Ein Paar küsst sich, dargestellt in einer Herzform.

Rätsel um Dick Pics: Warum Männer alles aufs Spiel setzen

Weshalb jemand sein "bestes Stück" verschickt, als wäre es ein Bewerbungsschreiben – und weshalb selbst Macht und Position nicht vor digitaler Blödheit schützen.

Ich wurde zuletzt oft gefragt, ob ich eine Erklärung habe, warum Männer mit Einfluss und Position Fotos ihres Genitals verschicken. Männer also, die sehr genau wissen müssten, dass ein digitales Dickpic schneller ist als jedes Zurückrudern. Ich sagte zunächst: Dazu ist eigentlich alles gesagt und geschrieben. Auch von mir. Und dann dachte ich: Offenbar nicht.

Vorweg: Einvernehmliches Sexting mit einem erotischen Sparringpartner kann reizvoll sein. Es kann Nähe herstellen, Spannung erzeugen, Fantasien anstoßen. Aber selbst da gilt: Wer so ein Bild verschickt, gibt die Kontrolle ab. Geräte gehen verloren, Beziehungen enden, Clouds sind keine Tresore. 

Wer das ignoriert, überschätzt entweder die Technik oder sich selbst. Und damit sind wir auch schon bei den nicht bestellten Bildern. Hinlänglich dominiert die Annahme, Männer, die so ein „Amuse Gueule“ verschicken, seien machtgeil. Ja, eh. Aber das ist nicht alles. 

Die Forschung ist in diesem Punkt eindeutig: „Machtgeilheit“ gibt es auch, doch es ist komplizierter und, je nach Perspektive, banaler. Eine der zentralen Studien aus der Sexualforschung zeigt: Viele Männer verschicken solche Bilder in der Erwartung eines Gegengeschäfts. „Ich zeige dir was von mir, dann zeigst du mir was von dir.“ 

Ein weiterer Faktor: massive Fehleinschätzung. In Befragungen reagieren die meisten Empfängerinnen auf ungefragte Genitalbilder nicht mit Freude, sondern mit Irritation, Ärger, Ekel. Die „Postillons de Penis“ hingegen rechnen auffällig oft mit Neugier oder Begeisterung. 

Ein drittes Motiv: Bestätigung. Das Bild wird zur Frage: Bin ich begehrenswert? Der Vorteil des digitalen Raums liegt auf der Hand: Man kann sich zeigen, ohne sich wirklich zu zeigen. Kein Blickkontakt, keine unmittelbare Zurückweisung. Das senkt (scheinbar) die Schwelle. 

Und dann gibt es die weniger schmeichelhaften Erklärungen: exhibitionistische Impulse. Der Reiz, sich ungefragt zu zeigen, eine Grenze zu überschreiten. Risikolust. 

Ein drittes Motiv: Bestätigung. Das Bild wird zur Frage: Bin ich begehrenswert? Der Vorteil des digitalen Raums liegt auf der Hand: Man kann sich zeigen, ohne sich wirklich zu zeigen.

Ich schicke, also bin ich?

Einige Studien ordnen das Verhalten auch klar in Richtung Macht und Kontrolle ein. Nicht als gigantische Geste, sondern eher als ein kleines Mental-Delir: Ich schicke, also bin ich. 

Schließlich: Sozialisation. In manchen männlichen Kontexten gilt das Versenden von Dickpics nicht als Übergriff, sondern als Witz, Mutprobe, Angeberei. Wer so sozialisiert ist, hält sein Verhalten nicht für problematisch, sondern für normal.

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum tun das Männer, die es besser wissen müssten und viel riskieren? Ganz einfach: Weil Wissen nicht automatisch das Verhalten steuert und Risiko für manche Teil des Reizes ist. Weil Macht nicht vor Unsicherheit schützt. Und weil digitale Kommunikation eine gefährliche Illusion erzeugt: dass man handeln kann, ohne die Konsequenzen zu spüren. 

Was bleibt, ist eine simple Unterscheidung, die oft übersehen wird: Ein Bild ist nicht das Problem, der fehlende Konsens ist es. Gut, dass das inzwischen gesetzlich geregelt ist. Dass ungefragte Genitalbilder nicht als „Ausrutscher“ gelten, sondern als Grenzüberschreitung. Aber leider: Kein Gesetz schützt vor Blödheit. Sonst gäbe es auch keine Menschen, die geblitzt werden – obwohl sie genau wissen, wo die Radarbox steht.

Ghosting-Psychologie

Der Psychologe und Dating-Coach Guido F. Gebauer beschreibt vier Faktoren, die Ghosting begünstigen:  1. Dating-Apps machen Kontaktaufnahme und Kontaktabbruch extrem leicht: swipen, matchen, blockieren. 2. Wer ghostet, vermeidet unangenehme Gespräche, Ablehnung oder Konflikte. 3. Je häufiger Ghosting passiert, desto eher wirkt es wie ein üblicher Teil des Datings. 4. Wer selbst geghostet wurde, ghostet später eher andere.  

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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