Eine Person in einem Raumanzug steht in einer Werkstatt mit Werkzeugen, Regalen und einem gelben Wagen.

Reise ins All: Wie Science-Fiction Raketenforschung befeuerte

Popstars fliegen ins All, Forscher planen die Rückkehr zum Mond. Lange galten Raketen als Unsinn. Ein Buch zeigt, warum Fortschritt ohne Fantasie undenkbar ist.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt eine Reise ins Weltall als so seriös wie ein Wochenendausflug auf einem Einhorn. 1919 wurde der US-Raketenforscher Robert H. Goddard von der New York Times noch öffentlich hergewatscht.

In seiner Abhandlung A Method of Reaching Extreme Altitudes hatte er behauptet, Raketen könnten theoretisch unbegrenzt hoch fliegen. Die Zeitung wusste es – vermeintlich – besser: Im Vakuum gebe es schließlich nichts, wogegen sich eine Rakete „abstoßen“ könne. 

Physik, wie man sie damals in der Oberstufe kannte. Fünfzig Jahre später, als Menschen tatsächlich auf dem Mond herumspazierten, musste die Zeitung das Ganze mit einem dezenten Erratum geradebiegen. 

Vom Mond und dann zum Mars

Und heute? Da bereitet sich die NASA mit den Artemis-Missionen auf die Rückkehr zum Mond vor. Diesmal nicht nur für Fußabdrücke und Proben, sondern für längere Aufenthalte und den nächsten großen Sprung Richtung Mars.

Mehrere tiefe Fußabdrücke mit Rillenmuster im staubigen, grauen Boden, im Hintergrund liegen kleine Gegenstände.

Diese Spuren von Astronauten  wurden während der Apollo-17-Mission, der vorerst letzten bemannten Mondmission 1972, fotografiert.

©imago/StockTrek Images/imago stock&people/StockTrek Images

In der Geschichte der Menschheit sind es nicht nur die Forscher, die groß – und vor allem hoch – dachten. „Die Weltraumforschung basiert zwar auf Wissenschaft, aber der Funke wird oft von Künstlern und Träumern entzündet. Fantasie und Fiktion sind ein zentraler Bestandteil dieser Geschichte; sie können so stark sein wie Raketentreibstoff“, schreibt der britische Wissenschaftsjournalist Dallas Campbell in seinem neuen Pracht-Bildband „Der Traum vom Weltraum. Menschen, Missionen und Meilensteine der Raumfahrt“, der beim Knesebeck-Verlag erschienen ist.

Der Mond-Dämon erklärt die Reise

Und manche verbinden, wie das Buch schön aufzeigt, Kunst und Wissenschaft: Mathematiker und Astronom Johannes Kepler (1571–1630) schrieb mit der Kurzgeschichte Somnium schon früh eine verwegene Science-Fiction-Reise zum Mond. Der wissbegierige Isländer Duracotus saugt beim dänischen Astronomen Tycho Brahe die neueste Kosmologie auf. Zurück in Island trifft Wissenschaft auf Okkultismus: Ein herbeigerufener Mond-Dämon erklärt, wie Geistwesen entlang des Erdschattens zwischen Erde und Mond reisen.

Fakten

  • 400 Tausend Menschen waren am Apollo-Programm der Nasa  in den Sechzigern und Siebzigern beteiligt.
     
  • 50 Hunde wurden für das  sowjetische Raumfahrtprogramm als Vorhut der Menschheit ins All geschickt. Die Streunerhündin Laika war die Erste. Sie überlebte ein paar Erdumrundungen.
     
  • 1.800 Lichtjahre ist der 2015 entdeckte Planet Kepler-452b von der Erde entfernt.   

Menschen könnten das auch. Wenn sie nur gut verschnürt, mit Opiaten ruhiggestellt und von Geistern wie aus einer Kanone ins All geschossen werden. Am Ende wartet auf dem Mond eine fremde, aber nach denselben physikalischen Regeln funktionierende Welt.

Kepler, der Mann, der die Gesetze der Planetenbewegung aufgestellt hat, mochte Schriftsteller der Antike, die schon Weltraumabenteuer beschrieben. Und er liebte Gedankenexperimente. Was wäre anders in der Astronomie, wenn wir den Sternenhimmel vom Mond aus betrachten würden?

Der französische Schriftsteller Cyrano de Bergerac hatte im 17. Jahrhundert ebenfalls große Mondpläne – und dazu eine eher kreative Vorstellung von Raumfahrt. Zuerst bindet sich ein Cyrano im Roman L’Autre monde ou les états et empires de la Lune Flaschen voller Morgentau um den Körper, lässt sich von der Pariser Sonne hochziehen und landet immerhin in Kanada. Danach setzt er auf Feuerwerksraketen, ganz im Geiste der chinesischen Legende Wan Hu. Der Beamte schoss sich laut alter Sage im 14. Jahrhundert mit 47 Raketen auf einem Stuhl Richtung Mond. Nach einem ordentlichen Knall verschwand er.

Innovation nach Kriegsende

Ein Meilenstein ist dann Jules Vernes Roman Von der Erde bis zum Mond aus dem Jahr 1865. Der Kanonenklub von Baltimore leidet nach dem Ende des Bürgerkriegs schwer unter akuter Beschäftigungslosigkeit. Schließlich war der Krieg ein echter Innovationsmotor fürs Schießwesen. Um der eigenen „erbärmlichen Inaktivität“ zu entkommen, muss also ein Großprojekt her. Die Lösung: eine gigantische Kanone bauen und ein Projektil einfach mal Richtung Mond abfeuern.

Ein riesiger, dreibeiniger mechanischer Apparat mit Strahlenwaffe bewegt sich bedrohlich auf eine Stadt zu.

llustration aus H. G. Wells’ „Krieg der Welten“ - von Henrique Alvim Correra aus der französischen Edition 1906. Marsmenschen wollen hier die Erde erobern.

©imago images/KHARBINE-TAPABOR/1906 via www.imago-images.de

Wie Campbell schreibt, ist der wahre Protagonist der technische Fortschritt des 19. Jahrhunderts: technische Details gibt es hier ohne Ende. Und das Ganze passte einfach wunderbar in die Zeit: Der Begriff „Zukunft“ wurde im späten 19. Jahrhundert zum Modewort. Das neue Medium Kino begann im 20. Jahrhundert mit Georges Méliès’ Version von Vernes Reise zum Mond.

Als Mondmann oder modernen Jules Verne verspotten Zeitungen Robert Goddard. Der Physikprofessor hatte in einem Essay angekündigt, es wäre möglich, eine unbemannte Rakete bis zum Mond zu schießen. Am 16. März 1926 aber zündet er eine Rakete mit flüssigem Sauerstoff und Benzin. Sie hebt 12,5 Meter ab, fliegt 56 Meter zur Seite und bleibt 2,5 Sekunden in der Luft. Es ist die erste Flüssigkeitsrakete der Welt. Sie ist effizienter und kraftvoller als Schwarzpulver, das man bis dahin verwendet hatte. Und sie wird die Raumfahrt revolutionieren.

Fünf Männer stehen nebeneinander und halten gemeinsam eine große silberne Rakete vor einem Blechschuppen.

Pionier Robert H. Goddard und seine Kollegen halten die Rakete eines Flugs vom 19. April 1932.    
 

©IMAGO/GRANGER Historical Picture Archive/IMAGO/140_1686840

Gezündet wurde dieser Traum schon viel früher. Goddard liest als Teenager eine Zeitungsadaption von H.G. Wells’ Krieg der Welten. Darin setzten Marsianer in dreibeinigen Kampfmaschinen zur Eroberung der rohstoff- und wasserreichen Erde an. Der noch junge Goddard fragt sich: Wie kann so eine Maschine für so eine lange Reise überhaupt funktionieren? 

Hundert Jahre nach diesem denkwürdigen Raketenstart sieht die Sache ganz anders aus. Das Weltall ist längst kein Ort mehr nur für die klügsten Visionäre und die bestens ausgebildeten Astronauten mit Nerven aus Drahtseilen. Mittlerweile schießen Multimilliardäre Promis dorthin. Star-Trek-Kapitän Kirk, also William Shatner, durfte mit Jeff Bezos’ Raumfahrtfirma mit 90 tatsächlich noch einmal echte „Unendlichkeiten“ schnuppern. 

Katy Perry im Weltraum

Und Popstar Katy Perry, zuletzt eher wegen ihres Privatlebens als wegen neuer Hits in den Schlagzeilen, ließ sich mit einer rein weiblichen Crew über die 100-Kilometer-Marke schießen – zur Promotion ihrer Tournee. Und, wie sie betonte, um ihre Tochter zu inspirieren.

Elon Musks SpaceX arbeitet an wiederverwertbaren Raketen, die All-Reisen billiger machen sollen. Dazu forscht das Unternehmen am Starship, das eines Tages den Mars erreichen soll.

Nahaufnahme einer silbernen Raumkapsel mit mehreren kleinen Fenstern und einer großen Luke vor schwarzem Hintergrund.

Heute schicken Multimilliardäre wie Elon Musk wiederverwertbare Raumschiffe in ungeahnte Höhen. Hier die  erste SpaceX Dragon-Kapsel, die 2021 in den Orbit flog.

©Barbara Diener 2023

Der ehemalige NASA-Chefwissenschaftler James L. Green sagte in einem freizeit-Interview, dass es sehr realistisch sei, dass es in den nächsten 50 Jahren eine bemannte Marsmission geben wird.

Das wird dann ganz schön etwas kosten.

Spiel mit den Zahlen

Aber Astronomie ist nun mal ein Spiel mit großen Zahlen. Und das nicht nur beim lieben Geld. Wer weiß schon, wie viel Sternlein wirklich stehen? In einer klaren Nacht sieht man, wie Campbell so schön vor Augen führt, tausend Sterne. Dabei ist unsere Milchstraße nur eine von geschätzt zwei Billionen Galaxien.

Eine Person im Schutzanzug steht vor einem großen, goldenen, sechseckigen Spiegelsegment in einer technischen Anlage.

Ein NASA Ingenieur sieht sich die ersten  sechs flugbereiten Primärspiegelsegmente des James-Webb-Teleskops an.

©IMAGO/ZUMA Wire/IMAGO/NASA

Und weiß man, wie viel Planeten so kosmisch auf ihren Bahnen durchs All tanzen? Naja, zumindest versuchte man ihnen in detektivischer Arbeit auf die Schliche zu kommen: mal verriet das „Wackeln“ eines Sterns einen unsichtbaren Planeten mit großer Anziehungskraft, mal ein kurzes Abdunkeln, wenn ein Planet vorbeizog. Heute ist das dank besserer Teleskope, mehr Rechenpower, künstlicher Intelligenz und Missionen wie Hubble, Kepler oder TESS deutlich einfacher. 

Rund 5.000 Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, sind bereits bestätigt. Die wahre Zahl dürfte jedoch astronomisch sein: etwa eine Trillion Planeten im beobachtbaren Universum, eine Zahl mit 21 Nullen.

Erreichen wird die Menschheit im Laufe ihres Weiterbestehens wohl nicht allzu viele von ihnen. Aber man wird doch wohl noch träumen dürfen.

Buch

Buch

Dallas Campbell:  Der Traum vom Weltraum. Menschen, Missionen und Meilensteine der Raumfahrt,  40 Euro, Knesebeck 

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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