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Was die Nürnberger für die Vienna Insurance Group so attraktiv macht

Mit der Nürnberger Versicherung übernimmt die Vienna Insurance Group einen der führenden Anbieter biometrischer Versicherungen in Deutschland. VIG-CEO Hartwig Löger über die größte Akquisition der Unternehmensgeschichte und die Chancen für die Gruppe.
Mann im Anzug

Zusammenfassung

  • Die Vienna Insurance Group tätigt mit dem Erwerb der Nürnberger Versicherung die größte Akquisition ihrer Geschichte und stärkt ihre Kompetenz für biometrische Versicherungen.
  • Die VIG gewinnt rund 2,5 Millionen Kundinnen und Kunden, 3.800 Mitarbeitende und eine starke Vertriebsorganisation hinzu.
  • Die Nürnberger behält ihre Identität mit Marke, Standort und Unternehmenskultur und wird als Kompetenzzentrum für Biometrie in der Gruppe positioniert. 

Die Vienna Insurance Group setzt mit dem Kauf der Nürnberger Versicherung einen strategischen Meilenstein und tätigt damit die größte Übernahme ihrer Unternehmensgeschichte. Durch die Transaktion stärkt die Gruppe ihre Präsenz in Deutschland und erweitert gezielt ihre Kompetenzen im Bereich biometrischer Versicherungen. VIG-CEO Hartwig Löger erläutert im Interview, welche Chancen sich daraus für Wachstum, Diversifikation und die langfristige Entwicklung der Gruppe ergeben.

Herr Löger, mit dem Erwerb der Nürnberger Versicherung hat die Vienna Insurance Group ihre bisher größte Akquisition abgeschlossen. Warum ist gerade dieses Unternehmen für die VIG so interessant? 

Hartwig Löger: Es ist das Gesamtpaket, das die Nürnberger so attraktiv macht: Ihre starke Marke, ihre lange Tradition, die hohe Loyalität ihrer Kundinnen und Kunden und vor allem ihre ausgezeichnete Expertise in der Lebensversicherung. Wesentlich ist auch ihre führende Stellung im Bereich biometrischer Versicherungen, etwa bei Berufsunfähigkeitsabsicherungen. Gleichzeitig diversifizieren wir mit dem Erwerb unser Portfolio noch besser und stärken damit die Resilienz unserer Gruppe.

Sie haben den Kauf früher abgeschlossen als ursprünglich erwartet. Wie wichtig ist dieser Zeitgewinn? 

Natürlich freuen wir uns darüber. Bei einer Transaktion dieser Größenordnung sind zahlreiche Genehmigungen in mehreren Ländern sowie auf EU-Ebene erforderlich. Dass dieser Prozess rascher als erwartet abgeschlossen werden konnte, ermöglicht uns nun, früher in die Integrationsphase einzusteigen. Das ist für beide Seiten ein Vorteil, weil wir die strategische Weiterentwicklung nun unmittelbar gemeinsam vorantreiben können.

Wie groß ist der Zuwachs für die VIG konkret? 

Mit der Nürnberger begrüßen wir rund 2,5 Millionen neue Kundinnen und Kunden in unserer Gruppe. Damit betreuen wir insgesamt etwa 36 Millionen Menschen. Die Nürnberger beschäftigt rund 3.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und verfügt über eine sehr leistungsfähige Vertriebsorganisation mit rund 12.000 Vermittlerinnen und Vermittlern. Im Jahr 2025 wurden Prämien in Höhe von rund 3,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Besonders bemerkenswert ist dabei die starke Position im Lebensversicherungsgeschäft, das rund zwei Drittel des Prämienvolumens ausmacht.

Sie sprechen immer wieder von biometrischen Produkten als Stärke der Nürnberger. Was ist darunter konkret zu verstehen? 

Biometrie umfasst Versicherungen, die persönliche Risiken absichern, etwa Berufsunfähigkeit, Pflegebedürftigkeit oder andere gesundheitliche Einschränkungen. Gerade die Berufsunfähigkeitsversicherung zählt zu den wichtigsten Formen privater Vorsorge. Die Nürnberger gehört in diesem Segment zu den führenden Anbietern in Deutschland. Dieses Wissen wollen wir künftig auch innerhalb der gesamten Gruppe stärken. Deshalb wollen wir sie künftig als Kompetenzzentrum für Biometrie innerhalb der Gruppe positionieren.

Deutschland wird damit für die VIG deutlich wichtiger. Wird es künftig ein Kernmarkt? 

Nein. Deutschland bleibt für uns ein Spezialmarkt. Unser Kernmarkt bleibt weiterhin CEE. In den Kernmarktländern sind wir Marktführer oder unter den Top 5 am Markt, das ist in Deutschland keine Zielsetzung. Spezialmärkte erfüllen eine andere Funktion. Sie ermöglichen den Zugang zu besonderen Kompetenzen, eröffnen neue Perspektiven für die gesamte Gruppe und liefern zusätzliche Erträge. Genau diese Rolle nimmt Deutschland mit der Nürnberger ein.

Manche Beobachter hatten befürchtet, dass die Nürnberger ihre Eigenständigkeit verlieren könnte. Was sagen Sie dazu? 

Diese Sorge ist unbegründet. Die Eigenständigkeit unserer Gesellschaften ist ein zentrales Element des Erfolgsmodells der Vienna Insurance Group. Marke, Standort, Gesellschaftsstrategie, Unternehmenskultur und damit die Identität der Nürnberger bleiben erhalten. Genau dieses Prinzip des lokalen Unternehmertums unterscheidet uns von vielen internationalen Versicherungskonzernen.

Wie funktioniert dieses Modell konkret? 

Wir sind überzeugt, dass Unternehmen erfolgreich sind, wenn Entscheidungen ganz nahe am Kunden getroffen werden. Deshalb setzen wir auf starke lokale Gesellschaften mit hoher Eigenverantwortung. Gleichzeitig profitieren alle Unternehmen von der Stärke und den Ressourcen der Gruppe. Man könnte sagen: Jede Gesellschaft steuert ihr eigenes Schiff, aber alle folgen einem gemeinsamen Kurs. Diese Kombination aus Eigenständigkeit und gemeinsamer Strategie hat sich über viele Jahre bewährt.

Wie reagieren die Mitarbeitenden und Vertriebspartner der Nürnberger auf die neue Eigentümerstruktur? 

Sehr positiv. Zu Beginn gab es Fragen, insbesondere rund um die Themen Marke, Standort und Zukunftsperspektiven. Mittlerweile werden die enormen Möglichkeiten von allen Stakeholdern erkannt. Die Rückmeldungen von Vertriebspartnern, Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden sind ausgesprochen positiv. Es wird verstanden, dass die Nürnberger ihre Stärken mit der VIG ausbauen kann.

Welche Integrationsschritte stehen nun konkret an? 

Zunächst geht es darum, die strategische Rolle der Nürnberger innerhalb der Gruppe gemeinsam zu definieren. Daraus werden wir eine weiterführende Unternehmensstrategie ableiten. Parallel dazu erfolgt die Integration in zentrale Gruppenprozesse, insbesondere in das IFRS-Reporting und die Konzernkonsolidierung. Darüber hinaus arbeiten wir an der umfassenden IT-Transformationsstrategie der Nürnberger, um die technologische Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken. Zudem bauen wir den Wissens- und Erfahrungsaustausch innerhalb der Gruppe weiter aus.

Warum spielt die IT dabei eine so wichtige Rolle? 

Digitalisierung entscheidet zunehmend über die Wettbewerbsfähigkeit von Versicherungen. Moderne IT-Systeme ermöglichen effizientere Prozesse, bessere Servicequalität und schnellere Produktentwicklung. Die VIG hat in den vergangenen Jahren in diesem Bereich umfangreiche Kompetenzen aufgebaut. Dieses Wissen werden wir nun gemeinsam mit der Nürnberger nutzen.

Nürnberger-CEO Harald Rosenberger spricht von der Entwicklung zum Präventionsversicherer. Unterstützt die VIG diesen Ansatz? 

Absolut. Die klassische Versicherung zahlt einen Schaden, nachdem er eingetreten ist. Die Zukunft liegt zunehmend darin, Schäden möglichst vorzubeugen. Moderne Technologien und Datenanalysen eröffnen hier völlig neue Möglichkeiten. Wenn Risiken frühzeitig erkannt oder vermieden werden können, profitieren alle Beteiligten. Deshalb sehen wir im Präventionsgedanken großes Potenzial.

Die Übernahme kostete rund 1,4 Milliarden Euro. Bleibt dennoch Spielraum für weiteres Wachstum? 

Ja. Die Transaktion wurde vollständig aus eigenen Mitteln finanziert. Unsere Kapitalausstattung bleibt weiterhin sehr stark. Ende des ersten Quartals 2026 lag unsere Solvenzquote bei rund 290 Prozent und damit deutlich über den regulatorischen Anforderungen. Das gibt uns die notwendige Stabilität und Flexibilität für weiteres Wachstum.

Was bedeutet die Übernahme der Nürnberger letztlich für die Zukunft der Vienna Insurance Group? 

Sie stärkt unsere Gruppe in mehrfacher Hinsicht. Wir gewinnen neue Kundinnen und Kunden, zusätzliche Expertise, stärken unsere Diversifikation und verbreitern unsere Ertragsbasis. Gleichzeitig vertiefen wir Zukunftsfelder wie Biometrie und Prävention. Die Nürnberger eröffnet uns damit Perspektiven für nachhaltiges und profitables Wachstum in den kommenden Jahren.