© Gino Venturini

freizeit Mode & Beauty
04/07/2020

Starschneider produziert Schutzmasken: "Man muss sich halt was einfallen lassen"

Nici Venturini ist der vielleicht berühmteste Schneider von Maßhemden in Österreich. In der Krise hat er auf die Produktion schöner, aber auch innovativer Schutzmasken umgesattelt.

von Richard Grasl

Wie sind Sie denn auf die Idee mit der Maskenproduktion gekommen?

Wir sind am Anfang so wie viele Unternehmen dagestanden und haben nicht mehr gewusst, was wir tun sollen, eigentlich stehend k.o. - es gab Traurigkeit, Angst, wie wird es weitergehen wird. Und dann keimt das Unternehmertum in einem auf. Nachdem wir alles aufgeräumt hatten, war mir klar: Wir müssen jetzt etwas machen. Und dann habe ich mich entschlossen, Schutzmasken zu produzieren. Ein ordentlich medizinisches Produkt können wir nicht herstellen, dazu fehlen uns die Maschinen, um die Membranen zu verschweißen, aber einen normalen Mund-Nasen-Schutz, der heute meistens ein Papierfetzerl ist, den können wir herstellen. Und wir verwenden ausschließlich vollverzwirnte Stoffe aus der Schweiz und Italien, besonders weich und glatt und angenehm und schöner vom Design. Wir haben uns entschlossen, dass wir chice, elegante, schöne Masken machen. Nicht mit Blümchen drauf, nicht aus alten Stoffen, sondern aus modernen Stoffen wie bei der Hemdenproduktion.

Aus der Not eine Tugend?

Am Anfang denkt man sich, wer wird so was brauchen? Eigentlich jeder. Dann haben wir die Masken über Facebook und Instagram gepostet, und wir waren erstaunt, wie groß die Nachfrage ist.

Schützen die Masken, kann man sie waschen?

Wir schreiben extra dazu, dass es sich nicht um ein medizinisches Produkt handelt, sondern um einen reinen Mund-Nasen-Schutz. Wenn wir miteinander sprechen, dass es nicht zu einer Übertragung kommt. Wir nehmen dazu zwei Lagen vollgezwirnten Stoff, der noch dazu sehr dicht gewoben ist, und haben eine Tasche eingefügt, in die man ein Papiertaschentuch einlegen kann. Damit hat man eine zusätzliche Filterwirkung. Außerdem befeuchtet sich die Maske durch langes Tragen, und das wird unangenehm. Und so kann man einfach das Taschentuch mehrmals pro Tag wechseln.

Eine innovative Idee, waren Sie schon beim Patentamt damit?

(lacht) Nein. Aber ich habe die ersten Masken, die wir gemacht haben, selbst getragen und bemerkt, das wird irgendwie feucht – und ich kann ja nicht immer fünf bis sechs Masken mithaben.

Wir war es für Sie, als Sie das Geschäft schließen mussten?

Beruhigt hat mich zunächst, dass ich durch die Maßnahmen der Bundesregierung das Gefühl hatte, dieses Land wird geführt, und man kann sich auf dieses Team verlassen. Da wurde nichts beschönigt, ich hatte den Eindruck, es wird uns nichts vorenthalten. Aber war es hart, weil wir noch nie mit so einer Situation zu tun hatten. Wir hatten ja noch nie mit SARS Kontakt. Für die Chinesen ist das weniger Neuland, weil sie seit 2009 schon die dritte SARS-Epidemie hatten. Die sind gewohnt, eine Maske zu tragen. Ich bin dagestanden und hab mich gefragt, was mache ich jetzt. Am ersten Samstag, wenn bei uns normalerweise im Geschäft immer viel los ist, wurde mir klar, ich habe heute keinen einzigen Cent verdient. Aber es kommt dann der Moment bei einem Unternehmen, wo man sich sagt: Jetzt ist kein Selbstmitleid angebracht. Man muss etwas tun, man muss sich halt was überlegen. Zuerst habe ich gedacht, vielleicht bekomme ich einen Auftrag, um medizinische Masken zu nähen. Aber dafür habe ich nicht die richtigen Maschinen. Und so hat sich der Gedanke weitergesponnen, dass wir wenigstens diese Mund-Nasen-Schutz machen, der die Verbreitung des Virus verhindern soll.

Woher kommt dieser Unternehmergeist?

Mein Vater hat mich sehr geprägt. Ich hatte das unglaubliche Glück, einen wahnsinnig liebevollen, führenden Vater zu haben, der immer versucht hat, mich neben ihm mitwachsen zu lassen. Einer seiner wichtigsten Ratschläge war: Schau, dass Du immer eine Kriegskasse hast. Es muss ein bissel Geld immer auf der Seite sein, falls etwas passiert, dass dich das nicht kalt erwischt. Und so war es auch jetzt. Wir sind dagestanden und haben gewusst, wir haben jetzt die nächsten Wochen keinen einzigen Euro Einnahmen. Und Gott sei Dank, haben wir Rücklagen, um da jetzt durchzukommen.

Haben Sie Mitarbeiter auf Kurzarbeit geschickt oder gekündigt?

Ich habe natürlich niemanden gekündigt. Ich habe mich an alle Mitarbeiter persönlich gewandt und gesagt: Wir sind heute da, wo wir sind, weil wir es gemeinsam aufgebaut haben. Und wir werden das auch gemeinsam schaffen. Gerade hat mir eine Mitarbeiterin gesagt, wie toll ich versuche das Schiff durch die raue See zu lenken. Ich habe fast zu weinen begonnen. Das rührt einen. Denn ich habe natürlich als Unternehmer, als Chef auch Ängste. Und man muss aber trotzdem die Vorbildwirkung des Unternehmers haben, damit die Leute wissen, sie können sich auch Dich verlassen. Da ist keine Zeit für Jammern oder Selbstmitleid. Man muss für die Mitarbeiter da sein. Mitarbeiter heißt nicht, dass sie neben einem arbeiten, sie sind ein Teil der Familie. Und so hat das mein Vater gelebt, und so lebe ich das auch. Natürlich habe ich aus Sicherheitsgründen Kurzarbeit angemeldet, aber wir hoffen, dass wir sie nicht wirklich ausnutzen müssen.

Die Regierung hat gesagt, Dienstag können Geschäfte mit kleiner Verkaufsfläche wieder aufsperren. Kann man Hemden anmessen überhaupt, ohne dem Kunden zu nahe zu kommen?

Ich war noch nie so glücklich, dass ich so ein kleines Geschäft habe. Weil ich es am Dienstag aufsperren kann. Wir werden alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen. Zum Glück haben wir eine hohe Anzahl an Stammkunden, die die Möglichkeit haben, bei uns ein Hemd kontaktlos zu bestellen und im Abstand von einem Meter die Stoffbücher durchblättern können. Auch das Abholen von Hemden ist natürlich möglich. Für Neukunden haben wir uns einen kleinen Vorrat an wirklich guten medizinischen Schutzmasken angeschafft. Da sind sowohl der Kunde als auch wir vor einer Übertragung geschützt.

Sie haben – wie man am Namen hört – italienische Wurzeln. Wie sehr sorgst Du dich um Italien?

Es ist eine Katastrophe, eine Tragödie. Es sterben dort so viele Menschen. Ich habe noch einen Teil der Familie in Südtirol, die dort ein Hotel haben. Das ist seit 6 Wochen zu. Sie sind verzweifelt und wissen nicht mehr, wie es weitergeht. Da gibt es gar keine staatlichen Unterstützungen wie bei uns. Da müssen wir unserer Regierung wirklich dankbar sein, dass sie es der Wirtschaft ermöglicht, die nächsten Wochen abzufedern. In Italien wird das ganz bitter. Viele meiner Lieferanten werden das nicht überleben.

Hören Sie das gesamte Interview mit Nici Venturini im KURIER-Daily-Podcast auf Spotify, Aplle Podcast oder Deezer oder auf kurier.at (siehe untenstehenden Link).

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