© Kurier/Jeff Mangione

freizeit Leben, Liebe & Sex
01/20/2020

Bloggerin: "Mein Leben mit dem Borderline-Syndrom"

Die Wiener Influencerin Leonie-Rachel (29) spricht für die Kampagne #darueberredenwir offen über ihre Krankheit.

von Gabriele Kuhn

Magst du Kaffee mit Hafermilch?“, fragt Leonie-Rachel Soyel, bringt zwei Tassen aus der Küche, setzt sich aufs Sofa und beginnt zu erzählen. Neben ihr Waldi, der Jack Russel Terrier. 26.000 Menschen verfolgen auf Instagram, was die 29-Jährige denkt. Von ihrem „Self Love Blog“ lebt sie. Das klingt auf den ersten Blick perfekt.

„Mir geht es im Moment nicht gut“, sagt sie. „Zu Weihnachten hat mich mein Freund verlassen, in einer Woche werde ich allein in den Urlaub fliegen. Finanziell ist es im Moment auch schwierig. Ich weiß, das sind Sorgen, die andere auch haben. Bei mir kommen aber ein paar Extras dazu.“ Leonie- Rachel hat eine Borderlinestörung, was sie vor zwei Jahren in ihrem Blog öffentlich machte: „Ich kann euch sagen, meine Welt sieht oft nicht so rosig aus. Denn ich falle in extrem tiefe emotionale Löcher, aus denen ich alleine oft nicht mehr herauskomme. Ich habe Borderline.“

„Zweite Krankheit“

Darüber reden wir heute. Auch deshalb, weil Leonie-Rachel die Kampagne der Psychosozialen Dienste Wien #darueberredenwir unterstützt. Ihr Ziel ist es, mit Vorurteilen und Vorbehalten psychisch Erkrankten gegenüber aufzuräumen. Stigma gilt als „zweite Krankheit“ – es vergrößert das Leiden und verkleinert die Heilungschancen. Weil es dazu führt, dass Diagnose und Therapie verschleppt werden. Aus Scham.

Auch Leonie-Rachel hatte lange Zeit Probleme, zu ihrem Borderlinesyndrom zu stehen. Eine Gratwanderung für jemand, der von der heilen Insta-Welt lebt. In diesem „perfekten Kosmos aus Avocadobrötchen, Acai-Bowls und hübsch arrangierten Pfingstrosen“, wie sie sagt. Irgendwann wollte sie erzählen, wie es wirklich ist, „weil es in Wahrheit so viele Abgründe in mir gab, die nicht in diese heile Welt passen.“  Dass es ihr manchmal sehr schlecht geht, dass ihr Leben eine emotionale Achterfahrt ist, sie sich selbst verletzt hat, um die innere Leere zu kompensieren. Dass es für sie schwierig ist, eine Beziehung zu führen, sie unberechenbar sein kann – und manchmal nicht weiß, wer sie ist und was sie tut.

Das alles wird fachlich so beschrieben: „Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine psychische Erkrankung. Typisch für sie sind etwa Impulsivität, instabile zwischenmenschliche Beziehungen, rasche Stimmungswechsel und ein schwankendes Selbstbild. Dabei sind bestimmte Vorgänge in den Bereichen Gefühle, Denken und Handeln beeinträchtigt. Dies führt zu problematischen und teilweise paradox wirkenden Verhaltensweisen in sozialen Beziehungen und sich selbst gegenüber.“

Anders als andere - schon mit 15

Dass sie „anders als andere“ ist, hat Leonie-Rachel erstmals mit 15 gespürt, als Teenager. Typisch Pubertät, dachte man. Doch was damals begann, hörte nicht auf, wurde sogar schlimmer. Bis ihre Mutter die Selbstverletzungen ihrer Tochter entdeckte, von den Suizidgedanken erfuhr – und eine Therapie organisierte. Leonie-Rachel bekam die Diagnose: „Da habe ich mir gedacht, okay, aber mich nicht weiter damit beschäftigt. Erst mit den Jahren wurde mir bewusst, dass ich etwas ändern möchte. Irgendwann will ich ja eine Familie gründen und dafür stabil genug sein. Deshalb gehe ich nun regelmäßig in Therapie.“ Insgesamt vier bis sechs Stunden wöchentlich widmet sie sich selbst – unter anderem mit Yoga, Atem- und Dankbarkeitsübungen.

Das Outing, die Folgen

Nachdem sie sich in ihrem Blog geoutet hatte, erfuhr sie viel Zuspruch. Betroffene meldeten sich ebenso wie Angehörige. Jeder dritte Österreicher erlebt im Laufe des Lebens eine psychische Erkrankung, jeder kennt Betroffene in der Familie oder im Bekanntenkreis. „Auf einmal hatte ich nicht mehr das Gefühl, so allein zu sein“, erzählt Leonie-Rachel. Die Offenheit hatte auch Schattenseiten, das „Stigma“ wirkte: „Ich habe 70 Prozent jener Kunden verloren, die mit mir als Bloggerin kooperiert haben. Sie meinten, dass sie nicht mit einer psychischen Erkrankung in Zusammenhang gebracht werden wollen.“

Es gab aber aber auch einige, die gerade deshalb blieben und zu ihr stehen. Dennoch fehle es oft an Verständnis, wie psychische Krankheiten funktionieren. Betroffen mache sie auch, wie ausschließlich negativ „Borderliner“ dargestellt werden – „als vor allem weibliche Psycho-Bitch. Dadurch wird man geächtet und scheint weniger wert.“ 

Und trotzdem gelingt es Leonie-Rachel, sich nie ganz fallen zu lassen, im Gegenteil: „Je schlechter es mir ging, desto mehr entwickelte ich das Gefühl, es der Welt zeigen zu wollen.“ Dabei hat sie gelernt, das Positive wahrzunehmen und ihrem "Leiden" auch etwas abzugewinnen, etwa die Kraft, die Betroffenen innewohnt: "Ohne sie gäbe es zum Beispiel viele Gemälde nicht, viele Romane, viele große Werke und die Hälfte an Kunst nicht. Was würden wir alles vermissen, würde es diese Menschen nicht geben." Auch darauf sollten sich Betroffene fokussieren.

Daher versucht Leonie-Rachel das Wort „Krankheit“ so gut es geht zu vermeiden, "auch wenn es schwierig ist. Ich war ja nie anders, ich war nie das, was andere als normal empfinden. Für mich ist das, was ich bin und wie ich lebe mein Normalzustand. Borderlinerin zu sein, bedeutet für mich zwar, dass es mir manchmal sehr schlecht geht. Auf der anderen Seite kann ich Gefühle viel intensiver erleben als andere. Ich bin viel glücklicher – wenn ich glücklich bin, spüre mein Leben ganz stark. Daraus beziehe ich Energie und Kreativität für das, was ich mache. Meine Krankheit ist also auch meine ganz besondere Superkraft.“

Psychisch krank: zwischen Tabu und Mythos

"Ich hab’s nicht, nur die anderen haben’s, psychische Erkrankungen sind die Ausnahme": Das sind nur einige von vielen Mythen zum Thema seelische Gesundheit. Doch seit  Mitte der 1990er-Jahre hat sich die Zahl der Krankenstandstage infolge psychischer Erkrankungen fast verdreifacht. „Es gibt  keine Familie, in der nicht jemand psychisch krank ist oder war“, sagt Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD) Wiens dazu.

Trotzdem würden psychisch Erkrankte mit Vorurteilen und Vorbehalten konfrontiert. „In der Schule, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und selbst in der Familie erfahren sie Diskriminierung. Über seelische Erkrankungen wird nicht gesprochen. Das Stigma erschwert es aber,  rechtzeitig zu einer Therapie zu kommen“, so Psota. Das erhöhe das Risiko einer Chronifizierung solcher Krankheiten signifikant. „Wir wollen das ändern“, so Psota.

Seit vergangenem Herbst läuft eine Kampagne, mit dem Ziel psychische Erkrankungen aus dem Tabubereich zu holen. Ob Depression, Sucht, Angst- und Panikstörungen oder  Borderline – es geht um Sensibilität und Wahrnehmung.  Und es soll  mit Mythen aufgeräumt werden. Dafür werden psychisch Erkrankte als Menschen gezeigt, die mitten im Leben stehen und ihr normaler Umgang mit der Erkrankung. Betroffene kommen selbst zu Wort. Mittlerweile haben sich  über 6.000 Menschen auf Facebook und Instagram dafür eingesetzt.

„Veränderung findet dann statt, wenn es für möglichst viele Leute kein Problem mehr ist, über psychische Erkrankungen zu reden – egal, ob sie selber betroffen oder Angehörige sind oder um die eigene psychische Gesundheit zu stärken“, sagt Ewald Lochner, Wiener Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen. Vom  10. bis 20. Februar soll  im Rahmen von Aktionstagen ganz Wien über psychische Gesundheit reden und Menschen dazu motiviert werden, aktiv mitzumachen. „Psychische Gesundheit betrifft uns alle, sie sollte daher kein Tabuthema, sondern im Alltag präsent sein“,  so Georg Psota.

Info: darueberredenwir.at, Sozialpsychiatrische Soforthilfe, 24-Stunden-Dienst des PSD-Wien, Tel.: 01/31330