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freizeit
06/22/2019

Flitzer unterwegs: E-Scooter-Boom weltweit

Von Wien bis Santa Monica: E-Scooter erobern die Straßen. Joachim Riedl, Leiter des Wiener Büros der ZEIT, über den Boom.

Mit den sommerlichen Temperaturen wimmeln sie wieder durch die Straßen großer Städte: kleine Tretroller, angetrieben von Elektromotoren, flitzen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 25 Stundenkilometern durch das urbane Gefüge. Diesen E-Scootern, darin stimmen viele Stadt- und Verkehrsplaner überein, gehöre die Zukunft der städtischen Mobilität.
 Der amerikanische Business-Analyst Horace Dediu, der sich auf diese neue Form der Mikromobilität spezialisiert hat, prophezeit sogar: „Der E-Scooter ist das iPhone der innerstädtischen Fortbewegung.“
 

Die Elektroroller sind smart, hip, clever und in den Innenstädten fast überall verfügbar. Um sie zu benutzen, bedarf es keinerlei Vorkenntnisse. Das Prinzip dahinter ist   simpel: Sie werden über eine App mit dem Smartphone angemietet und über Kreditkarte abgerechnet. Die Preise sind überall vereinheitlicht: Es fällt eine Grundgebühr von einem Euro an und jede Minute kostet 0,15 Cent. Für ein paar Euro kommt man dann schon ein gutes Stück Weges weiter. Die Roller sind dadurch wie geschaffen für große Städte, die täglich einen Staukollaps überstehen müssen und an den Abgasen benzingetriebener Blechlawinen zu ersticken drohen. Mit dem E-Scooter steckt man niemals fest. Die flotten Stromer sind ein relativ junges Phänomen. Erstmals tauchten die Mietflitzer im Herbst 2017 im kalifornischen Santa Monica auf. Rasch breiteten sie sich auf die Metropolen an der amerikanischen Westküste aus und eroberten im Höllentempo europäische und israelische Großstädte.
 

Heute sind sie von Zürich bis Paris, von Tel Aviv bis Wien in allen urbanen Ballungsräumen anzutreffen. Allein in Israel, einem Land mit acht Millionen Einwohnern, schätzt das Verkehrsministerium, seien mittlerweile 250.000 Elektroroller unterwegs. Seitdem nun die häufig umstrittenen Roller auch in Deutschland, dem größten Hoffnungsmarkt der E-Scooter-Betreiber, zugelassen sind, steht ein neuer Boom bevor. Die in deutschen Städten gut ausgebauten Netze von Fahrradwegen bieten eine geradezu ideale Verkehrsfläche für die kleinen Raser.
Der Verkehrssprecher der deutschen Grünen, Matthias Gastel,  erwartet sich, dass mit der Verbreitung der Elektroroller endlich die Initialzündung für die Verkehrswende erfolgt ist, um die solange und vergeblich gerungen worden ist. Der Elektroflitzer werde ein völliges Umdenken darüber auslösen, wie Stadtbewohner ihre Wege planen und ihre Fortbewegung organisieren. Das werde die Städte nachhaltig verändern. In San Francisco ergab unlängst eine Umfrage, dass 80 Prozent der E-Scooter-Nutzer für ihre Wege in der hügeligen Metropole das Auto benutzt hätten, wären ihnen nicht die Roller zur Verfügung gestanden.
 

Der Boom der Flitzer

„Der Roller nimmt den etablierten Verkehrsmitteln immer mehr Kilometer ab“, sagt Analyst Dediu: „Die elektrische Roller sind der letzte Schick. In den USA haben die beiden größten Betreiber bereits in ihrem ersten Jahr jeweils mehr als zehn Millionen Fahrten registriert. Diese Wachstumsraten liegen im Bereich von Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Instagram – bei den Scooter-Sharing-Diensten sogar auf dem Niveau von Android oder iPhone.“ Und Wien kann sich damit brüsten, auf diesem Zukunftsmarkt ganz vorne mit dabei zu sein. Die Mietroller sind eingebettet in das Problembewusstsein einer jüngeren Generation, die den Kampf gegen den Klimawandel zu ihrem zentralen Anliegen gemacht hat. Die E-Scooter vereinigen Elemente, die in westlichen Gesellschaften derzeit voll im Trend liegen: Sharing Economy und Elektromobilität.
Das Prinzip klingt gut. Die Roller seien klein und umweltfreundlich und auf kurzen Strecken dem Auto oder dem Taxi überlegen, behaupten die Befürworter. Sie argumentieren, dass die Nutzer anders als beim Fahrrad, vor allem wenn es bergauf geht, beim Fahren nicht ins Schwitzen kommen und daher adrett und entspannt im Büro oder zu Geschäftsterminen auftauchen. Zudem ergibt sich ein cooles Bild: Im flatternden Business-Anzug hurtig und lässig zum nächsten Geschäftsabschluss kurven.

 

Wien als Testmarkt

Genau das Ding der jugendlichen urbanen Eliten, denen so viele nacheifern. „Große Teile der Bevölkerung sind für Motorroller nicht erreichbar“, sagt Gunnar Froh, dessen deutsches Start-up-Unternehmen, die Software liefert, die hinter einigen der Sharing-Apps steckt: „Für die Kickscooter sind diese Leute aber sehr wohl zu gewinnen, da hier die Hemmschwelle viel niedriger liegt.“ Exakt das war die Erfahrung, die Tonalli Arreola in Wien gemacht hat. Der Manager vertritt den kalifornischen E-Scooter-Pionier Lime in der Donaumetropole. Für einen der weltweiten Marktführer war Wien der Testmarkt, mit dem Lime die Expansion nach Europa startete.

In Wien fahren die Wiener

Begonnen hatte man im September 2018 mit 250 Scootern, heute stehen Wien  1.500 E-Roller über das Stadtgebiet verstreut zur Verfügung (das ist das Maximum, das die Stadtverwaltung jedem der acht Lizenznehmern in Wien zugesteht). Bisher hätten sich über 60.000 Personen bei dem Vermieter angemeldet und die Roller zumindest einmal genutzt, viele dieser Early Adopter wurden in der Zwischenzeit zu Stammkunden. Die meisten Nutzer, erzählt Arreola, seien Wiener und nicht Touristen: „Die Nachfrage ist eindeutig größer als das Angebot“. Eine Durchschnittsfahrt betrage 1,3 Kilometer, bereits in den ersten drei Monate registrierte man 150.000 Mieten, die im Schnitt zehn Minuten dauerten. Ähnlich schnell wie die Wachstumsrate seines Unternehmens habe sich auch die Konkurrenz verschärft. Dennoch ist Arreola überzeugt: „Der Markt ist groß genug für alle.“ „Kein anderes Segment wächst so schnell wie die E-Scooter“, behauptet der Lime-Manager.

Während jedes Mietfahrrad an einem Tag durchschnittlich nur zweimal ausgeliehen wird, seien es beim Stromroller  acht- mitunter sogar zwölfmal. Das liegt vielleicht auch an dem Spaßfaktor, den die Betreiber für sich reklamieren und an der modernen Mobilitätsmasche. Vor allem auf der ersten und der letzten Meile einer Wegstrecke soll  der E-Scooter-Fahrer den Stadtverkehr umweltbewusst entlasten: von der Wohnung zum U-Bahnhof und am Ende der Nahverkehrsfahrt zum Arbeitsplatz. Eine einzige Einschränkung gebe es, sagt Mitbegründer Julian Blessin vom Berliner Start-up-Unternehmen Tier, welcher der Invasion aus Amerika Einhalt gebieten möchte. „Wir haben festgestellt, dass es gar nicht die Temperatur ist, die behindert. Wir verzeichnen ja auch in Skandinavien hohe Nutzerzahlen. Was aber Fahrten auf jeden Fall einschränkt, ist Nässe. Auch wenn es im Sommer regnet, gehen die Fahrtenzahlen hinunter.“ Bei Eis, Schnee und Glätte geht nichts mehr. Dann stellt auch Tier den Betrieb ein.
 

Verkehrsräume neu aufteilen

Natürlich verlief die Eroberung der Städte nicht reibungslos und die jungen Flitzer waren und sind noch immer umstritten. Die Verbreitung war anarchisch. Über Nacht waren die neuartigen Dinger auf einmal da und irritierten die Stadtbewohner. Jeder der Anbieter wollte der erste Platzhirsch sein, für Regeln und Regulierungen war da keine Zeit. In Rom erfolgte die Invasion der „Monopattini“, wie Italiener die Roller nennen, derart überfallsartig, dass ernsthaft erwogen wurde, die Störenfriede aus dem Gassengewirr des Stadtzentrums zu verbannen. Das waren aber Kinderkrankheiten. Mittlerweile hat jedes Land und jede Stadt eigene Verkehrsregeln für die Newcomer erlassen (in Österreich werden E-Scooter wie Fahrräder behandelt) und auch das Nebeneinander der unterschiedlicher Verkehrsmittel hat sich eingependelt. Mit einer großen Ausnahme. In den Metropolen müssen – auch wegen der neu hinzu gekommenen E-Scooter – die Verkehrsräume neu verteilt werden. Und das kann, da sind sich Verkehrsplaner einig, am Ende nur auf Kosten der Autofahrer gehen, denen man Parkplätze oder ganze Fahrspuren wird wegnehmen müssen.
 Analyst Horace Dediu glaubt sogar, dass mit den schicken Stromern den großen Autokonzernen eine bedrohliche Konkurrenz erwachsen ist. Sie machten nämlich den protzigen Limousinen den öffentlichen Raum streitig. Fraglich ist lediglich, ob das Geschäftsmodell der E-Scooter-Vermieter letztlich jene paradiesischen Gewinne erbringen wird, die sich derzeit noch alle erhoffen. In der Szene der Risikokapitalgeber sind die Elektro-Roller-Betreiber noch heiß begehrte Investmentziele, auch große Multis, Google, Mercedes oder BMW, mischen mit.
 Die Start-ups haben hunderte Millionen an Betriebskapital eingesammelt, die Weltmarktführer werden mit mehreren Milliarden Dollar bewertet. Einige der jungen Firmen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit bald wieder samt ihren Scootern aus dem Stadtbild verschwunden, prophezeit Lukasz Gadowski, der selbst mit einem eigenen Vermieter an den Start gegangen ist. Hoffnungsfroh sind derzeit noch alle, die Winzlinge ebenso wie die Branchenriesen.
 Vom Trend zum Boom wird es allerdings noch ein steiniger Weg, über welche die Roller holpern müssen. „Am Ende werden wir uns aber durchsetzen“, sagt der gebürtige Pole: „Die Erfolgsgeschichte des Autos hat lang genug gedauert“ Der Selfmade-Millionär ist allerdings schon am nächsten heißen Ding daran. Er investiert in eine baden-württembergische Firma namens Volocopter, die derzeit am Himmel über Dubai den Einsatz von autonomen und strombetriebenen Drohnen zum Personentransport testet. Schon in naher Zukunft soll man dann in Europas Metropolen über das ganze Verkehrsgewirr einfach hinweggleiten können – E-Scooter miteingeschlossen.  

Bei uns ist die Lage klar: Rechtlich gelten  E-Scooter als Fahrräder, müssen über Bremse und eine Lichtanlage verfügen und dürfen im Verkehr erst ab einem Alter von 12 Jahren bewegt werden – aber  nicht auf Gehsteigen und Schutzwegen. Ist ein Radweg vorhanden, ist dieser zu  benützen. Das Tempo    darf höchstens 25 km/h betragen. Miet-E-Scooter rollen neben Wien und Graz auch etwa durch München, Hamburg und Berlin. Und durch Paris – wo sich die Roller auf  „anarchistische Weise“ vervielfacht hätten, wie Bürgermeisterin Anne  Hidalgo auf Twitter monierte. In Holland  und der Schweiz  müssen E-Scooter-Lenker mindestens 16 Jahre alt sein. Eine Helmpflicht besteht vorerst nur in Portugal.