„Sex in der Freizeit“.

Weibliche Lust: Schmiermittel fürs genitale Glück?

Was Gels und Pillen in Sachen Libido und versprechen – und warum Begehren trotzdem so manchen Umweg nimmt.

Man lernt nie aus. Neulich las ich, dass weibliche Lust börsentauglich ist. Denn als das britische Unternehmen „Futura Medical“ ein neues Gel mit dem technisch-poetischen Namen WSD4000 präsentierte, legte die Aktie prompt zu. Elf Prozent. Das ist ein Signal. Die Frage ist nur: für Investoren – oder auch für die Libido?

WSD4000 klingt zwar wie ein Staubsauger mit Allmachtsfantasien, ist aber ein Gel für Frauen, bei denen es mit der sexuellen Reaktion ein bisschen happert. Die Mängelliste liest sich wenig glamourös: fehlende Erregung, fehlende Lubrikation, wenig Lust. Dinge, über die man lange dezent schwieg, die aber nun offener besprochen werden. Sechs von zehn Frauen berichten, im vergangenen Jahr mindestens eines dieser Symptome erlebt zu haben. Das ist nicht nix, das ist eine solide Mehrheit. Und nein, das betrifft nicht nur Frauen „in einem gewissen Alter“. Jüngere sind genauso betroffen, nur anders.

Die einen sind müde, die anderen überfordert, viele beides. Gleichberechtigung kann mitunter verdammt unsexy sein. Damit man all das halbwegs objektiv erfassen kann, gibt es in der Sexualmedizin den „Female Sexual Function Index“. Ein Fragebogen, der klingt, als hätte ihn ein emotionsarmer Controller entworfen. Lust in Punkte, Erregung in Zahlen gegossen. Romantisch ist das nicht, aber hilfreich. Das Gel zeigt in ersten Studien messbare Verbesserungen: mehr Gefühl, mehr Lubrikation, mehr Genitalspaß. In der Pipeline ist aber noch mehr. Etwa ein Pille für ältere Frauen, die auf das sexuelle Verlangen zielt – also nicht dort ansetzt, wo man cremt, sondern dort, wo gedacht, gefühlt und erinnert wird. Auch das ist kein Allheilmittel, aber ein weiteres Zeichen dafür, dass weibliche Lust endlich nicht mehr als individuelles Versagen betrachtet wird, sondern als etwas, das man ernst nimmt. Und ja: auch vermarktet wird. Nun aber das „aber“: Lust entsteht nicht linear. Sie folgt keiner Logik und keinem Beipackzettel. Sie ist verschlungen, launisch und leicht irritierbar. Vor allem bei Frauen. Denn da mischt viel mit: Kinder, Arbeit, Beziehung, Care-Arbeit, mentale Dauerzuständigkeit. Mental Load ist kein theoretisches Konzept, sondern ein Lustkiller mit Langzeitwirkung.

Lust entsteht nicht linear. Sie folgt keiner Logik und keinem Beipackzettel. Sie ist verschlungen, launisch und leicht irritierbar. Vor allem bei Frauen. Denn da mischt viel mit: Kinder, Arbeit, Beziehung, Care-Arbeit, mentale Dauerzuständigkeit. 

Wer glaubt, man müsse nur das richtige Gel oder die richtige Pille erfinden, unterschätzt die Zerbrechlichkeit dieses Systems. Begehren braucht Raum. Zeit. Und ein Mindestmaß an innerer Ruhe. Es ist empfindlich gegen Stress, Termine, Erwartungshaltungen und gegen To-do-List-Gedanken mitten in der Nacht. Der Markt reagiert euphorisch auf die Aussicht, ein weibliches Problem technisch zu lösen. Doch die Libido lässt sich nicht so leicht überlisten: Sie ist empfindlich, braucht manchmal Hormone, ein gutes Gespräch und schlicht das Gefühl, nicht für alles verantwortlich zu sein.

Natürlich ist es gut, dass geforscht und die weibliche Sexualität ernst genommen wird. Doch zwischen steigenden Kursen und Lust-Hausse liegt ein entscheidender Unterschied: Die Börse liebt schnelle Effekte. Die Lust reagiert auf das, was wir Leben nennen.

Lust ist nicht gleich Lust

Eine große Studie, erschienen in „The Journal of Sex Research“, mit Daten von fast 57.000 Menschen zeigt: Männer fühlen sich sexuell meist sehr eindeutig zu einem Geschlecht hingezogen. Frauen hingegen berichten häufiger von Anziehung auch jenseits ihrer Hauptpräferenz. Das zeigt sich nicht nur in dem, was sie sagen, sondern auch in Tests zu Fantasien und spontanen Reaktionen. Kurz gesagt: Weibliches Begehren ist oft beweglicher.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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