Abstrakt und intensiv: Ein Atelierbesuch bei Maler Hubert Scheibl
Pudel, Krokodile und das Wagnis, der Welt ihre Festschreibung zu entziehen bei einem der bedeutendsten Maler Österreichs.
Eine stumpfe, dicke Eisentüre markiert wuchtig den Eingang zu einem poetischen Kosmos aus Abstraktion und Farbexplosion. Gleich dahinter steht der Maler Hubert Scheibl, der sie gleich öffnen wird, und nochmal hinter ihm hausen zwei bis drei Krokodile, ein Hai, der mit einem einzigen Happen einen Wolf, eine Ente und einen Salamander verspeist, eine lebensgroße Puppenkopie des Meisters, den wir besuchen, und das ist gelinde gesagt erst der Anfang. Doch zuerst springt – auf ihn mit Gebrüll! – aufgeregt der Pudel des Hauses namens Winston an uns hoch. Der will nur spielen, was doch schon zum Thema passt, denn auch alle Kunst, die uns gleich hier erwartet, ist Spiel, Idee und Illusion.
Hubert Scheibl selbst war eben noch beim Chinesen ums Eck essen. Ein kleiner Reiseausflug zur Mittagszeit, zumindest kulinarisch; vor wenigen Wochen erst ist er von einem Aufenthalt aus Japan zurückgekehrt. Reisen – „extrem wichtig“, eine Hauptquelle seiner Inspiration. „So schön es hier auch ist“, sagt Scheibl und sieht sich lächelnd links und rechts um in seinem weitläufigen Dachatelier in Wien-Neubau, „es ist auch eine Form von Knast. Es ist halt mein Knast.“
In diesem Knast malt Hubert Scheibl seit Jahrzehnten Bilder, die ihn zu einem der wichtigsten Künstler gemacht haben, die Österreich kennt. Er hat an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert, bei Max Weiler und Arnulf Rainer gelernt, Österreich 1985 bei der Biennale von São Paulo und 1988 auf der Biennale di Venezia vertreten, wird in Albertina, Belvedere, Essl Museum und mumok ausgestellt, international gefeiert. Seine Malerei: expressiv, mit mutigem Griff hinein in den Farbtopf, abstrakt.
Realismus gibt es genug
Früh gehörte er einer losen Gruppierung an, bei der auch Herbert Brandl oder Otto Zitko waren – die „Neuen Wilden“, geprägt von farbintensivem Befreiungsdrang, Licht, Fülle, Pracht. Und große Geste. Ein wichtiges Kapitel heimischer Kunstgeschichte. Heute geht Scheibl es auch ruhiger an. Doch immer noch ist Farbe und ihre Abstraktion ein Ausdrucksmittel, das seine Werke unmittelbar fühlbar macht.
Die neuesten: Die Serie „Talking“, die am 25. März in der Galerie Kovacek & Zetter in Wien Vernissage feiert. Mit viel Gefühl und gleichzeitig schwungvoller Verve hat er Farbräume von großer Anziehungskraft geschaffen. Spannend modulierte Farbbahnen, mit dem Pinsel geschwungen, die sich auf einem mit Ölfarben gemalten Hintergrund von großer Tiefe in den Vordergrund drängen, harmonisch und kraftvoll in einem, dann wieder Farbteppiche, mit Spachtel und Rakel gezogen.
Warum abstrakt? Hubert Scheibl findet darauf eine schöne Antwort. Weil er auf diese Art mit seinen Bildern den festgeschriebenen Tatsachen des Lebens, mit Namen und Worten versehen, ein bisschen die Berechtigung entzieht, sagt er. Weil es in Frage stellt. Ist das, was uns da ins Auge sticht, ein Kopf, ein Haus, eine Frauenhand? „Die Welt ist voller realistischer Abbildungen“, sagt Scheibl schmunzelnd. „Ich bin mehr für den Zwischenbereich zuständig.“
Maler Hubert Scheibl und sein Farbenspiel: „Man hat immer Millionen Möglichkeiten"
©kurier/Barbara NidetzkyPingpong mit Pinsel
Scheibl zieht seinen Malkittel an und wandert durch sein Atelier. Von oben kommt viel Licht, und wenn man aus den Fenstern schaut, legt die Stadt sich einem vor die Füße. Fröhlich winkt Scheibl von der Terrasse dem Nachbarn zu, einem Opernsänger, der sich auf seinem Dach sonnt. Und fröhlich mischt er jetzt Farben mit der Spachtel an. Azurblau. Violett. Beige. Warum gerade diese? „Man hat immer Millionen Möglichkeiten“, sinniert Scheibl, „aber letzten Endes ist es wie beim Pingpong: Das Bild spielt einem eine Farbe zu wie einen Ball, und den nimmt man auf und spielt ihn zurück.“ Ein vorgefertigtes Konzept, mit dem er sich an die Arbeit macht, lehnt er ab. Strikt. „Wenn sich Bilder organisch entwickeln, erweisen sie sich von besserer Gelenkigkeit als ausschließlich ausgedachte.“
Der Zufall ist ein Freund. Der für Glücksmomente sorgt. Besonders schön war das schon in Scheibls Serie „Ones“ anzusehen. Erst die Vorbereitung, in der er den Hintergrund malt, trocknen lässt, und bis Ölfarben trocknen, dauert es lange; dann die nächste Schicht, danach die nächste, mehrere Wochen kann das dauern. Schließlich der alles entscheidende Moment: Scheibl, auf einem Stockerl vor der riesigen Leinwand balancierend, greift zum Pinsel. In einem Zug zieht er eine vielfarbige, wunderschöne Schleife über das Bild, wie dahingeweht, kontemplativ und dynamisch zugleich, ein Geheimnis. Ein Pinselschwung, der nur ein einziges Mal passieren kann. Taugt der nichts, war die Arbeit davor umsonst.
Im Atelier: Kurier-Redakteur Alexander Kern und Maler Hubert Scheibl
©kurier/Barbara NidetzkyWarum abstrakt?
„Ich nehme volles Risiko, auf das lege ich es auch an“, sagt Scheibl. „Dass ein Bild total daneben gehen kann, das törnt mich auch an, dieser Nervenkitzel. Von dem lebt man. Gelingt dann etwas, erlebt man für ein paar Sekunden Legitimierung und Freude.“
Beim Malen will er die Kommandozentrale im Kopf austricksen. Loslassen. Leicht gesagt. Ob sich auch Verzweiflung breit macht? Ja. Scheibl lacht auf. Viele seiner Freunde sind Mediziner. Ihr Tun sei ausgewiesen und beglaubigt. Die Kunst hingegen sei „eine fragile Angelegenheit – aber das fördert auch den Kampfgeist“.
Wichtige Frage bei einem abstrakten Künstler, im Gegensatz zu jemand, der die Natur und den Alltag abmalt: Wann weiß man eigentlich, dass ein Bild fertig ist? Oft will man ja noch etwas hinzufügen. Dann noch etwas. Und noch was. „In jüngeren Jahren war der Druck stärker, alles in ein Bild zu packen“, erzählt Scheibl. „Jetzt geht es mehr um die Luft, die man dem Bild zum Atmen lässt. Was dazwischen ist, ist wichtiger, als das, was man sieht. Aber das lernt man erst im Alter.“
Genauso: die Langsamkeit zu genießen. Die Zeit, die ein Gemälde zum Trocknen benötigt, bevor man weitermalen kann. Geschwindigkeit, findet Scheibl, überrumple uns. Das digitale Tempo – „und parallel hecheln wir unseren Gefühlen hinterher. Langsamkeit fungiert da als Kontrapunkt, ein Bild braucht so lang, wie es braucht. Ich liebe das.“ Sitzt der entscheidende Pinselstrich nicht ideal, heißt das aber nicht, dass es völlig vermurkst ist. „Wenn etwas schiefgeht, ist es oft besser als wenn es gelingt.“
Seit mehr als 30 Jahren werkt Scheibl in seinem Atelier, ein eigener Kosmos, in jeder Ecke weckt ein anderes Objekt die Neugierde, ein Kuriositätenkabinett, das ein Eigenleben zu führen scheint. Erinnerungen, wie ein Totenkopf aus Papua-Neuguinea. Originelles, wie eine 1:1-Kopie von Scheibl, angefertigt von einem deutschen Puppenmacher; entspannt legt sie die Füße auf ein Sofa. Über den Köpfen kreist ein Flieger aus einem Ringelspiel des Böhmischen Praters. Dazwischen Kinderfotos, Sinnsprüche, Farbtuben.
Krokodil und Musik
Zwei Krokodile fallen besonders auf. Das ganz große hat Scheibl für eine Ausstellung angefertigt, aus Pappmaché: ein Kroko-Kopf mit Reißzähnen, weiß getüncht, furchterregend still ruht das Tier mit seiner Riesenklappe vor einem Monumentalbild Scheibls, als hielte es Wache. Bestempelt hat er den Riesenschädel mit dem Binärcode, also Nullen und Einsen – eine Referenz an den Konnex zwischen Mensch und Tier. Evolution fasziniert Scheibl. Wie komplex und technisch hoch entwickelt wir uns auch geben mögen, im Innern denkt das Reptilienhirn mit.
Auch in der Musik? Mitten im Atelier thront eine riesige Musikanlage, Keyboards und Verstärker, zusammengesteckt wie ein Puzzle zu einer Weltorgel. Scheibl stellt sich hin und haut in die Tasten, erst einzelne Töne, dann füllt das Atelier sich mit rhythmischem Schnarren und sphärischen Klängen. „Malen ist das Festfrieren von Momenten“, sagt er. „Musik ist das Gegenteil“, helle und dunkle Töne wechseln sich ab, „das gefällt mir so daran – sie fliegt weg und enteilt einem sofort.“ Alles stellt in Frage, entzieht sich jeder Festsetzung.
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