Dürers Feldhase: Der scheue Superstar der Albertina
Albrecht Dürers Feldhase gilt als Wunder der Beobachtung. Was ihn so lebendig macht, warum er selten gezeigt wird und weshalb sich das jetzt ändert.
Er ist fast wie der Osterhase: Alle kennen ihn, doch das Original ist selten zu sehen.
Albrecht Dürers Feldhase ist der scheue Superstar der Wiener Albertina. Ein Publikumsliebling, auch für jene, die mit alten Meistern sonst nichts am Hut haben. Für seinen Ruhm gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist da sein Alter: Der Feldhase stammt aus dem Jahr 1502, ist also 524 Jahre alt. Und trotzdem wirkt er, als hätte Dürer ihn gerade erst abgepinselt. „Er wirkt bis heute erstaunlich lebendig, flauschig und realitätsnah“, sagt Albertina-Direktor Ralph Gleis.
Das Tier sitzt einfach da auf dem Papier. Keine Wiese, kein Wald, kein Bau, kein Himmel: „Es gibt keine ausgearbeitete Umgebung, keinen Hintergrund. Nur der Schatten deutet die Dreidimensionalität an. Man hätte sich vorstellen können, dass er den Hasen im Gras sitzen lässt, in seiner Sasse – oder, wie oft angenommen wird, im Atelier Dürers.“
Der einzige kleine Hinweis auf einen Raum: das Fensterkreuz des Studios, das sich im Auge des Hasen spiegelt.
Das macht Dürers Feldhasen so einzigartig
Dürer gelingt hier etwas Erstaunliches. „Er hält ein Wildtier mit starkem Fluchtinstinkt im Bild fest und bannt es in einem einzigen Moment aufs Papier.“ Mit schnellen Pinselstrichen aquarelliert er den Körper, legt Farbflächen an – und arbeitet dann mit extrem feinem Pinsel jedes einzelne Haar aus. Wer länger hinsieht, bemerkt wachsame Augen. Man hat das Gefühl, die Muskeln spannen sich unter dem flauschigen Fell an. Es wirkt, als ob der Hase gleich den Brustkorb hebt. „Man meint beinahe, er würde atmen.“
„Man kann den Feldhasen schon mit großen Renaissance-Werken wie der Mona Lisa vergleichen.“
Dabei wusste Dürer ganz genau, was er tat. Die Anatomie des Feldhasen hatte er in zahlreichen Studien zuvor bis ins Detail erprobt. Für dieses berühmte Aquarell dürfte ihm allerdings nur wenig Zeit geblieben sein. Ein Wildtier in dieser angespannten Wachsamkeit lasse sich im Atelier kaum lange stillhalten, bevor es die Flucht ergreift. „Es ist dieser flüchtige Moment, in dem Dürer das seidige Fell, den Glanz in den Augen und diese besondere Lebendigkeit erfassen konnte. In diesem Augenblick hat er sehr schnell gearbeitet.“
Und möglicherweise ging es dem Tier währenddessen sprichwörtlich ans Fell: „Wie unser auf Dürer spezialisierte Kurator, Christof Metzger, immer sagt, ist es schon denkbar, dass der Hase im Kochtopf endete.“
Die Natur kommt nie aus der Mode
Schon zu Dürers Zeiten sorgte der Feldhase für Aufsehen. Zeitgenossen versuchten ihn zu kopieren – oder zumindest zu begreifen, wie Dürer dieses Kunststück gelungen war. „Der Feldhase wurde durch alle Zeiten hindurch als begehrenswert und kostbar angesehen“, sagt Gleis. Für Dürer war das Bild – ähnlich wie die berühmten Betenden Hände – auch eine Demonstration seines Könnens. Und anders als Könige, Heilige oder Schlachtenszenen kommt eine genaue Beobachtung der Natur nie aus der Mode. Ein Vergleich mit einer lächelnden Dame ist da durchaus erlaubt: „Man kann den Feldhasen schon mit großen Renaissance-Werken wie Leonardo da Vincis Mona Lisa vergleichen“, sagt der Albertina-Direktor – nicht nur vom Status im Museum her, sondern „als Kunstwerk von allgemeiner Gültigkeit“.
Der Hase ist ein lichtscheues Tier. Man muss aufpassen, dass das Papier nicht vergilbt und die Farben nicht verblassen.
Der Unterschied: Während Leonardo da Vincis Dame seit Jahrhunderten verlässlich in Paris lächelt, verbringt Dürers originaler Feldhase die meiste Zeit im Wiener „Hasenbau“, sprich im Depot der Albertina. „Der Hase ist ein lichtscheues Tier“, erklärt Gleis. „Man muss aufpassen, dass das Papier nicht vergilbt und die Farben nicht verblassen.“ Genau deshalb ist das Bild bis heute in einem so erstaunlich guten Zustand.
Zum Jubiläum darf der Hase hinaus
Zum 250-jährigen Jubiläum der Albertina darf das Original nun wieder einmal aus dem Stall. Im Rahmen der Jubiläumsschau ist der Feldhase von 19. Juni bis 11. Oktober zu sehen. „Das ist erst das zehnte Mal, dass er in der Albertina ausgestellt wird“, sagt Gleis.
Und womöglich dauert das nächste Wiedersehen gar nicht so lange: In zwei Jahren, zum 500. Todestag Albrecht Dürers, könnte der Hase erneut ans Licht kommen. Eine Sondergenehmigung braucht es dafür nicht. „Die erteilen wir uns selbst.“ Entscheidend seien die sogenannten Lichtstunden, die Belastung soll so gering wie möglich bleiben. Schließlich soll der Hase auch in 500 Jahren noch zu sehen sein.
Dürers Feldhase im Tiefspeicher der Albertina. Das Bild stammt aus einer Presseführung aus dem Jahr 2014.
©Kurier/Deutsch GerhardIn der Zwischenzeit hängt in der Albertina ein Replikat, ein falscher Hase sozusagen. Früher wurde das Werk kopiert und nachgemalt, heute übernehmen das hochpräzise Druckverfahren. Grundlage ist eine exzellente Fotografie, aus der ein sogenanntes Faksimile entsteht. „Damit versucht man, das Original in allen Details nachzubilden“, erklärt Gleis. „Für das Auge wirkt es täuschend echt.“
Ganz gleich sind die beiden allerdings nicht. „Spätestens wenn man das Werk aus dem Rahmen nimmt, wird der Unterschied eindeutig sichtbar.“ Papier, Struktur, Alterung – all das verrät den echten Hasen.
Das kann nur der Original-Feldhase
Daher ist Gleis’ Rat eindeutig: Das Original sehen, wenn sich die Gelegenheit bietet. „Diese Aura, die das Original umgibt, diese Lebendigkeit, die Dürer auf Papier gezaubert hat – das lässt sich mit keiner Reproduktion vergleichen.“
Wenn der originale Feldhase nicht zu sehen ist, liegt er mit anderen wertvollen Werken in einem begehbaren Safe – klimatisch perfekt eingestellt, mit kontrolliertem Luftdruck und Temperatur. So groß wie ein Magazin, dafür mit der allerhöchsten Sicherheitsstufe. Und wenn den Direktor spontan die Lust packt, dem Hasen einen Besuch abzustatten? Fehlanzeige. „Der Zutritt ist nur nach dem Vier-Augen-Prinzip möglich“, sagt Gleis. „Auch ich kann da nicht einfach so hineingehen.“
Ausnahmen gibt es nur bei ganz besonderen Gästen. Wenn etwa hochrangige Staatsgäste vorbeischauen, sagen wir ein US-Präsident mit Sinn für Kunst statt Wrestling oder berühmte Royals. „Das hat es durchaus schon gegeben“, sagt Gleis. „Es existieren sogar Fotografien, auf denen etwa die Queen Elizabeth II. gemeinsam mit meinem Vorgänger Walter Koschatzky den Feldhasen betrachtet. Solche Momente sind allerdings sorgsam vorbereitet und äußerst selten.“
Der damalige Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder (l.) und die Schauspielerin Jane Fonda mit Albrecht Dürers "Feldhase" bei einem Besuch der Albertina am Dienstag, 14. Ferbruar 2023.
©APA/OTS/ALBERINA/LANDLAlso zu Ostern ruhig den Osterhasen suchen – ab Juni dann den originalen Feldhasen im Museum.
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