Kristen Stewart

Kristen Stewart: „Das Internet macht mich krank“

Kristen Stewart über ihr Regie-Debüt, Sexismus, Frauen in Hollywood und ob es sie noch kümmert, was die Leute von ihr denken.

Sie sitzt vor einem spärlich besetzten Bücherregal, vor ihrem Fenster liegt New York, sie trägt eine grobe Gliederhalskette, Brille und einen modernen Vokuhila: androgyn, zerzaust, stylish. Man sieht sofort: Mit dem lieblichen Mauerblümchen-Image aus der Vampirsaga „Twilight“, die sie in den Nullerjahren zum Weltstar katapultierte, hat Kristen Stewart nichts mehr gemein. 

Im Einzelinterview tritt sie stark und selbstbewusst auf. Das passt zu ihrer neuen Rolle. Als Regisseurin gibt sie mit „The Chronology of Water“ ein furchtloses Filmdebüt (ab 20.3. im Kino), die Adaption des autobiografischen Romans von Lidia Yuknavitch, die als Jugendliche missbraucht wird, wie besessen als Leistungsschwimmerin für ein Sportstipendium trainiert, es folgen Drogensucht und Absturz – bis sie sich als queere Schriftstellerin von ihrem Schicksal befreien kann und sich selbst findet.

Kristen, herzliche Gratulation zu Ihrem Filmdebüt. Sie stellen damit Ihr großes Talent als Regisseurin unter Beweis. Hat das immer schon in Ihnen gesteckt, aber durfte nicht raus?

Es war immer das Gleiche, je älter ich wurde: Ich fand mich auf einem Filmset wieder – und es war etwas Unbefriedigendes daran. Ich wollte mehr. Und wenn ich sage „mehr“, meine ich nicht mehr Jobs oder mehr Aufmerksamkeit. Ich wollte in der Lage sein, eine andere Rolle zu spielen als jene, die mir vorgegeben war.

Waren Sie es müde, Schauspielerin zu sein?

Ich drehe Filme, seit ich neun Jahre alt bin. Ich habe immer an die Alchemie und Komplexität des Kinos geglaubt, an diese gemeinsame Anstrengung, aus der ein Film entsteht. Das ist etwas Besonderes. Ich habe sehr gern als Schauspielerin gearbeitet und liebe es, Menschen mit einer starken Idee zu folgen und zu sehen, wie alles zu einem Ganzen wird. Ich mag Filme – ich mag es, sie zu sehen, ich mag es, sie zu machen. So gesehen gab es keinen bestimmten Moment, der mich zur Regisseurin gemacht hat. Eigentlich habe ich mein ganzes Leben auf diesen Film hingearbeitet.

Warum hat es zehn Jahre gedauert, um „The Chronology of Water“ drehen zu können?

Es gibt viele Eintrittsbarrieren, damit Menschen einen Film machen dürfen. Es war schwierig, eine Finanzierung zu bekommen. Ich war aber auch lange Zeit von der Schauspielerei abgelenkt. Ich liebe diesen Beruf. Und ich hatte das Glück, dass eine spannende Rolle zur nächsten geführt hat. Da ist es mir schwer gefallen, einfach Stopp zu sagen und mich umzuorientieren. Aber irgendwann sagte ich mir: Du musst deinem Instinkt folgen. Ich musste herausfinden, wo mein Instinkt mich hinführt.

Sie beweisen sich als starke Stimme im Regie-Kosmos Hollywoods.

Wenn ich mit meinen Lieblingsregisseuren arbeite, ist es, als hätten wir einen Körper und denselben Herzschlag. Auf die gleiche Weise arbeite ich selbst mit meinen Schauspielern. Ich weiß, wie man jemanden richtig ins Bild setzt. Ich bin nicht verloren, ich weiß, was ich tue. Als ich dann das Buch von Lidia Yuknavitch gelesen habe, dachte ich, es ist der perfekte Einstieg für mich. Ich hatte lange nach dem richtigen Projekt gesucht.

Wir leben in einer Gesellschaft, die eine überwiegend frauenfeindliche Perspektive einnimmt. Das spürt man schon als Kind.

Kristen Stewart

Was hat Sie besonders gereizt?

Ich wollte mit dem Film einen eigenen Ausdruck finden. Didaktisches Kino liegt mir nicht, genauso wenig starre Dreiaktstrukturen oder Szenen, deren Bedeutung schon feststeht. Ich mag keine Filme, die leicht zu beschreiben sind. Hingegen liebe ich Filme, die Fragen aufwerfen. Durch die man sich durchkämpfen muss und hinterfragt. Ich hatte viel zu sagen mit diesem Film.

Sie erwähnten die Probleme bei der Herstellung des Films. Haben es weibliche Regisseure in Hollywood schwerer?

Ja. Finden Sie das nicht auch ein Problem? Ich bin sprichwörtlich durch die ganze Stadt gelaufen und habe mir den Mund fusselig über dieses Thema geredet und was ich davon halte. Irgendwie ist es auch witzig: Es ist wie ein rosa Elefant, der mitten im Raum steht, aber über den sich keiner zu sprechen getraut. Unsere Wohnzimmer sind ganze Zoos aus Sexismus. Rosa Elefanten, lila Zebras – und alle tun so, als wären sie verdammt noch mal nicht da. Dabei ist es doch so offensichtlich.

Sie sprechen damit auch den „Male Gaze“ an, die Darstellung von Frauen aus einer ausschließlich heterosexuell-männlichen Perspektive. Ist das der vorherrschende Blickwinkel im Filmgeschäft?

Das ist richtig. Wir leben in einer Gesellschaft, die eine überwiegend frauenfeindliche Perspektive einnimmt. Das spürt man schon als Kind. Aber ich habe auch mit Regisseuren gedreht, die weiblichen Körpern und Erfahrungen viel Raum gegeben haben und ihnen beobachtend und mitfühlend viel Leben verliehen haben. Ich bin nicht der Meinung, dass es Frauen exklusiv vorbehalten ist, eine weibliche Perspektive einzunehmen.

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Keine Kompromisse: „Hätte ich auf meine Zweifel gehört,  hätte ich mich selbst verleugnet“

©APA-Images/Rafa Cros/APA-Images

Spielte der kommerzielle Aspekt eine Rolle bei der Finanzierung Ihres Films?

Es geht darum, ob die Leute bereit sind, ein Kinoticket zu kaufen. Es ist ein Risiko, eine Frau als Heldin zu haben. Weil wir das nicht gewohnt sind. Sicher werden Filme aus weiblicher Perspektive gedreht. Aber es besteht ein Ungleichgewicht.

Ihr Film hat einen experimentellen Style. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft verschmelzen, Kameraführung und Schnitt sind dynamisch, der Soundtrack eindringlich. Wollten Sie so kompromisslos wie möglich sein?

Ich wollte meinen Film davor retten, homogen zu sein. Wenn ich auf die ängstlichen Meinungen anderer gehört hätte, hätte ihn das zahnlos, bedeutungslos und leblos gemacht. Man muss sich aufrichtig mitteilen, das ist der einzige Weg, etwas zu erschaffen. Wenn man anfängt, sein Innerstes zugunsten der Verkäuflichkeit zu verändern, ist das Ergebnis falsch. Dann birgt es keine Wahrheit. Ich wollte ganz meinen Instinkten vertrauen.

Sich so preiszugeben ist hart, aber nur so findet man Gleichgesinnte, eine  selbst gewählte Familie. Das gelingt nicht, wenn man sich anpasst, um Erwartungen zu erfüllen. 

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Haben Leute Ihnen abgeraten, den Film auf Ihre Art zu drehen?

Hätte ich auf andere oder meine eigenen Zweifel gehört, die mir gesagt haben, die Leute würden den Film nicht mögen oder verstehen, hätte ich mich selbst verleugnet. Es ging mir nicht um Rebellion oder Kompromisslosigkeit um ihrer selbst willen, nur weil das cool rüberkommt. Ich fühlte mich verpflichtet, einen ehrlichen Film zu machen. Die Lüge hatte keinen Platz. Sich so preiszugeben ist hart, aber nur so findet man Gleichgesinnte, eine selbst gewählte Familie. Das gelingt nicht, wenn man sich anpasst, um Erwartungen zu erfüllen. Man muss seine Sehnsüchte in Ehren halten.

Wäre es für Sie verlockend gewesen, selbst die Hauptrolle zu übernehmen?

Ich glaube nicht, dass ich wirklich die Richtige für diese Rolle war. Für diesen Film passte Imogen Poots einfach perfekt zur Figur, mit allem, was sie als Frau erlebt und durchgemacht hat. Es ist ihre Rolle. Aber ich würde gerne etwas inszenieren, in dem ich mitspiele.

Für Ihre Heldin Lidia bedeutet Schwimmen persönliche Freiheit. Alles andere verliert dann an Bedeutung, im Wasser fühlt sie sich unbesiegbar. In welchen Momenten geht es Ihnen persönlich so?

Ich weiß nicht, ob ich so etwas habe. Aber natürlich habe ich so etwas wie meine Zufluchtsorte. Ich liebe es, zu Hause zu sein. In Büchern kann ich mein Leben hinter mir lassen. Ganz altmodischer Eskapismus. Das Internet macht mich krank, aber Bücher machen, dass ich mich besser fühle.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst einen autobiografischen Roman zu schreiben?

Einen Roman würde ich nicht schreiben – aber die Definition, was ein Roman ist, ändert sich ohnehin gerade drastisch. Besonders bei weiblichen Autoren. Kate Zambreno zum Beispiel. Beim Lesen ihrer Bücher dachte ich: Was ist dieser Hybrid aus Roman, Geständnis, Essay, Leselogbuch?! Das ist, worauf ich in letzter Zeit stehe. Ich würde nicht ausschließen, dass ich irgendwann in meinem Leben etwas aufs Papier bringe. Aber im Augenblick möchte ich unbedingt Filme machen.

Ich muss von einem verdammten Engel geküsst worden sein. Alles bisher  war großartig. Ich hatte wirklich Glück.

Kunst als Befreiung und Erlösung – können Sie damit etwas anfangen?

Natürlich. Dafür muss man nicht einmal selbst Künstler sein – auch ein kunstvoll gelebtes Leben ist Kunst. Lebendige Kunst existiert überall um uns herum. Ich kenne Menschen, deren Leben Kunst ist, ohne dass sie Maler, Schriftsteller oder Filmemacher sind. Die glücklichsten Menschen sind nicht jene, die Kunst machen, sondern deren Leben Kunst ist und die sie lieben. Wenn man aufhört, Kunst in sich aufzunehmen, ist das der Tod. Kunst ist die Rettung – auch wenn wir das aus einer privilegierten Sicht sagen. Aber sie ist es, verdammt nochmal.

Sie haben alle Facetten des Hollywood-Ruhms erlebt – vom Teenie-Idol über den Indie-Liebling bis zur Oscar-Nominierung. Wie blicken Sie auf diese Reise?

Ich schaue nicht wirklich zurück. All die Jahre, in denen ich anderen geholfen habe, ihre Kunst zu verwirklichen und durch die ich selbst eine Art lebendiges Kunstwerk geworden bin, haben mich zu der gemacht, die ich heute bin. Ich fühle mich hundertprozentig gerüstet und bereit für alles. Ich muss von einem verdammten Engel geküsst worden sein. Alles bisher war großartig. Ich hatte wirklich Glück.

Kristen Stewart

Kristen Stewart

Kristen Stewart wurde 1990 in Los Angeles geboren.  Ihr Vater ist TV-Stage Manager, ihre Mutter Script Supervisor. Schon als Kind stand sie vor der Kamera. Mit den „Twilight“-Filmen (ab 2008) wurde sie zum Superstar. Sie spielte in „Still Alice“,  „Jean Seberg“ und war Lady Di in „Spencer“ (Oscar-Nominierung). Nach Beziehungen mit Robert Pattinson oder Model Stella Maxwell ist sie seit 2025 mit Autorin Dylan Meyer verheiratet.

Ihre Eltern waren beide im Filmbusiness. Sie nahmen sie während ihrer gesamten Kindheit mit an Filmsets. Wie war das?

Es hat mir gezeigt, dass ich den Rest meines Lebens auf Filmsets verbringen will. Es gibt nichts Vergleichbares. Man muss schon ziemlich verrückt sein, um sich für etwas zu verpflichten, das unmöglich erscheint – und Filme scheinen unmöglich, bis sie fertig sind. Sie scheinen wie ein Wunder. Diese Energie am Set ist einzigartig, als hielte man eine heiße Kartoffel in der Hand. Ich würde jeden Job beim Film annehmen, nur um sie zu spüren.

Jahrelang waren Sie das Ziel der Klatschpresse. Interessieren Sie sich noch dafür, was die Leute von Ihnen denken?

Natürlich, ich mag Menschen. Aber ich werde nicht auf meine eigenen Kosten Gift schlucken. Ich entscheide mich für die schönen Seiten des Lebens. Mir ist wichtig, was die Leute denken, ich möchte, dass sie sich meine Filme ansehen und mit ihnen verbunden fühlen. Es ist so persönlich, was wir tun. Wenn man sich selbst in seinen Job einbringen kann, ist das immer gut. Selbst wenn man sich nie sicher sein kann, wie man ankommt. Aber beeinflusst das meinen persönlichen Fortschritt? Fuck, no.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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