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Lektion aus der Tiefe: Tauchen als „Fallschirmsprung in eine andere Welt“

Das Eintauchen in die Unterwasserwelt lehrte Sarah Diehl auch das Land und ihren Körper neu wahrzunehmen. In ihrem Buch „Ins tiefe Blau“ teilt sie ihre Erkenntnisse.
Woman Scuba Diving Over Huge Reef in Rangiroa, French Polynesia

Der Körper reagiert instinktiv: Als der Weißspitzen-Hochseehai auftaucht, wird Sarah Diehl vor Anspannung steif. Sie hält die Luft an, als könnte sie sich damit unsichtbar machen. Doch was an Land gelingt, wenn man sich vor einem Angreifer hinter einem Baum oder einem Felsvorsprung versteckt, scheitert in der Tiefe. Denn rund um sie ist nur das Blau des Ozeans. Und so hilft einzig, was die Intuition in dem Moment für irrsinnig hält: eine aufrechte Position, lockere Beine, entspannte Atmung.

Als der Weißspitzen-Hochseehai während dieses Tauchgangs vor einigen Jahren im Roten Meer dann tatsächlich ruhig um sie herumschwamm, merkte sie, „wie mein ganzer Körper expandierte, in den Ozean hineinwuchs“. Es war die vielleicht transzendenteste Erfahrung ihres Lebens: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Angst.“ Frei von Angst hatte sie das Gefühl, mit dem Hai zu atmen, konnte über ihm schwimmen und erhaschte im weiten Ozean den Eindruck wahrer Harmonie.

Sarah Diehl Autorin

Die Autorin Sarah Diehl is passionierte Taucherin.

Bei Büchern übers Tauchen denkt man an Ratgeber über Tauchphysik, vielleicht an Erörterungen über meeresbiologische Artenvielfalt oder Tipps zu Tauchspots, doch die deutsche Autorin Sarah Diehl hat mit ihrem Buch „Ins tiefe Blaue“ ein Werk geschaffen, das Naturwissenschaft, Kulturgeschichte und Philosophie verbindet. Ein Werk, das ergründet, wieso Angst und Freiheit einander nicht ausschließen und radikale Perspektivenwechsel so bereichernd sind.

Zeitloses Alien

Seit ich tauche“, schreibt sie ganz zu Beginn, „sehe ich überall Wasser.“ Das jedoch nicht nur, weil 71 Prozent der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt sind. Vielmehr sieht sie die Umwelt durch eine neue Linse. Wie kurios, überlegt sie, dass Wasser formlos und dabei so kraftvoll ist; zeitlos, ohne uns alt vorzukommen. „Was für ein komischer Antrieb“, sagt sie beim KURIER-Gespräch noch, „dass wir einst aus dem Wasser auf diese sonnenverbrannte, von Schwerkraft beschwerte Landmasse gegangen sind?“

Dieser Gedanke ist konträr zu ihrer früheren Sichtweise. Heute lebensbejahend, war der Ozean für sie einst angsteinflößend. „Ich fand es absolut gruselig, an der Wasseroberfläche zu sein und zu wissen, dass so ein wahnsinniger Raum unter mir ist.“ Von der spiegelnden Oberfläche aus war die Welt darunter nicht einschätzbar und Sarah nicht nur dem Raum an sich, sondern auch ihrer Fantasie ausgeliefert.

Sea Turtle swims over Coral Reef

Beim Tauchen erlebt Sarah Diehl Momente wahrer Harmonie.

Wie universell die Angst vor dem Seeungeheuer in der Tiefe ist, zeige unsere Bereitschaft, den Hai zum Monster zu stilisieren. Natürlich gilt der Weiße Hai als gefährlichster Raubfisch der Welt, und doch ist der Mensch für den Hai deutlich gefährlicher als umgekehrt. Beim Dreh zu „Der Weiße Hai“, erinnert Diehl im Buch, gab es ein Todesopfer: nicht ein Mensch, sondern ein Weißer Hai soll sich an Drahtseilen eines Käfigs für Unterwasseraufnahmen verheddert und in die Tiefe gesunken sein.

Das Wasser ist für Diehl nicht nur Entdeckungsort, sondern auch Raum der Erkenntnis – im Großen wie im Kleinen. Obwohl der Fokus bei Tauchgängen auf der faszinierenden Unterwasserwelt liegt, reifte auch eine neue Wertschätzung für den Körper, ein großes Vertrauen in ihre Intuition.

Neue Liebenswürdigkeit

„Seit der Aufklärung“, sagt sie, „erzählen wir uns mit Leidenschaft, dass Körper und Geist getrennt sind, dass der Körper störungsanfälliger Ballast ist, der kontrolliert werden muss.“ Doch das Zurechtfinden im neuen Terrain machte ihr bewusst, wie viel der Körper unbewusst reguliert, wie rasch er sich anpassen kann.

Fast amüsiert beobachtet sie sich selbst in den Tauchphasen: Den Abstieg, diesen „langsamen Fallschirmsprung in eine andere Welt“, empfindet sie stets als traumhaft. Mit ansteigender Dunkelheit komme jedoch stets das „Gemecker“: Sie sei müde, habe Durst, müsse aufs Klo. Hält sie diese Gedanken eine Zeit lang aus, weichen sie einer Neugier. Und dann, wenn Geist und Körper zur Ruhe gekommen sind, stellt sich eine fantastische Glückseligkeit ein. Unsicherheit, lernte Diehl durch das Tauchen, „ist kein Hindernis, sondern das Schmiermittel, um einen neuen Lebensraum und sich darin auszukundschaften“.

Buchcover

Diehls Buch "Ins tiefe Blau" ist im Gutkind Verlag erschienen. 

Mitunter wird es natürlich richtig ungemütlich. 

Vielleicht zu „unbedarft“, räumt sie ein, sei sie vor Jahren zu ihrem ersten Schiffswrack aufgebrochen. Als sie das düstere „Friedhof des Wracks“ in der Tiefe wahrnahm, schwamm sie gerade durch eine eiskalte Wasserschicht – ein Schock, den sie nicht aushalten konnte. Ihre erste Panikattacke. Hektisch wollte sie zurück nach oben. Doch ihr Tauch-Buddy mahnte zur Ruhe, sie klammerte sich also am Ankerseil fest, fokussierte sich aufs Atmen, bis die Panikattacke tatsächlich bald abklang und sie die Geisterbahn erkunden konnte. 

Das Wrack steckt ihr heute noch in den Knochen, doch ebenso der Stolz, nicht aufgegeben zu haben.

Spätestens hier wird klar, dass dieses Buch keine Abwendung von ihren früheren Sachbüchern ist, in denen sie sich für Kinderlosigkeit oder das Recht auf Abtreibung stark machte, sondern eine Weiterführung. Das Tauchen als weiterer Freiraum, den sie erschließen möchte. Nicht gewaltvoll oder trotzig. Sondern kreativ und zärtlich.

Daran wird sie weiterarbeiten – doch vielleicht schon bald in einem anderen Lebensraum. „Momentan“, sagt Diehl, „zieht es mich in die Berge.“

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