Adi Niederkorn: „Jetzt hole ich meine Hochzeitsreise nach“
Die Sportreporter-Legende geht in Pension. Interview über, wer ihm Watschen androhte, die Zeit als Privatdetektiv und die Zukunft.
Jetzt kann er es ja sagen. Befreit von journalistischer Objektivität. Der Fan welchen Klubs er sei? „SK Rapid“, antwortet Adi Niederkorn. Es ist vielleicht nicht ganz ein Zufall, dass wir uns zum Interview im Allianz Stadion treffen. 40 Jahre lang berichtete er für Ö3 live von mehr als tausend Fußballspielen und Skirennen, lernte bei Edi Finger senior und Heinz Prüller, erlebte Polster, Herzog, Kronberger, Maier oder Hirscher, begleitete den Ski-Weltcup, fuhr zu Fußball-Weltmeisterschaften. Eine Reporterlegende. Sehr populär wurde er im Doppelpack mit Edi Finger junior als „Adi und Edi“ – „vielleicht die schönste Zeit“, resümiert Adi Niederkorn in der Präsidentenloge von Rapid. Bei den Grünen wird gerade der Rasen neu verlegt. Und auch bei Niederkorn kommt alles neu – er geht in Pension. Im Interview erzählt er, was war – und was wird.
Adi, die ersten zwei Wochen im Ruhestand haben Sie jetzt hinter sich. Verspüren Sie einen Pensionsschock, verfallen Sie in den Moderationsmodus, sobald Sie irgendwo einen Fußball sehen?
Pensionsschock habe ich nicht erlitten, jetzt ist einmal Urlaubsfeeling angesagt. Vielleicht kommt der Schock ja noch. Ein echter Härtetest wird Sölden sein, wenn der Ski-Weltcup anfängt. Inzwischen genieße ich es, einmal ein Fußballmatch anzuschauen, ohne dass es beruflich ist. Ich freue mich schon auf den ersten Stadionbesuch, wo ich nichts arbeiten muss. Das war wahrscheinlich zuletzt vor 40 Jahren der Fall.
Wie hat sich der letzte Arbeitstag angefühlt?
Eigentlich ganz normal. Bis zum Ende zumindest, als ein Ständchen der Ö3-Wecker-Kombo für mich eingespielt wurde. Das hat mich völlig überrascht, da musste ich mit den Tränen kämpfen, weil das total lieb und schön war. Ein Gänsehaut-Moment für mich.
Gab es einen Moment, in dem Sie wussten, es ist Zeit aufzuhören?
In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert beim Radio. Die Live-Einstiege bei Sportereignissen sind etwa viel kürzer geworden, Musik ist alles, was zählt. Und es ist auch eine Kostenfrage, überall hinzureisen und zu berichten – oder ob man das vielleicht von Wien aus macht. Im Winter war ich ab Dezember bis zum Finale Ende März bei jedem Weltcup-Skirennen live vor Ort. Das wird es in Zukunft nicht mehr spielen. Ich habe noch die schönste Zeit des Sportjournalismus miterlebt. Das wird nicht mehr zu toppen sein.
Einwurf Richtung Zukunft: „Der Pensionsschock kommt vielleicht noch", so Adi Niederkorn
©kurier/Barbara NidetzkyWelcher Sportler hat Sie besonders beeindruckt?
Die Professionalität von Marcel Hirscher hat mich wahnsinnig beeindruckt. So etwas habe ich vorher noch nie erlebt und nachher auch nie. Seine Disziplin und sein Ehrgeiz waren außergewöhnlich – er hat sich förmlich programmiert zu seinen acht Gesamtweltcupsiegen. Und er war hochprofessionell, wusste, wie wichtig Ö3 für sein Image ist.
Wenn man die Sportler über Jahre so eng begleitet, entstehen da Freundschaften?
Das lässt sich kaum vermeiden. Michael Walchhofer etwa ist ein sehr guter Freund, mit dem ich auch seinen 50er gefeiert habe. Sehr gut bin ich auch mit Andi Herzog, wenngleich man sich aus den Augen verliert. Aber so ein Naheverhältnis zu Stars ist heute eigentlich nicht mehr möglich.
Ich beneide Reporter nicht, wenn sie adrenalingeladene, hoch emotionale Spitzensportler nach einer Niederlage interviewen müssen. Da ist schnell jede Frage eine Provokation.
Ich habe oft überlegt, was denkt sich eigentlich ein Sportler, wenn ich diese oder jene Frage stelle? Nachgegangen bin ich dem aber nie. Die meisten würden – medial geschult und mit abgeschliffenen Kanten – wahrscheinlich eh nicht mit der Wahrheit rausrücken. Marko Arnautovic vielleicht schon.
Kick it like Niederkorn: "War ja auch bei jedem Blödsinn dabei"
©kurier/Barbara NidetzkyWen hätten Sie gerne vor dem Mikrofon gehabt, aber es hat leider nie geklappt?
Ich habe noch Diego Maradona interviewt, darauf bin ich stolz. Heute als Radiomann an Interviews mit solchen Superstars zu kommen, ist aber praktisch unmöglich. Aber, um Ihre Frage zu beantworten: Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo.
Die Frage, wer von beiden der Bessere ist, spaltet die Geister. Wen verehren Sie?
Ich bin mehr der Ronaldo-Fan, ihn hätte ich gerne im Interview nach dem Geheimnis seiner Selbstdisziplin gefragt. Er gilt zwar als eitel und kommt in der Öffentlichkeit nicht gut weg. Aber mir imponiert, dass er mit 41 Jahren noch eine WM spielt. Oder dass er sich - in einer Fußballwelt, in der fast jeder Tattoos hat – nicht tätowieren lässt, weil ihm dann nicht mehr erlaubt wäre, regelmäßig Blut und Knochenmark zu spenden.
Die Fußball-WM naht und Sie gehen in Pension. Hätte Sie dieses Großereignis in USA und Mexiko nicht noch gereizt?
Im Gegenteil: Mein offizieller Pensionsantritt ist zwar erst am 1. November, aber die WM will ich nicht mehr machen. So ein Event ist extrem anstrengend, das habe ich 1994 in den USA erlebt: 40 Grad Celsius im Stadion – damals bin ich mit Sonnenstich beinahe kollabiert. Dazu lange Flüge, Zeitverschiebung, Sicherheitskontrollen – das wollte ich mir ersparen.
Die letzte WM-Teilnahme Österreichs ist keine schöne Erinnerung für Sie?
Ich war damals Jungpapa und mental am Limit. Nach einem heftigen Erdbeben habe ich meinen damaligen Chef Heinz Prüller angerufen und gesagt: „Heinz, ich mag nach Hause.“ Damals war ständig von einem möglichen großen Beben die Rede. Heinz hatte Verständnis, und noch vor dem Viertelfinale durfte ich heimfliegen.
Zug zum Tor: Adi Niederkorn beim Interview mit Kurier-Redakteur Alexander Kern
©kurier/Barbara NidetzkyHat der Spitzensport sich verändert, welche Entwicklung sehen Sie kritisch?
Trainingslehre oder Formaufbau haben sich enorm professionalisiert. Bei den Kickern hat die Identifikation mit ihrem Klub abgenommen, das Geld ist wichtiger, Vereinstreue selten. Die Kommerzialisierung des Fußballs nimmt überhand. Keiner will 27 Mal Real Madrid gegen Paris Saint-Germain sehen. Eine WM fasziniert, weil sie nur alle vier Jahre stattfindet.
Wenn österreichische Teams gefeiert haben, haben Sie mitgefeiert?
Ja, bei den Partys für die gelungenen WM-Qualifikationen Österreichs 1990 und 1998 etwa war ich bis zum bitteren Ende dabei. (lacht)
Zum Glück gab es noch keine Handys ...
Gott sei Dank. Handys haben alles verändert, irgendeiner schießt immer ein Bild bei einer Feier, und trinkt einer einen Schluck Alkohol, ist das gleich ein Skandal. Früher war das wurscht.
Wie haben Sie das gemacht, dass Ihnen als Reporter trotzdem so vertraut wurde?
Ich war einfach so, wie ich bin. Ich musste auch kaum kritisieren, das Nationalteam hat super Fußball gespielt; gleichzeitig konnte jeder mit Kritik umgehen. Das eine war halt Beruf, und ausgehen war privat. Das blieb unter uns, die Spieler wussten, dass sie sich darauf verlassen können. Und ich war ja auch bei jedem Blödsinn dabei.
Wird Österreich Fußball-Weltmeister?
Nein.
Warum?
Weil es zu viele bessere Mannschaften gibt. Wenn wir in unserer Gruppe Zweiter werden, ist die WM für uns wohl vorbei. Österreich würde dann nämlich wahrscheinlich gegen Spanien spielen, und die sind in der K. o.-Phase kaum zu biegen. Gewinnen wir die Gruppe allerdings oder werden Dritter, könnten wir weit kommen.
Niederkorn und die Queen: "Ein Ersatzspieler von Chelsea hat mir Watschen angedroht"
©kurier/Barbara NidetzkyDie größte Panne Ihrer Karriere?
2022 beim Spiel Chelsea gegen Salzburg in der Champions League in London. Vor Matchbeginn wurde zu Ehren der verstorbenen Queen Elizabeth II. eine Schweigeminute abgehalten. Doch die hat verspätet stattgefunden, und ausgerechnet in diesem Augenblick musste ich den Live-Einstieg für Ö3 machen. Im ganzen Stadion war es mucksmäuschenstill – bis auf mich. Alle waren sehr böse auf mich, die englischen Medien haben darüber berichtet. Ein Ersatzspieler von Chelsea hat mir Watschen angedroht.
Und ein Gänsehaut-Moment?
Oder gleich drei davon: Besonders emotional waren der Sieg von Hermann Maier bei den Olympischen Spielen in Nagano, nachdem er zuvor so schwer gestürzt ist, der Sieg von Marcel Hirscher bei der Heim-WM in Schladming und die drei Tore von Toni Polster gegen die DDR, mit denen wir uns für die WM qualifiziert haben, nachdem er ausgebuht wurde. Da wurde Sportgeschichte geschrieben.
Erinnerungen an das Duo "Adi & Edi", Reporter-Partner Edi Finger junior: "Mit ihm zusammen war es vielleicht die schönste Zeit als Sportreporter"
©kurier/Barbara NidetzkyAchtung, Achtung, Tor in der Südstadt! Viele sind mit Ihrer Radio-Stimme im Ohr aufgewachsen, etwa in der legendären „Sport und Musik“-Sendung ...
Das macht mich irrsinnig stolz, wie manche Menschen, die ich teilweise gar nicht gekannt habe, jetzt auf meinen Ruhestand reagieren. Meistens fehlt ja das Feedback, man weiß nicht, wer zuhört und wie es ankommt.
Besonders beliebt waren Sie im Duo „Adi und Edi“ mit Edi Finger junior, da wurde viel Schmäh geführt. Er ist 2021 verstorben, wie erinnern Sie sich an ihn?
Wenn wir uns getroffen haben, haben wir von der ersten bis zur letzten Minute gelacht. Der Schmäh lief ununterbrochen. Mit ihm zusammen war es vielleicht die schönste Zeit als Sportreporter. Er war ein Naturtalent, hätte auf der Bühne problemlos jederzeit ein Kabarett aus dem Hut gezaubert. Eine geile Zeit.
Habt ihr euch trotz der engen Zusammenarbeit immer gut verstanden?
Immer nicht, es gab – wie in einer Ehe – natürlich auch Meinungsverschiedenheiten. Aber wir waren ein Team – auch privat, sind gemeinsam mit unseren Familien nach Italien oder Kärnten auf Urlaub gefahren.
Wollten Sie stets Sportreporter werden?
Schon als Kind – vor allem wollte ich Sportreporter fürs Radio werden. Früher hat man öfter fürs Bild den Fernseher aufgedreht, und dazu für den Ton das Radio – da war einfach viel mehr Leben drin. Als Kind habe ich im Parkettboden mit den Haarnadeln meiner Mutter Slaloms gesteckt, Spielzeugautorennen veranstaltet, die Zeit gestoppt und alles kommentiert. Nicht immer nur zur Freude meiner Eltern, die in Ruhe fernsehen wollten.
Bis zum Traumjob haben Sie sich noch als Privatdetektiv verdingt. Was hatte es damit auf sich?
Ein Studentenjob. Davor habe ich mir am Bau Geld dazuverdient und ich dachte mir, Privatdetektiv ist sicher angenehmer als Ziegeln schleppen und Sand schaufeln. Ich musste für einen Firmenchef seine Mitarbeiterin beobachten, die Fotos, auf denen sie mit ihrem Freund abgebildet war dann mit einem mulmigen Gefühl ihrem Mann überbringen. Als Detektiv habe ich mir das Geld für mein erstes Motorrad verdient.
Wie viel Privatleben mussten Sie für Ihren Beruf opfern?
Sehr viel. Wenn andere frei hatten, musste ich oft arbeiten, dadurch sind Freundschaften weniger geworden. Auch bei meinen zwei Kindern habe ich leider vieles verpasst; trotzdem haben wir immer ein inniges Verhältnis gehabt. Dennoch tut es mir leid, dass ich bei manchen Momenten, wie Schulaufführungen oder Fußballspielen, nicht dabei sein konnte. Für das Familienleben ist dieser Beruf sehr hart.
Was sind jetzt Ihre Pläne für die Zukunft?
Im Garten ist viel zu tun, auch Sport möchte ich machen, an Gewicht verlieren. Und ich kann unsere Hochzeitsreise nachholen – das hat sich damals nicht so gut ergeben, weil gerade die Ski-WM 1991 in Saalbach stattgefunden hat. Meine Frau wollte in den Flitterwochen nach Mauritius – das müssen wir jetzt unbedingt nachholen, zumal ich im Winter bislang immer mit dem Ski-Weltcup unterwegs war. Darauf freue ich mich!
Kommentare