© Kurier/Gerhard Deutsch

Reportage
10/19/2021

Wie Skistar Felix Neureuther Wiener Kindern Beine macht

Warum ausgerechnet der bayrische Skistar in einem Kindergarten in Wien-Favoriten für leuchtende Kinderaugen sorgte.

von Uwe Mauch, Gerhard Deutsch

Nikolo schon Mitte Oktober! Im privaten Kindergarten der Sankt Nikolausstiftung in der Kundratstraße, am Übergang von Favoriten nach Meidling, feierten die Kinder schon am Montagnachmittag. Denn als der sympathische, sportlich gekleidete große Mann die blaue Kiste öffnet, kommen lauter Dinge zum Vorschein, die Drei- bis Sechsjährigen große Freude bereiten.

Bunte Ringe, Schläuche, Bälle, Tücher, eine Wippe aus Holz. Dass der sympathische große Mann einmal einer der besten Slalomfahrer der Welt war, wissen die Kinder nicht, aber ihre Pädagoginnen sind angetan. Auch die Eltern.

Voll motiviert

Felix Neureuther wirkt auch bei seinem ersten Start in einem Wiener Kindergarten locker, aber gleichzeitig bis in die Haarspitzen motiviert: "Mich hat das brennende Thema Bewegungsarmut von Kindern schon als aktiver Sportler bewegt", sagt der zweifache Vater im Gespräch mit dem KURIER. "Jetzt, wo ich eigene Kinder habe, ist es mir wichtig, dagegen etwas zu unternehmen."

Gemeinsam mit gleichgesinnten Technikern der TU München hat der langjährige Spitzensportler in die riesige Kiste aus seinem eigenen Erfahrungsschatz sowie bereits entwickelter Werkzeuge zur kindlichen Förderung der Motorik, Koordination, Bewegung und Kognition erdacht, entwickelt und hergestellt.

Neureuther, der auch in Stunden bitterer Niederlagen stets freundliche Skiathlet aus Bayern, ist extra nach Wien angereist, um das neue Trainings- und Aktionsangebot der Öffentlichkeit zu präsentieren. Anders als sein Freund und früherer Rivale, Marcel Hirscher, rückt er damit sehr weit vom Hochleistungssport ab.

Wie wichtig sein neues Engagement ist, zeigt sich auch im Kindergarten in Favoriten. Es gibt Kinder, die mit den Ringen und Tüchern sofort per Du sind, und andere, die sich mit dem Fangen eines Balles schwertun.

Körper und Geist

Die Kindergärtnerin Sarah-Jane Rice bestätigt den sehr frühen Mangel an Bewegung bei Kindern ihrer Gruppe: „Bei manchen merkt man, dass die Bewegungseinheiten im Kindergarten besonders wichtig sind. Denn zu Hause machen sie nichts mehr. Das merken wir auch nach einem Wochenende, wenn sie sich dann am Montag besonders viel bewegen wollen.“ Auch Susanna Haas, pädagogische Leiterin der Sankt Nikolaus-stiftung, begrüßt die neue Initiative: "Mir gefällt vor allem die Einbeziehung von Körper und Geist." Felix Neureuther verweist auf Spiele, bei denen Kinder, die im Geist flotter als auf den Beinen sind, am Ende auch Chancen haben, unter den Gewinnern zu landen.

In Deutschland konnte der engagierte Sportler und Leiter seiner gleichnamigen Stiftung seit März bereits 220 Kindergärten für seine Bewegungsinitiative gewinnen. In Wien konnte er – auch dank einer Medienkooperation mit Servus TV – einen Blitzstart hinlegen. Pädagogin Susanna Haas berichtet, dass man das Angebot den 90 Kindergärten nicht aufs Aug’ gedrückt hat, umso erstaunlicher sei, dass sich mehr als ein Viertel binnen weniger Wochen bereit erklärt haben mitzutun.

Viel Holz

Neureuther und sein Team haben zwei Boxen mit rund zwanzig Komponenten, aber unendlich viele Kombinierungsoptionen entwickelt, zu jeweils wohlfeilen 500 Euro. Box eins ist für Kinder von eins bis drei Jahre, Box zwei für Kinder von drei bis sechs Jahre. Doch die Boxen abgeben und kurzfristig für ein wenig Nikolostimmung sorgen, ist Felix Neureuthers Zugang nicht. Er strebt eine nachhaltige Kooperation mit den Kindergärten an. Es gibt dazu drei mehrstündige Schulungen für die in den Kindergärten Beschäftigten.

Wichtig ist dem früheren Slalomartisten auch das Erlernen der Balance, die man nicht nur als Kind und nicht nur bei einer rasanten Fahrt durch die Slalomstangen benötigt. Bestes Beispiel dafür sind seine Eltern: "Sie haben es gelernt, sich bei einem Sturz richtig abzufangen." Für Betagte und Hochbetagte eine Art Lebensversicherung. Und für die Kinder gilt Friedrich Schiller: Früh übt sich, wer ein Meister werden will.

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