inspiriertem Kleid wurde für das französische Parfümhaus „Fragonard“ in der für Düfte berühmten Stadt Grasse geschaffen. Überall Rosen: auf dem Stoff, im Hintergrund, in der Hand der Dargestellten. Man ahnt hier nicht, dass die Rosa centifolia, deren handgepflückte Blütenblätter die Essenz für Dior- und Chanel-Parfums liefern, durch den Klimawandel in Bedrängnis geraten ist. Ihr Duft habe sich verändert, schrieb die Süddeutsche Zeitung kürzlich.
Eine rote Rose ist nicht selbstsüchtig, weil sie eine rote Rose sein will. Es wäre aber furchtbar selbstsüchtig, wenn sie wollte, dass alle Blumen im Garten rote Rosen sind.
Oscar Wilde
Positives kommunizieren
Ebenfalls mit Blütenblättern hat der französische Grafikdesigner Jean Jullien das Kleid einer Flamenco-Tänzerin kreiert. Die Figur ist mit wenigen Strichen gezeichnet, ihr Kleid überdimensioniert, die Blütenmasse bedeckt fast den ganzen Körper. Vielleicht zu lang, um damit tanzen zu können? Jullien hat sich mit seinen leichtfüßigen Illustrationen längst einen Namen gemacht. Sein Anliegen: „Meine Arbeit soll das Positive in den Dingen kommunizieren, die Leute zum Lächeln bringen und manchmal – hoffe ich – auch zum Nachdenken.“
Das berühmte Gemälde von Alma-Tadema zeigt eine tödliche Szene
©mauritius images / Alamy Stock Photos / Artium/Alamy Stock Photos/Artium/mauritius imagesDüster-Bedrohliches erzählen
Dass zarte Blumenpracht in der Kunst auch Düster-Bedrohliches darstellen kann, zeigt Lawrence Alma-Tademas Gemälde Die Rosen des Heliogabalus aus dem Jahr 1888. Kaiser Elagabal steht – wie die Tyrannen Nero oder Caligula – für Zügellosigkeit und Wahnsinn. Der Maler inszeniert eines der dekadenten Gelage, bei dem Rosenblätter am Boden liegen, durch die Luft fliegen und als Girlanden über den Köpfen der Feiernden schweben. Auf einem Marmorpodest trinken die Herrschenden, während unter ihnen Menschen von Blüten regelrecht begraben werden. Was auf den ersten Blick wie ein exzessives Fest erscheint, ist in Wahrheit die Darstellung eines grausamen Mords. Alma-Tadema greift damit eine Erzählung aus der um 400 entstandenen Historia Augusta auf, einer Sammlung römischer Kaiserbiografien.
Ann Lowe (1898–1981) war die erste afroamerikanische Modedesignerin in New York
©Winterthur Museum, Garden & Libr/National Museum of African American History and Culture, Washington, DCAmerican Beauty
Nicht nur Künstler ließen sich von Rosen inspirieren, auch Modedesignerinnen wie Ann Lowe machten sie zum Motiv. Ann Lowe (1898–1981) zählt zu den bedeutendsten afroamerikanischen Modedesignerinnen des 20. Jahrhunderts und wurde für ihre handgefertigten Stoffrosen bekannt. Berühmt ist sie auch als Schöpferin des Hochzeitskleids von Jacqueline Bouvier, der späteren Jacqueline Kennedy, das 1953 mit großen Rosetten verziert war. Als Meisterwerk gilt das „American Beauty“-Kleid von 1966/67: es ist überzogen mit dreidimensionalen Ranken und Seidenrosen, ein Markenzeichen der Designerin.
Die pfirsichfarbenen Zentifolien, rosaroten Teehybriden und Floribunda-Rosen sind nicht echt, sondern Zuckerblumen
©Natasja SadiAn ausbeuterische Gewalt erinnern
Völlig anders setzt Natasja Sadi das Gewächs in Szene. Ihr Arrangement von 2023 sieht aus wie ein niederländisches Stillleben: Rosen in einer Delfter Vase, üppig und täuschend echt. Doch die Blumen bestehen aus Zucker. Sadi, in Surinam geboren und in Amsterdam lebend, modelliert Pflanzen von der Knospe bis zur verwelkenden Blüte. Die Rose zeigt bei ihr Schönheit und Handwerk, aber auch die Erinnerung an ausbeuterische Gewalt. Während in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts Blumenstillleben entstanden, arbeiteten versklavte Menschen in den Kolonien auf Zuckerrohrplantagen.
Viele Bühnen für die Rose
Was all diese Beispiele zeigen: Rosen sind weit mehr als bloße Zierde. Sie stehen für Schönheit und Verführung, für Luxus und Vergänglichkeit, Macht und Herrschaft – und behaupten sich bis heute als eines der wandlungsfähigsten Motive der Kunst- und Kulturgeschichte. Ihre Vielfalt ist dabei so einzigartig, dass, wer sie betrachtet fast die Zeit vergisst.
Das Rosarium im Volksgarten bietet die Bühne, um die Farbenvielfalt von Weiß über Gelb, Orange, Rosa und Rot zu präsentieren. Ein botanisches Archiv von mehr als 300 Sorten, die sich als Beet-, Hochstamm-, Schling- und Parkrosen zeigen. Eine Rose ist eben nicht nur eine Rose ...
©Prestel Verlag
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