Sex-Mythen: Was wir alle immer noch falsch verstehen
Wir leben im Zeitalter der Daueraufklärung und glauben über Sexualität trotzdem erstaunlich viel Unsinn. Warum sich Mythen so hartnäckig halten.
Was sich seit Jahren nicht verändert hat: Das Nonstop-Geplappere über Sex. Heut halt in Podcasts, auf TikTok, in Serien, in Kolumnen sowieso. Eh gut. Wäre da nicht dieses ewige Halbwissen. Offenbar ist Sexualität jener Bereich, in dem Menschen gleichzeitig überinformiert und ahnungslos sein können. Beispiele gefällig? Bitte sehr:
Sex ist nur Penetration – jo eh. Einer der zähesten Mythen überhaupt: Sex ist erst dann „richtig“, wenn penetriert wird. Rein raus. Aus. Alles andere wird zur Wartezone vor dem Großereignis degradiert. Das ist nicht nur eng gedacht, sondern fantasielos. Wer Sexualität so definiert, übernimmt im Grunde ein altes Fortpflanzungsskript und nennt es Erotik. Der Körper als Lügendetektor der Begierde. Naja. Keine Erektion? Dann fehlt die Anziehung. Keine Feuchtigkeit? Dann kein Begehren.
Diese Thesen sind so verbreitet, als hätte sie wer amtlich verordnet. Dabei reagiert der Körper auf Stress, Müdigkeit, Medikamente, Druck, Hormone, Unsicherheit. Er ist keine Ampel, die grün oder rot leuchtet. Dass wir körperliche Reaktionen trotzdem so gern moralisch und persönlich deuten, gehört zu den dümmsten Missverständnissen überhaupt.
Dabei ist guter Sex in den seltensten Fällen naturgegeben, sondern das Ergebnis von Lernen, Aufmerksamkeit, Kommunikation, Timing, Humor und der Fähigkeit, nicht permanent sich selbst als Star aufzuführen.
Bequeme Mythen
Gute Liebhaber sind naturbegabt. Ha! Ha! Als würde man mit erotischem Ausnahmetalent geboren oder nicht. Dieses Märchen hält sich penetrant. Dabei ist guter Sex in den seltensten Fällen naturgegeben, sondern das Ergebnis von Lernen, Aufmerksamkeit, Kommunikation, Timing, Humor und der Fähigkeit, nicht permanent sich selbst als Star aufzuführen.
Verhütung und STI: Ach ja ... Die Pille mache unfruchtbar, hormonelle Verhütung führe stets zu Gewichtszunahme, Geschlechtskrankheiten erkenne man eh easy, testen müsse man sich nur, wenn was auffällig sei. Solche Glaubenssätze kursieren mit einer Selbstverständlichkeit, als stünden sie in der Koitus-Bibel. Das hat Folgen: Angst, Scham, Fehleinschätzungen, übersehene Infektionen und Arztbesuche, die zu spät stattfinden.
Schmerzen beim Sex sind normal. Boah. Vor allem Frauen wird erstaunlich oft vermittelt, sie sollten gewisse Beschwerden „hinnehmen“. Als gehöre Schmerz zum All-inklusiv-Paket des Weiblichen. Tut er nicht. Schmerzen beim Sex sind kein romantisches Detail und auch kein Charaktertest. Sie gehören abgeklärt. Punkt. Und dann die Abteilung kulturelles Kasperltheater.
Die Penisgröße entscheide über die Koitus-Qualität. Sextoys seien ein Affront gegen den Partner. Menschen mit irgendwas „Plus“ hätten würdevoll zu altern, aber nicht mehr lustvoll zu sein. Man möchte all das gesammelt dem ganz oberen Lust-Minister präsentieren und fragen, woher die ihre Unverwüstlichkeit nehmen.
Aber ja: Mythen sind manchmal bequemer als ehrliche Sexualität. Denn die ist nicht normgerecht, nicht immer synchron, nicht geschmeidig und schon gar nicht durch ein paar plumpe Regeln zu erfassen. Sie verlangt Wissen, Gespräch, Offenheit und die Bereitschaft, sich von schlechtem Drehbuchdenken zu verabschieden.
„Niederlagen“
Eine Männer-Umfrage von „Joyclub“ zeigt: 82,7 Prozent würden eher auf Sport als auf Sex verzichten. 67,4 Prozent haben bereits erlebt, dass die Erektion ausblieb. Als größte sexuelle „Niederlage“ empfinden 44,7 Prozent, wenn PartnerInnen nicht zum Orgasmus kommen. Für 38 Prozent ist es belastend, keine Erektion zu bekommen. Auffällig: Viele Betroffene sprechen trotzdem weder mit ÄrztInnen noch mit TherapeutInnen darüber.
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