Zwei Privatbutler erzählen: Privatjet, aber Weihnachten allein
Das Leben als Butler und seine Herausforderungen: harter Drill in der Ausbildung, Glamour mit Leben im Schloss.
Wenn der Prinz auf Urlaub geht, beginnt für Mohamed Shamandi die Arbeit. Dann heißt es wachsam sein, fokussiert, und natürlich eines: vorausschauend. Denn wenn sein Arbeitgeber, die saudi-arabische Durchlaucht, für die er als Privatbutler stets zu Diensten ist, in den Privatjet steigt, ist Shamandi längst gelandet. Dann hat er mehrere Tage zuvor dafür gesorgt, dass der Prinz, wenn er seinen Palast – ja, Sie haben richtig gelesen: Palast – verlässt, und eine seiner Residenzen in Paris, Mailand oder in Tirol ansteuert, dort alles so vorfindet, wie er es von zuhause gewohnt ist: die Hausschlapfen im Wohnzimmer. Das Ladekabel fürs Handy im Schlafzimmer. Selbst die Kugelschreiber müssen dieselben sein, wie daheim im Palast. Dass Shamandi für seinen Dienstherrn eigenhändig die Koffer eingeräumt, das Gepäck vorausgeschickt, und die Luxuskarosse und den Chauffeur organisiert hat, um ihn und sein Gefolge vom VIP-Airport abzuholen, gebietet die Berufsehre. Butlersein verpflichtet.
Allzeit bereit
Seit 13 Jahren ist Mohamed Shamandi der gute Hausgeist seines jungen Prinzen. Davor arbeitete der Steirer zwei Jahre für eine deutsche Familie in Dubai. Für die hat er den ganzen Umzug in die Vereinigten Arabischen Emirate gemanagt, es war sein erster Job als Butler. Eine Feuerprobe, wenn man so will: den Innenarchitekten der Villa instruieren, ein Auto kaufen, Versicherungen abschließen. Butler zu sein heißt heute, nicht mehr bloß Zeitung bügeln und den Fünf-Uhr-Tee servieren, sondern Housemanager, Personal Assistent und unsichtbare rechte Hand des Chefs sein. Ein stummer Diener, dabei loyal, diskret, gewissenhaft und allzeit bereit.
Prost Mahlzeit: Tafelkultur, Weinkunde und Etikette gehören zum Einmaleins als Butler
©Kurier Kreation/Bartosz Chudy/ChatgptIn jeder Situation. Springt der Prinz in den Pool, steht sein Butler natürlich schon mit dem Handtuch bereit. Zieht auf den Straßen von Paris Regen auf, steht Shamandi schon mit einem Regenschirm parat. Sein Job ist es, ständig auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Kehrt in Genf der Winter ein, hat er Handschuhe eingesteckt, in weiser Voraussicht. „Ich bin der Schatten meines Chefs“, erklärt Shamandi den Beruf Butler, „und immer da, wenn er etwas braucht. Und selbstverständlich spreche ich nur, wenn es erwünscht ist oder etwas gebraucht wird. Ich bin im Raum, aber man merkt mich nicht.“
Gelernt hat er diese Fertigkeiten in Holland. In Simpelveld steht eine der berühmtesten Butlerschulen überhaupt. 15.000 Euro kostet die Ausbildung, dauert acht Wochen, danach kommt man in einem Nobelhotel unter oder privat bei einem Krösus. Ob die Ausbildung hart ist? „Wie bei den Marines – nur schlimmer“, schnauft Shamandi. „Sie sagen einem, bei uns lernen Sie alles neu, und das beginnt beim Stehen: Man denkt, man steht aufrecht, bis einem einer den Korrekturstab an den Rücken hält. Es ist ein harter Drill, sehr streng.“
Butler Mohamed Shamandi: „Ich bin der Schatten meines Chefs. Selbstverständlich spreche ich nur, wenn etwas gebraucht wird. Ich bin im Raum, aber man merkt mich nicht“
Machtspielchen
Festtafel decken, Weinkunde, Autofahren, Einparken, Kochen, Wäschekunde, Bügeln, sogar Gehen – es gibt nichts, das man nicht neu lernt, so Shamandi. Was man mitmacht, ist ein Rollenspiel: Der Ausbildungsleiter gibt den grantigen Hausherren samt exaltierter Wünsche. Bis 19 Uhr ist Schule, bis 22 Uhr muss man seine Tagesaufgaben fertigstellen, dann läutet mitten in der Nacht das Telefon. „I’m coming with ten friends, please make sure the bar is ready and the cook is available.“ Heißt, zu nachtschlafener Zeit ins Auto springen, Tisch decken, Speisen vorbereiten – nur damit dann, wenn alles bereit ist, es lapidar heißt: „I don’t feel like eating and my friends are not coming“ – alles abgesagt.
Mit solchen Aktionen wird man auf die etwaige Launenhaftigkeit eines zukünftigen Chefs sorgfältig vorbereitet, und das ist gut so. Butler Shamandi erzählt eine Geschichte: Im Four Seasons Hotel George V, einem der teuersten der Welt, rief der Prinz eines Morgens nach Tee. Also bereitete Shamandi grünen Tee zu, klopfte an die Hoteltür, keine Antwort. 35 Minuten wartete er, bis ihm Einlass gewährt wurde, dann eröffnete ihm der Prinz, der Tee sei ihm zu kalt. Er ging wieder, kochte neuen Tee, wartete nach dem Klopfen diesmal 20 Minuten vor verschlossener Tür, dann hieß es, der Chef wünsche aber nicht grünen, sondern schwarzen Tee. So ging das ein Weilchen hin und her. Wie es endete? Zuletzt gönnte sich der hochgeborene Herr einen Espresso.
Wer leistet sich einen Butler? Etwa Unternehmer, Family Offices, reiche Privatiers, Botschaften und Adelsfamilien
©Kurier Kreation/Bartosz Chudy/ChatgptGesucht: Handmassagen
Die Ruhe zu bewahren, ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die man als Butler haben kann. Auch bei Machtspielchen. Der Geduldsfaden reißt Shamandi trotzdem nie. „Das ist kein Beruf, sondern eine Berufung“, sagt er. „Man lernt, gewisse Vorfälle auch runterzuschlucken und einfach das zu machen, wofür man da ist: den Chef zufrieden zu stellen und durch den Tag zu führen.“ Trotzdem setzt er Grenzen: Drogen und leichte Mädchen würde er nicht besorgen. „Das ist nicht meine Aufgabe.“
Als Butler vereint er viele Jobs in einem, fungiert manchmal gar als Psychologe. Und ist auch an harten Tagen dankbar, es als einer der wenigen geschafft zu haben, in solch exklusiven Kreisen zu arbeiten, den Luxus mitzuleben, selbst wenn er mehr Zeuge als Akteur ist. Ob er ein glamouröses Leben führt? Da zögert Shamandi keine Sekunde: „Wenn ich arbeite – ja. Privat bin ich das Gegenteil.“
Heute trainiert er selbst zukünftige Butler, leitet Kurse, etwa im Butler Bureau in Wien. In zehn Tagen wird man hier in Kleingruppen ausgebildet, lernt von der Haushaltsorganisation über Eventmanagement bis zu klassischer Tafelkultur und Etikette. Zur Praxis kooperiert die Schule etwa mit dem Hotel Imperial, dem Kristallluster-Giganten Lobmeyr und anderen Premium-Partnern. Nach der Schulung vermittelt das Bureau Jobs über die eigene Personalvermittlung, der Verdienst für die Butler liegt zwischen 50.000 bis 150.000 Euro im Jahr, plus Kost und Logis.
Rollenwechsel: Zeitung bügeln ist für Butler zweitrangig geworden. Heute ist man Housemanager, rechte Hand – und stets für alle Eventualitäten gerüstet
©Getty Images/Jeremy Walter/istockphoto„Viele verbinden mit dem Begriff Butler noch immer das Bild aus alten Filmen: ein Herr im Frack mit weißen Handschuhen, der Tee serviert und die Tür öffnet“, erklärt Claudia Schlegel, die Chefin des Butler Bureau. „Diesen klassischen Butler gibt es tatsächlich nur noch selten.“
Butler tragen heute viele Namen: Private Personal Assistant, House Manager oder Lifestyle Manager. Es gehe darum, Reisen zu organisieren, Mitarbeiter zu koordinieren, Gäste zu betreuen und dafür zu sorgen, dass alles funktioniert. Zu ihren Kunden, so Schlegel, gehören Unternehmerfamilien, Family Offices, vermögende Privatiers, Botschaften, Adelsfamilien und sogar Mitglieder königlicher Familien. „Viele unserer Kunden suchen vor allem eines: Entlastung, mehr Zeit und Lebensqualität. Natürlich spielt auch Prestige eine Rolle. Ein Butler war historisch immer ein Statussymbol und ist es bis zu einem gewissen Grad auch heute.“ Diskretion, Integrität und Loyalität wären unabdingbar. Aber kein Kunde sei wie der andere, so Schlegel: „Einmal wurde sogar ein Butler gesucht, der zusätzlich tägliche Handmassagen für die Dame des Hauses übernehmen könnte.“
Man bewegt sich in Kreisen, die man nur aus Film und Fernsehen kennt. Es fasziniert mich, Teil dieser Elite zu sein.
Weiße Handschuhe im Schloss
Für alten deutschen Adel arbeitet Roland Hofreiter als Butler. In einem Schloss im Süden Deutschlands, in der Nähe vom Bodensee. Ein moderner Haushalt, dem der Wiener vorsteht, und dennoch Traditionen nicht den Rücken kehrt. Am Wochenende etwa werden Essen in porzellaner Eintracht zelebriert, dafür sorgen schon die 50 verschiedenen Geschirrservices, die das Haus beherbergt. Besonders wertvoll: jenes, das als Geschenk des englischen Königssohnes hervorsticht, handbemalt und aus dem 19. Jahrhundert. Es bekommt eine Sonderbehandlung. Geschirrspüler verboten, es wird Hand und Schwamm angelegt.
Aber auch für die Essen unter der Woche besprechen der Hausherr, seine Assistentin, Koch und Hofreiter den exakten Ablauf, welches Tafelsilber zum Einsatz kommt, sowie die Tischwäsche. Zu koordinieren gibt es generell viel: 22 Leute gilt es zu steuern, Nannys, Köche, einen Butler-Kollegen, dazu Gärtner, den Hausmeister, eine Dame für das Inventar, die etwa die Kunstwerke katalogisiert. Weiße Handschuhe sind Pflicht für Hofreiter, sonst darf das Outfit mit schwarzer Hose und schwarzem Pullover jedoch leger sein, außer es kommen Gäste: Dann legt er eine grüne Uniform mit goldenen Knöpfen an.
Pflicht als Butler bei der Adelsfamilie: weiße Handschuhe
©Getty Images/PamelaJoeMcFarlane/istockphotoDas Schönste am Butler-Dasein für ihn: „Man bewegt sich in Kreisen, die man als Normalsterblicher nur aus Film und Fernsehen kennt“, so Hofreiter, „es fasziniert mich, Teil dieser Elite zu sein.“ Vor kurzem etwa: angekündigt war ein kleines Mittagessen mit Gästen. Als der Wagen vorfährt und Hofreiter die Tür öffnet, steht plötzlich ein prominenter Politiker vor ihm, gar Ex-Premierminister.
Begegnungen, die beeindrucken. Genauso wie die Reisen mit Privatjet und Yacht. Aber: „Man ist auch sehr viel allein. Auch zu Weihnachten, kann es nicht mit der Familie teilen.“ Das gilt es zu akzeptieren. „Wer bei diesem Beruf nur auf das Gehalt achtet, hält ihn nicht durch. Man muss wissen, was es bedeutet, sich als Person komplett zurückzustellen und nur für andere da zu sein.“ Etwa, wenn man einen Tag vor dem gebuchten Urlaub diesen stornieren muss, weil der Dienstherr andere Pläne mit einem hat. Der Verzicht hat sich bei Hofreiter manifestiert, seit er 15 Jahre in der Hotellerie gedient hat. Dennoch warnt er: „Aufgeben darf man sich nicht – trotz allem Pflichtbewusstsein.“ Es ist ein Dienst an sich selbst. Und für Butler aus Leidenschaft vielleicht der schwerste.
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