Architekt Francis Kéré: Schönheit europäischer Städte in Gefahr
Francis Kéré plant vom Schulbau in Burkina Faso bis zum Museum in Las Vegas. Der Architekt spricht über Neubauten ohne Ideen, Nachhaltigkeit und sein neues Buch.
Wenn es sein muss, zeichnet er mit Steinen auf den Boden. Francis Kéré denkt Architektur als kollektiven Prozess und ist der Gegenentwurf zum Star-Prinzip. Er zählt zu den prägendsten Architekten der Gegenwart.
Seine Entwürfe basieren auf traditionellem Wissen und nicht-elitären Werten. Sie setzen sich mit drängenden Fragen unserer Zeit auseinander, etwa mit dem Klimawandel. Exemplarisch dafür stehen die Schulbauten in seinem Heimatdorf Gando in Burkina Faso, die mit lokalen Materialien, traditioneller Bauweise und gemeinschaftlicher Beteiligung ein klimatisch angepasstes und identitätsstiftendes Lernumfeld schaffen. Zu Kérés Großprojekten zählen der Serpentine Pavilion in London oder das Museum of Art in Las Vegas. Mit Christoph Schlingensief realisierte er das Operndorf Afrika. Es verbindet Architektur, Kunst und gemeinschaftliches Leben zu einem Ort des Austauschs. Kéré, der in Berlin studierte und arbeitet, wurde 2022 als erster Architekt aus Afrika mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet. Im Buch Francis Kéré (Taschen-Verlag) stellt er 26 Projekte vor – illustriert mit vielen bislang unveröffentlichten Skizzen und Fotos. Im Gespräch mit der KURIER freizeit geht es um seine architektonischen Überzeugungen, das soziale Moment des Bauens und die Geduld, die gute Architektur braucht.
Für das neue Buch haben Sie 26 Projekte ausgewählt. Welches ist das wichtigste bisher?
Francis Kéré: Die Grundschule in meinem Heimatdorf Gando. Was zunächst als Herzensangelegenheit während meines Studiums entstanden ist, hat mich noch einmal viel tiefer in die Architektur geführt. Dieses Projekt war der Startpunkt meiner weiteren Arbeit.
Was hat dieses Projekt ausgelöst?
Damals haben Menschen erstmals gesehen, wie ich arbeite. Viele sagten: Diese Ansätze gefallen uns, wir möchten ihm eine Aufgabe anvertrauen. Die Grundschule hat mir nicht nur Sichtbarkeit verschafft, sondern auch die Gewissheit, dass man es schaffen kann und vor allem, dass man Dinge auch anders machen darf.
Francis Kéré wuchs in Burkina Faso auf. Seine Schulzeit in dunklen, heißen Klassenzimmern hat ihn geprägt: „Im Unterbewusstsein wächst daraus der Wunsch, es eines Tages besser zu machen“
©lars borgesWann gab es in Ihrem Leben den Moment, in dem Sie gesagt haben: Ich werde Architekt?
Ich erinnere mich an meine Kindheit: überhitzte Klassenräume, in denen mehr als hundert Kinder unter einem einzigen Wellblechdach bei brütender Hitze sitzen. Damals habe ich mich gefragt, warum das so sein muss. Draußen war es hell, drinnen dagegen so dunkel, dass man kaum lesen konnte. Auf den Sitzbänken standen Nägel hervor. Sie pieksten in den Popo und machten Konzentration schwer. Im Unterbewusstsein wächst daraus der Wunsch, es eines Tages besser zu machen.
Was steht bei Ihnen im Vordergrund. Die Schönheit oder die Funktion?
Beides gehört für mich zusammen. Afrikaner haben ein ausgeprägtes Gespür für Schönheit. Das zeigt sich in der Kleidung ebenso wie im Bauen. Sobald es möglich ist, werden Häuser gestaltet und geschmückt. Gleichzeitig gilt: Was nützt Schönheit, wenn ein Gebäude nicht funktioniert? Funktion und Ästhetik unterstützen einander. Ein gut funktionierender Raum vermittelt Wohlbefinden, ein schöner schafft Identifikation – genau das ist zentral für meine Arbeit. Funktionalität bedeutet für mich vor allem ein angenehmes Raumklima. Klimaanlagen können sich die meisten Menschen nicht leisten. Mein Anspruch ist es daher, auch ohne technische Mittel Komfort zu schaffen und Räume zu entwerfen, die nach Möglichkeit schön sind und angenommen werden.
Im Buch sieht man teilweise Ihre Notizen über Bilder geschrieben. Bildet das Buch Ihre Arbeitsweise ab?
So arbeite ich. Wenn ich ins Büro komme, stehen oft viele Menschen da, die etwas von mir wollen. Gleichzeitig denke ich, dass ich meine Gedanken schnell aufs Papier kritzeln muss. Genau das versucht dieses Buch zu leisten: Es versucht aufzufangen, was während der Arbeit an einem Projekt wichtig ist – vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung.
Wie sieht die Ideenfindung aus? Wie wird aus der Idee ein Projekt?
Zum Prozess gehört für mich, zu Beginn der Arbeiten zur Baustelle zu gehen. Im Arbeitsprozess zeichne ich oft direkt vor Ort auf den Boden, weil man plötzlich auf der Baustelle steht und es noch keine gerade Wandfläche oder kein geeignetes Zeichenmaterial gibt. Dann benutze ich, was ich finde, manchmal sogar einen Stein oder ein Stück Kohle. Damit kritzle ich auf den Boden oder, wenn es sie gibt, auf die Mauer, um bestimmte Details zu erklären. Pläne werden vor Ort neu skizziert, Dinge immer wieder erklärt und vermittelt, Modelle gebaut, verworfen und neu gedacht.
„Eine wirklich gute Stimmung habe ich auf Baustellen selten erlebt.“
Als Sie nach Berlin kamen, arbeiteten Sie am Bau. Wie hat Sie das geprägt?
In der Theorie ist vieles schlüssig, doch erst in der Wirklichkeit versteht man, worum es wirklich geht. Als Architekt zeichnet man, aber auf der Baustelle erlebt man, wie alle Gewerke zusammenkommen. Erst dort erkennt man, wo Konflikte entstehen und wie man es künftig besser machen muss, um sie zu vermeiden. Man sieht, wie Maler, Tischler und andere Handwerker ineinandergreifen und lernt, dass am Ende alles davon abhängt, wie viele kleine Teile zu einem funktionierenden Ganzen werden. Das lässt sich nur auf der Baustelle begreifen.
Serpentine Pavilion in den Kensington Gardens, London
©Iwan BaanAuf der Baustelle ist der Ton öfter etwas rauer. Lernt man dort auch besser zu kommunizieren?
Genau darum geht es. Man kann ein Konzept entwickeln, aber am Ende muss man verstehen, dass man als Architekt vor allem ein Vermittler wird. Wenn die Zeichnungen und die Details nicht präzise sind, entstehen auf der Baustelle zwangsläufig Konflikte. Ich habe erlebt, dass Bauleitungen permanent unter Spannung stehen und dort Konflikte entstehen. Eine wirklich gute Stimmung habe ich dort selten erlebt. Umso mehr freut es mich, dass ich das auf meinen eigenen Baustellen inzwischen anders erlebe.
Sie beschreiben Architektur als kollektiven Prozess. Ist das ein Gegenmodell zum Star-Prinzip in der Architektur?
Ich weiß es nicht genau. Als ich in Gando zu arbeiten begann, musste ich zunächst sehr viel erklären. Ich hatte eine Idee, aber es gab noch keine Menschen, die sie sofort umsetzen konnten. Gleichzeitig habe ich erkannt, wie viel Talent vor Ort vorhanden war. Oft fühlte ich mich wie jemand, der begabte Menschen anleitet und koordiniert, damit ein Bauwerk entsteht – fast wie ein Orchesterdirigent. Am Ende entsteht eine Musik, die wunderbar ist. Aber ich kann nicht sagen: Das war nur ich. Wir vermitteln alle Ideen, arbeiten aber nicht alleine.
Welches Projekt war Ihre größte Herausforderung in Ihrer Karriere?
Es gab viele. Eines davon war das Projekt Operndorf Afrika mit Christoph Schlingensief. Die Idee kam klar von einem Künstler. Im Theater geht alles sehr schnell verglichen mit der Architektur. Diese ist ein langsamer Prozess. Hinzu kam seine Krankheit: Er wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb und wollte das Projekt realisiert sehen. Plötzlich war man als Architekt auch Freund. Zudem arbeitete ich mit einer international bekannten, polarisierenden Persönlichkeit. Diese Spannung übertrug sich auch auf mich. Viele fragten: Warum arbeitest du mit einem Provokateur?
Francis Kéré mit Christoph Schlingensief in Burkina Faso.
©TaschenWas haben Sie von ihm gelernt?
Sehr viel, vor allem eine gewisse Leichtigkeit . Beim Künstler entsteht die Idee im Kopf, und schon das Sprechen darüber ist Teil des Projekts. Der Weg selbst wird sichtbar und damit zur Kunst. Von Christoph habe ich vor allem Fantasie und Dramaturgie gelernt. Ich warte noch auf das richtige Projekt, bei dem ich diese Haltung auch in Europa umsetzen kann – eines, das ich so zelebrieren kann wie ein Künstler. Und ich habe in menschlicher Hinsicht gelernt. Es kann jederzeit zu Ende gehen. Daher: einfach machen und nicht warten.
„Entscheidern fehlt der Mut, wirklich große, nachhaltige Projekte zu ermöglichen.“
In Berlin oder Wien entstehen viele weiß-grau-schwarze Häuser, man sagt Investorenarchitektur dazu. Wie stehen Sie dazu?
Wenn wir so weitermachen, zerstören wir langfristig all das, was europäische Städte schön und anziehend macht. Kurzfristig geht es diesen Investoren vor allem um Gewinn und das ist problematisch. Diese Gebäude werden schnell errichtet und leben nicht lange. Natürlich müssen wir bauen. Doch Stadtentwicklung an einigen wenigen gewinnorientierten Akteuren zu überlassen, ist nicht der beste Weg. Sonst wird diese Schönheit zerstört. Ein Blick auf historische Innenstädte wie Wien oder Straßburg zeigt Gebäude, die über Jahrhunderte Bestand haben, Identität stiften und die Stadt prägen. Viele heutige Neubauten haben gar keine Identität.
Wie sieht der Gegenentwurf aus?
Der Gegenentwurf wäre die Rückkehr zur Langsamkeit und zu langfristigem Denken. Stadtentwicklung darf nicht allein von politischen Legislaturperioden bestimmt sein. Entscheidend ist der Blick nach vorn und die Frage, wie wir so bauen können, dass sich möglichst viele Menschen damit identifizieren. Es sollte nicht darum gehen, möglichst schnell zu bauen oder sich an Städten zu orientieren, die in kürzester Zeit entstanden sind. Stattdessen müssen wir uns auf das besinnen, was hier Qualität ausmacht: Angemessene Höhen und Materialien mit Bestand. Nicht modische Oberflächen, sondern passive Materialien wie Stein oder Holz sollten wieder stärker eingesetzt werden, auch in Hinblick auf den Klimawandel. Es sollte einen Architektur-Wettkampf um Funktionalität und Schönheit geben.
Warum geschieht das so selten?
Weil Entscheidern heute der Mut oder die Bereitschaft fehlt, wirklich große, nachhaltige Projekte zu ermöglichen. Und weil die Folgen des Klimawandels jene, die über Projekte entscheiden oder Kapital bewegen, oft nicht hart treffen. Kapital kann ausweichen, Menschen können weiterziehen. Es tut noch nicht genug weh.
Sie haben für Las Vegas das große Museum of Art geplant. Inwiefern spielen bei solchen Bauten auch ökologische Gedanken eine Rolle? Oder geht das ab einer gewissen Größe gar nicht mehr?
Ökologisches Bauen ist auch in größerem Maßstab möglich. Dabei geht es nicht nur um die Umwelt. Es geht auch um bewussten Einsatz von Materialien, um Langlebigkeit und um die Gesundheit der Menschen. Je länger ein Gebäude besteht und je stärker es das Wohlbefinden seiner Nutzer fördert, desto größer ist sein ökologischer Wert.
Visualisierung des Las Vegas Museum of Art. Mit diesem Projekt will Kéré einen Ort der Begegnung schaffen und die Natur in die Stadt holen.
©Rendering by Kéré ArchitectureGilt das auch für Las Vegas?
Auch in einer Stadt wie Las Vegas kann man ökologisch bauen. Zur Ökologie gehört, dass Menschen sich in ihrer Umgebung wohlfühlen. Las Vegas ist aus Fantasien entstanden und lebt, weil täglich Millionen von Menschen dafür sorgen, dass es läuft. Inzwischen gibt es dort Generationen von Menschen, die sich mit der Stadt identifizieren und etwas Nachhaltiges schaffen wollen. Es braucht genau diese Stimmen, die sagen: Helft uns, die Dinge anders zu machen. Wir haben eine Fantasie für die Welt geschaffen, jetzt wollen wir auch etwas für uns haben, einen Ort der Begegnung. Las Vegas liegt in einer beeindruckenden Naturlandschaft, doch in der Stadt selbst ist das kaum spürbar. Meine Antwort darauf war: Ich bringe ein Stück Natur.
Gibt es Projekte, bei denen Sie nein sagen, das passt nicht?
Wenn Menschen sofort über Quadratmeterpreise und Kosten sprechen, statt über Sinn und Zweck eines Projekts, und dabei weder die Gemeinschaften noch die Menschen berücksichtigen, werde ich sehr skeptisch. Viele unterschätzen, dass nachhaltiges, ökologisch sinnvolles Bauen vor allem menschliche Energie erfordert: Zeit, Engagement und geistige Arbeit, um solche Ideen überhaupt zu entwickeln.
Wie hat sich Ihr Leben seit dem Pritzker-Preis verändert?
Vor Jahren galt ich in Deutschland als der nette Afrikaner, der Schulen in Afrika baut. Das war zunächst nicht schlecht, nett ist ja etwas Positives. Gleichzeitig bedeutete es aber auch, dass man mich nicht als ernst zu nehmenden Architekten sah. Der Pritzker-Preis hat viel für mich getan. Ein Frank Gehry ruft mich an und sagt: „Hier ist Frank Gehry, Architekt in Los Angeles.“ Oder Renzo Piano ruft an und beginnt zu reden. Man ist den Tränen nah. Und fragt sich: Ist das wirklich für mich?
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