Cate Blanchett im Interview: „Die glückliche Familie ist Fiktion"
Der Hollywoodstar im Exklusivinterview über Erziehung, das Abenteuer "Herr der Ringe" und die Superkraft Empathie.
Ein zugeknöpftes schwarzes Hemd, ein weinroter V-Neck-Pullover, eine ziemlich große, aber sehr stylishe Brille, das kurze blonde Haar ordentlich frisiert: Cate Blanchett legt im Interview durchaus jene formelle Strenge an den Tag, die sie als englische Königin in „Elizabeth“ oder Katharine Hepburn in „Aviator“ berühmt gemacht hat. Wobei Blanchett natürlich viel mehr sein kann: verzaubert, verzweifelt, verführerisch – und überhaupt alles.
Zwei Oscars hat sie im Regal stehen, jetzt legt sie mit „Father Mother Sister Brother“ einen einfühlsamen Film über die schwierigen Begegnungen erwachsener Kinder mit ihren Eltern vor. In drei Episoden spielt die Geschichte in New York (mit Adam Driver), Paris und Dublin, wo die biedere Timothea (Blanchett) und ihre Schwester (Vicky Krieps) zur Teestunde bei ihrer kühlen Mutter (Charlotte Rampling) geladen sind. Regie führte Arthouse-König Jim Jarmusch und gewann damit in Venedig den Goldenen Löwen – ein Generationenporträt mit genauem Blick für Zwischenmenschliches.
Ihr neuer Film widmet sich familiären Beziehungen. Was, würden Sie persönlich sagen, braucht es für eine glückliche, funktionale Familie?
Gibt es so etwas überhaupt?
Ich hoffe es.
Ich denke, das ist Fiktion. Es gibt auch keine Gebrauchsanweisung für die perfekte Familie – vielmehr ist sie ein herrliches, schmerzhaftes, oft auch urkomisches Durcheinander. Zudem sind Familien in einem Zustand kontinuierlicher Veränderung. Sie sind wie ein Juckreiz, den man nicht stillen kann. Trotzdem versuchen wir immer, die unangenehmen, schmerzhaften, nervigen, quälenden und ärgerlichen Aspekte unserer Familien einer Lösung zuzuführen. Das wird nicht gelingen. Familie bedeutet ständigen Wandel.
Was die Erziehung betrifft, ist meine Theorie, besser keine Theorie zu haben. Der einzige Weg, um alles lebendig, dynamisch und gesund zu halten, ist, alle Regeln über Bord zu werfen.
Und es ist der Versuch, im Verbund glücklich zu sein. Lohnt sich die Mühe?
Ein Freund hat mir einmal beschrieben, wie Glück aussieht. Er hat gesagt, kennst du die Klettergerüste für Kinder auf den Spielplätzen? Genauso funktioniert es mit dem Glück im Leben: Du schnappst dir einen glücklichen Moment – und schwingst dich daran wie auf einem Klettergerüst durchs Leben: Von einer Stange zur nächsten, von einem glücklichen Augenblick zum nächsten. Dieses Glück währt zwar immer nur für einen flüchtigen Moment. Aber es reicht, um ein weiteres Jahr durchzuhalten, es schafft Verbindung und Zusammenhalt. Es ist ein Rettungsfloß.
Wie wichtig ist Kindererziehung fürs Familienglück?
Was die Erziehung betrifft, ist meine Theorie, besser keine Theorie zu haben. Wenn man Elternteil ist, macht man in Sachen Erziehung viele Phasen durch. Alle Annahmen, die man bis dahin hatte, werden auf die Probe gestellt, ob über den Partner oder die Kinder. Der einzige Weg, um alles lebendig, dynamisch und gesund zu halten, ist, alle Regeln über Bord zu werfen. Wenn man versucht, seine Kinder zu erziehen, wird man ständig mit den Fehlern, die man macht, konfrontiert. Viel öfter als mit seinen Erfolgen. Man beginnt, seine Eltern besser zu verstehen.
Wie emotional war es, die Geschichte dreier entfremdeter Familien zu filmen?
Die Erfahrung, einen Film zu drehen unterscheidet sich oft sehr von der Erfahrung, ihn anzuschauen. Insbesondere wenn gleichzeitig Publikum anwesend ist. Grundsätzlich war der Dreh eine sehr herzliche Erfahrung. Wenn ich Vicky Krieps oder Charlotte Rampling wiedersehe, sind wir wie eine kleine Familie, das hat mich sehr berührt. Man erwartet nicht, dass so etwas passiert. Passiert es trotzdem, ist es wirklich schön. Und es war etwas Besonderes, wieder mit einem Filmemacher wie Jim Jarmusch vereint zu sein, wir hatten uns aus den Augen verloren. Ich fühlte mich an früher in meiner Karriere erinnert.
Sie drehen große Franchises wie „Herr der Ringe“, und jetzt mit Independent-Ikone Jim Jarmusch. Worin liegt für Sie als Schauspielerin der Unterschied?
Bei einem großen Film sitzen mehr Leute hinter dem Monitor beim Regiesessel. Und es gibt mehr Begleitgeräusche aus allen möglichen Abteilungen, die muss man ausblenden. Kürzlich habe ich mit Liv Tyler über die damalige Zeit gesprochen, wir hatten uns schon lange nicht mehr gesehen. Wir haben uns an die Entstehung von „Herr der Ringe“ erinnert und festgestellt: Keiner von uns hatte damals die geringste Ahnung, worauf wir uns da eingelassen haben.
Die Aussicht, dass „Herr der Ringe“ ein Riesenerfolg werden würde, stand für Sie in weiter Ferne?
Nun, wir waren alle dabei, weil wir entweder Riesenfans des Buches waren, oder – wie ich – wegen dem Regisseur Pete Jackson und seiner Frau, der Drehbuchautorin Fran Walsh. Wir hatten keinen Schimmer, welche Auswirkungen dieser Film haben würde und welche Möglichkeiten er uns eröffnet. Das Wort „Franchise“ existierte zu jener Zeit in Bezug auf Kinofilme nicht wirklich. So war das damals! Viele Dinge waren noch Neuland. Oft wusste man erst hinterher, was man da gedreht hatte.
Kein Vergleich zu, sagen wir, heutigen Superhelden-Verfilmungen.
Bei einem Marvel-Film weiß man genau, worauf man sich einlässt. Dafür sorgt schon die Comic-Con, der riesige Messe-Event für Comics, Filme und Serien. Sie hat einen großen Einfluss. Man weiß, wie diese Filme erzählt werden, worauf es bei den Figuren ankommt und was mit der Veröffentlichung einhergeht. Als ich die Hela in „Thor 3: Tag der Entscheidung“ gespielt habe, war das anders. Ich musste mir erst ausdenken, wie ich sie anlege – und eine der größten Inspirationsquellen dafür war die Fangemeinde der Comicreihe. Dabei ist mir bewusst geworden, dass einem die Figur, die man spielt, nicht gehört – sie gehört den Fans. Eine Rolle wie Hela ist etwas anderes, als wenn man eine Figur ganz nach der eigenen Fantasie formen kann. Bei „Herr der Ringe“ galt meine Loyalität aber vor allem Peter Jackson. Ihm habe ich mich sehr verbunden gefühlt. Dasselbe gilt für Jim Jarmusch. Was das betrifft, mache ich keinen Unterschied zwischen Blockbuster und Independent-Film.
Jim Jarmusch ist ein Kultregisseur. Schon mit „Coffee and Cigarettes“ haben Sie einen Film mit ihm gedreht. Wie kam es zur erneuten Zusammenarbeit?
Mit Jim Jarmusch und Kameramann Fred Elmes zusammenzuarbeiten war schon damals eine außergewöhnliche, intensive Erfahrung. Mein Mann und ich leiten seit Jahrzehnten eine Theatergruppe. Einen Film hatte ich lange nicht mehr gedreht. Auch Jim hatte ich lange nicht mehr getroffen. Als wir uns in New York zufällig begegnet sind, haben wir uns gegenseitig wie aus einem Mund gefragt: „Wann arbeiten wir wieder zusammen?“ Als die Anfrage dann ein Jahr später tatsächlich kam, habe ich die Gelegenheit sofort beim Schopf ergriffen.
Zu Besuch bei Mutter: Cate Blanchett in "Father Mother Sister Brother"
©Vague Notion/Yorick Le SauxWie war es, wieder mit ihm zu drehen?
Es war eine Freude, zu ihm zurückzukehren. Auf der Bühne arbeitet man oft immer wieder mit denselben Regisseuren und Schauspielern zusammen. Bei Filmen ist das nicht so häufig der Fall, aber wenn es doch mal so ist, ist es wirklich wunderbar. Ich glaube, man entwickelt eine Art Kurzschrift, auf die man sich verlassen kann, die impliziter und unmittelbarer ist.
Sie haben in Ihrer Karriere mit einer Riege berühmter Regisseure gearbeitet, von Martin Scorsese über Steven Spielberg bis Woody Allen. Gibt es etwas, das alle gemeinsam haben?
Ich hatte das Glück, mit vielen großartigen Regisseuren zusammenzuarbeiten, dafür bin ich dankbar. Bei der Arbeit mit ihnen entwickelt man ein Gefühl dafür, was möglich ist; irgendwann wirft man seine Vorurteile über Bord und ist offen dafür, was sie von einem verlangen. Was allen gemein ist: Sie sind unglaublich überzeugt von ihrer künstlerischen Vision und empfinden eine tiefe Demut gegenüber allen, die an ihrem Film arbeiten. Eine außergewöhnliche Kombination.
Können Sie das näher ausführen?
Diese Regisseure haben ein klares Gespür dafür, wie ihr Film aussehen und sich anfühlen soll. Gleichzeitig sind sie bereit, Dinge über Bord zu werfen und sich auf das einzulassen, was vor ihnen geschieht. Dadurch werden ihre Filme wirklich lebendig. Sie sind wie Schauspieler, nur dass sie es irgendwie schaffen, sowohl die technische als auch fieberhafte Natur des Filmemachens zu meistern. Jim Jarmusch steht in dieser Riege ganz oben. Er ist eine Ikone.
Derzeit ist künstliche Intelligenz eines der großen Themen in Hollywood. Viele in der Branche haben Angst, ihre Jobs zu verlieren. Haben Sie Sorge oder ist KI kein Thema, solange Filme wie „Father Mother Sister Brother“ gedreht werden?
Angst bringt uns nicht weiter. Ein bewusster Umgang mit KI aber schon. Vor dem Streik der Drehbuchautoren hat niemand in der Mainstream-Medienlandschaft dieses Thema wirklich massiv angesprochen. Es liegt an uns als zukunftsorientierter Branche, sich damit auseinanderzusetzen und es zu hinterfragen. Ethan Hawke, den ich sehr schätze, hat gesagt, er sei echt gelangweilt von künstlicher Intelligenz, und ich stimme ihm zu. Bei der Frage, ob man KI einsetzt, muss man immer fragen: warum? Ist es kreativ notwendig? Da muss man rigoros sein und das fehlt mir in der öffentlichen Debatte. Etwa über die Daten, mit denen die KI gefüttert wird und wer von diesen Daten ausgeschlossen ist. Ich bin froh, Teil dieser intensiven Diskussion zu sein. Es sind vor allem Frauen, die diese tiefgreifenden Fragen stellen, was mich irgendwie nicht überrascht.
In Ihrer Dankesrede beim Filmfestival in Cannes sprachen Sie sich für Empathie als Basis für Konfliktlösung aus. Ist das so etwas wie Ihr Lebensmotto?
Im Spätkapitalismus und in Zeiten der künstlichen Intelligenz muss man um die Kraft der Empathie kämpfen. Wenn alte menschliche Emotionen kommerzialisiert werden, ist es wichtig, an sie zu erinnern. Die Empathie ist eine Art menschliche Superkraft und unser Alleinstellungsmerkmal.
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