Was macht Fasten mit der Psyche?
Was als körperliche Umstellung beginnt, wirkt auch mental. Fasten ist mehr als nur eine Pause vom Essen.
Der Start ins Fasten ist für viele eine Herausforderung. Nicht nur der Körper, auch die Psyche muss sich erst an die neue Situation anpassen.
Zu Beginn können etwa Reizbarkeit sowie Beschwerden wie Schlafstörungen oder Kopfschmerzen auftreten. „Typischerweise sind diese Symptome jedoch vorübergehend und meist schlagen sie nach etwa zwei Tagen ins Positive“, sagt Gerald Autengruber, klinischer Psychologe beim Park Igls Medical Spa Resort in Tirol.
Evolutionärer Hintergrund
Längeres Fasten führt zu einer Stoffwechselumstellung, die im Gehirn die Freisetzung von Glückshormonen wie Serotonin und Dopamin begünstigt, belegen Studien. Das habe einen evolutionären Hintergrund, sagt der Experte: „Stellen Sie sich vor, der Steinzeitmensch würde sich bei Nahrungsmangel nicht motiviert und angeregt fühlen, auf die Jagd zu gehen oder Nahrung zu suchen. Diese ,Glücksgefühle‘ sollten uns damals also zum Handeln motivieren.“ Fasten bedeutet, dem Überangebot an Nahrung bewusst zu widerstehen und gewohnte Routinen rund ums Essen zu unterbrechen. Dadurch entstehen Freiräume – zeitlich wie mental.
„Zusätzlich nehmen wir erstmals wieder Hungergefühle und auch Sättigung deutlich wahr“, erklärt der Experte. Das helfe „echten Hunger“ und „emotionalen Hunger“ zu unterscheiden: „Diese Erkenntnis kann zu mehr Zufriedenheit, Selbstvertrauen und damit zu ,Glück‘ führen.“
Essen wird häufig als schnelle, einfache und wirksame Strategie verwendet, um unangenehme Gefühle zu vermeiden – sei es Langweile, Stress, Wut oder Trauer. „Durch das Wegfallen der einfachen und jederzeit verfügbaren ,Strategie Essen‘ sind wir mit unseren zugrunde liegenden Emotionen konfrontiert“, sagt Autengruber.
Gewohnheiten erkennen
Anfangs könne das schwierig sein, ergebe aber die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln. „Wir können lernen, Gefühle auszuhalten, uns ihnen zu stellen und die Fragen zu klären: Was brauche ich wirklich? Und was ist nur Gewohnheit?“
Fasten ist oft auch mit einem Gefühl des Neustarts verbunden. Sport und eine gesunde Ernährung sind etwa klassische Vorsätze für die Zeit nach dem Verzicht. „Das fällt dann besonders leicht, weil unsere üblichen Gewohnheitsmuster durch das Fasten unterbrochen wurden und neu geordnet werden können“, sagt der Psychologe.
Auch der soziale Faktor beim Fasten sei nicht zu unterschätzen, gibt er zu bedenken. Essen ist eine soziale Handlung und daher oft in persönliche Routinen, Familien- und Beziehungsleben eingebettet.
„Daher suchen wir uns gerne Partner für gemeinsame Diäten oder Fastenpläne. Wir wollen uns dabei nicht isoliert oder einsam fühlen.“ Verbunden durch das gemeinsame Ziel des Verzichts falle das Vorhaben wesentlich einfacher.
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