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freizeit Leben, Liebe & Sex
11/22/2020

Leicht wie eine Feder: So hilft uns Schreiben durch die Krise

Nicht nur das Festhalten des Alltags, auch hochwertige Schreibutensilien liegen im Trend.

von Julia Pfligl

Im Geschäft von Pia Huber-Pock in der Wiener Innenstadt riecht es nach Leder, Papier und Nostalgie. Notizbücher, Geschenkpapier, Füllfedern und Glückwunschkarten stapeln sich aufeinander und die Vorstellung, dass Sigmund Freud jeden Moment durch die Tür spaziert, fühlt sich überraschend real an. Der passionierte Schreiber von Briefen, Notizen und Tagebüchern war Stammkunde im Traditionsunternehmen Huber & Lerner, das Huber-Pock mit ihrem Bruder in vierter Generation führt. Und es war er, der einst notierte: „Worte und Zauber waren ursprünglich ein und dasselbe. Auch heute besitzt das Wort eine starke magische Kraft.“

Das Zitat des Wiener Psychiaters ist ein Jahrhundert alt und doch aktueller denn je: Denn die „magische“, oft heilende Kraft der Worte wurde in den vergangenen Monaten von vielen Menschen (wieder-)entdeckt. Tagebücher, die in den sozialen Medien geteilt und kommentiert wurden, erfuhren während des Lockdowns im Frühling eine überraschende Renaissance, erwiesen sich als tröstlich, verbindend und amüsant – auch, oder gerade weil die Banalität des Alltags plötzlich überall die Hauptrolle spielte. 

Schreiben als Therapie

Eines der meistgelesenen Tagebücher in dieser Zeit schrieb  Barbara Pachl-Eberhart: An die tausend Menschen verfolgten ihre täglichen Alltagsberichte, die jetzt als Buch erhältlich sind („Chopin besucht Vivaldi und in der Bucht von Venedig schwimmen Delfine“, Terzium Verlag). Das Aufschreiben persönlicher Erlebnisse half der Wienerin schon einmal über einen schweren Verlust hinweg: Als die 46-Jährige  ihren Mann und ihre zwei kleinen Kinder bei einem Unfall verlor, schrieb sie sich 2008 im Buch „vier minus drei“ ihren großen Schmerz von der Seele. 

Als Schreibpädagogin ermutigt Pachl-Eberhart heute andere Menschen dazu, ihre Gefühle, Gedanken und Alltagsbeobachtungen zu Papier zu bringen– und dabei den eigenen Perfektionsanspruch über Bord zu werfen. „Biografisches Schreiben heißt Leben gestalten. Ich habe die Wahl, wie ich mein Leben darstelle – auf Papier, vor mir selbst“, sagt die Mutter einer Dreijährigen, die am liebsten in ihrem Wohnzimmer, auf ihrem Sofa mit der Hand schreibt (siehe Foto). „Mit der Hand schreiben heißt Kontrolle aufgeben – das ist gut, weil man an Gefühle kommt.“

Für diese Art des Schreibens brauche es kein spezielles Talent, betont sie. „Schreiben ist wie Essen oder Atmen, das muss man auch nicht lernen. Jeder kann so schreiben, dass es ihm guttut. Da geht es weniger um ein Lernen als um ein Ablegen falscher Erwartungen – die Worte zu finden, die einem entsprechen und die Seele berühren.“

Sehnsucht nach Haptik

Für ein stimmungsvolles Schreiberlebnis und zum Finden der richtigen Worte braucht es eine entsprechende Ausrüstung (siehe unten). Liebhaber finden bei Huber & Lerner etwa eine spezielle „Edelsteintinte“ der Marke Pelikan, die jährlich in einer neuen, schimmernden Farbe aufgelegt wird. Die teuersten Federn kosten an die 400 Euro, gleiten dafür aber wie Segelboote über das Papier.

Obwohl das Papier-Volumen – vor allem im geschäftlichen Bereich – kleiner wurde, merkt man  seit einiger Zeit ein erstarktes Bewusstsein für schönes, geschöpftes Papier, berichtet Huber-Pock. „Die Zeit, die man vermehrt zu Hause verbringt, führt dazu, dass man nicht nur digital kommunizieren möchte, sondern sich hinsetzt und ein paar Zeilen auf Papier schreibt.

Die Menschen haben eine Sehnsucht nach dem haptischen Effekt von Papier und Drucksorten – den Geruch, die vielen verschiedenen Oberflächen gibt es am Bildschirm nicht“, sagt sie und zeigt Weihnachtskarten mit der speziellen Stahlstichprägung, eine Rarität im österreichischen Handel. Während im Sommer noch Dschungelszenen und exotische Raubtiere dominierten, zeichnet sich die winterliche Papeterie durch Waldszenen, Füchse und Beeren aus. Auch Klassiker wie Nussknacker und Weihnachtssterne bleiben beliebte Motive. „Schreiben verbindet Menschen auf der ganzen Welt, vor allem jetzt, da man nicht so viel reisen kann“, ist sie überzeugt. 

Und nicht nur das: In dem Moment, in dem man etwas zu Papier bringt, kann man es ablegen, beschreibt Barbara Pachl-Eberhart die befreiende Wirkung des (biografischen) Schreibens. „Es heißt ja nicht umsonst: sich etwas von der Seele schreiben.  Ich wachse praktisch über meine Geschichte hinaus.“ 

Bei ihren täglichen Tagebucheinträgen in diesem Jahr, vor allem, als es ihr nicht so gut ging, hätte sich eine tröstliche Erkenntnis manifestiert: „Kein Tag ist wie der andere, alles kann sich so schnell ändern. Wenn man das dokumentiert, lernt man, darauf zu vertrauen.“

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