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Filmreife Blicke und bewegte Geschichten im Kunsthistorischen Museum

Ein frischer Blick auf Alte Meister: Jennifer Sliwka, Direktorin der Gemäldegalerie im KHM, entwickelt neue Wege zur Erkundung und zum Verständnis der Sammlung.
Besucher im Kunsthistorischen Museum betrachten ein großes Historiengemälde mit Soldaten, Reitern und Jesus.

Zusammenfassung

  • Jennifer Sliwka gestaltet die Gemäldegalerie des KHM neu, um Alte Meister durch räumliche Inszenierung, neue Sichtachsen und erzählerische Bezüge lebendiger erfahrbar zu machen.
  • Im Zentrum steht die Idee, Gemälde als vielschichtige Objekte mit eigener Biografie zu zeigen, deren Bedeutung sich aus Entstehungskontext, Geschichte und heutiger Betrachtung erschließt.
  • Mit der Neuhängung der italienischen Galerien startet ein langfristiges Projekt, das die Sammlung zugänglicher machen, neue kunsthistorische Dialoge eröffnen und ihre Gegenwartsrelevanz stärken soll.

„Wenn die Gemälde hier sprechen könnten, würden wir gleichzeitig zehn Geschichten hören“, sagt Jennifer Sliwka und blickt durch den Saal. Sie steht in den neu gehängten italienischen Galerien des Kunsthistorischen Museums, umgeben von Alten Meistern der Renaissance und des Barocks, von Tizian, Tintoretto, Raffael und Caravaggio. Dann beginnt die Direktorin der Gemäldegalerie, einige dieser Geschichten zu erzählen. Und man möchte nicht, dass sie damit aufhört.

Neue Leiterin der Gemäldegalerie im KHM: Jennifer Sliwka im Interview

Alte Meister neu entdecken: Die Biografien der Gemälde

„Die Objekte selbst sind lebendig“, eröffnet die Expertin für Alte Meister. „Unsere kuratorische Aufgabe ist es, sie für die Betrachtenden zum Leben zu erwecken, ihnen beim genauen Hinsehen zu helfen, sie auf Details aufmerksam zu machen und dazu anzuregen, über das Gesehene nachzudenken.“

Ein Gemälde erzählt niemals nur von dem, was an seiner Oberfläche zu sehen ist. Es erzählt von den Menschen, die es gemalt haben, und von jenen, die darauf dargestellt sind, von Auftraggeber:innen, Sammler:innen und früheren Besitzer:innen. Die Werke berichten von den politischen, gesellschaftlichen und religiösen Verhältnissen ihrer Entstehungszeit. Und jedes von ihnen besitzt eine eigene Biografie.

„Die Werke sind nicht entstanden, um an einer Museumswand zu hängen, sondern erfüllten eine konkrete Funktion in einem bestimmten Kontext“, erklärt die neue Direktorin der Gemäldegalerie. Viele Bilder wurden eigens für einen bestimmten Auftraggeber und Ort geschaffen, etwa für eine Kirche oder einen Palast. Im Laufe der Jahrhunderte wechselten sie ihre Besitzer:innen, überstanden Krisen und Kriege, wurden verkauft oder vererbt, beschnitten oder neu gerahmt, gestohlen oder geraubt, gingen verloren und einige auch vergessen. Manche wurden später detektivisch gesucht, wiederentdeckt und restauriert, bevor sie schließlich im Museum neu präsentiert wurden.

Neu gehängte Gemäldegalerie im Kunsthistorischen Museum Wien mit Werken in dunkelgrünen Wänden und gezielter Rauminszenierung.

Hier setzt sich in der Mitte Parmigianinos "Die Bekehrung des Heiligen Paulus" (um 1527/1528) in Szene.

Wenn ein neuer Rahmen den Blick verändert

„Ein Werk bleibt materiell dasselbe und verändert sich doch im Laufe der Zeit“, gibt Jennifer Sliwka zu bedenken. Denn auch ein Gemälde führt gewissermaßen ein Eigenleben. Manche Spuren seiner Geschichte sind mit bloßem Auge zu erkennen, andere verbergen sich in seinen Farbschichten, in Archiven oder alten Inventaren. Pigmente können verblassen oder ihren Farbton verändern, frühere Zuschreibungen erweisen sich als falsch, neue Forschungsergebnisse eröffnen andere Deutungen. So wandelt sich nicht nur das Erscheinungsbild eines Werkes, sondern auch das Wissen darüber – und damit der Blick auf das Bild. 

In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch Sliwkas längerfristig angelegtes Projekt: die Neugestaltung der gesamten Gemäldegalerie. Den Auftakt bildet aktuell die Neupräsentation der italienischen Malerei. Mit der Umgestaltung dieser Säle hat die Direktorin nicht einfach Werke von einer Wand an eine andere gehängt. Sie hat, bildlich gesprochen, den Rahmen verändert, in dem Besucher:innen ihnen gegenübertreten – und damit auch die Perspektive und den Blick auf diese Bilder. Denn, so Sliwka: „Die Art der Begegnung beeinflusst maßgeblich, was wir in einem Werk sehen und wie wir es interpretieren.“

Werke, die lange voneinander getrennt waren, treten nun miteinander in Sichtkontakt. Motive antworten aufeinander, frühere Bildtraditionen begegnen ihren späteren Weiterentwicklungen, Schüler ihren Meistern. An anderer Stelle rücken mehrere Jahrhunderte in einem Raum zusammen. So entstehen Zusammenhänge, die nicht erst in einem Begleittext erklärt werden müssen, sondern bereits durch das Sehen erfahrbar werden. „Die Inszenierung spielt dabei eine entscheidende Rolle, und sie wirkt auf einer psychologischen Ebene. Durch den Raum, den ein Bild einnimmt, und durch seinen Platz im Museum vermittle ich den Besucher:innen unterschwellig, welche Bedeutung ein Werk hat und worauf sie besonders achten sollten“, verrät die leidenschaftliche Kunsthistorikerin.

Gemäldegalerie mit Madonnen

Die unterschiedlichen Marienbilder offenbaren die Vielfalt dieses zentralen Bildmotivs.

Der Sog der Bilder: Perspektivenwechsel in der KHM-Gemäldegalerie

Die Gemäldegalerie-Direktorin komponiert mit Abständen, Nachbarschaften, Wandflächen, Sichtachsen und Durchblicken. Manche Gemälde erhalten den Raum, allein zu wirken. Andere erschließen sich erst durch das Werk neben oder gegenüber von ihnen. Eine neu eingezogene Wand fängt den Blick auf, während eine bewusst geöffnete Sichtachse Neugier weckt, ein Bild am Ende einer Raumfolge entwickelt auf Besucher:innen einen Sog, lange bevor diese noch den Titel kennen.

Dabei möchte Sliwka niemandem einen verbindlichen Weg vorschreiben. „Jeder soll seine eigene Gemäldegalerie entdecken und jene Werke finden können, die ihn persönlich ansprechen“, sagt sie. „Gleichzeitig bedaure ich es, wenn jemand etwas Besonderes verpasst.“ Nichts sei frustrierender, als wenn ein bedeutendes Werk wegen seiner Platzierung kaum wahrgenommen werde.

Ihre Neuhängung ist deshalb keine Regieanweisung, die jeden Schritt festlegt. Sie ist vielmehr eine Einladung, genauer hinzusehen und eigene Entdeckungen zu machen. Dabei geht es ihr nicht darum, die Geschichten der Werke vollständig auszuerzählen oder eine einzige, endgültige Interpretation vorzugeben. Sliwka schafft vielmehr Bedingungen, unter denen die Bilder ihre Wirkung entfalten und mit den Menschen vor ihnen in Beziehung treten können.

Neu gestalteter Saal der KHM-Gemäldegalerie mit dunkelrosa Wänden, einem großen barocken Gemälde und zwei kleineren Werken.
Ein langer Flur mit dunklen Türrahmen führt durch mehrere Räume, an deren Ende ein einzelnes Gemälde an der Wand hängt.
Neuhängung in den italienischen Galerien des Kunsthistorischen Museums mit farbig inszenierten Alten Meistern.

Blickachsen richten sich bewusst auf einzelne Gemälde.

Jennifer Sliwka

Alt und verstaubt? Von wegen! Jennifer Sliwka, die Direktorin der Gemäldegalerie, wirft neugierige Blicke auf die Alten Meister im Kunsthistorischen Museum und bricht mit tradierten Deutungsmustern ebenso wie mit dem Anspruch auf die eine wahre Lesart.

Jedes Gemälde hat seine eigene Geschichte, und genau darin liegt der Reichtum dieser Sammlung. 

von Jennifer Sliwka, Direktorin der Gemäldegalerie im Kunsthistorischen Museum

Ein Film aus unbewegten Bildern im KHM

Wer Stanley Kubricks oscargekröntes Werk Barry Lyndon gesehen hat, weiß, wie sehr ein Film einem Gemälde gleichen kann. Der visuell virtuose Regisseur orientierte sich bei seinen eindrucksvollen Bildkompositionen an den großen Malern des 18. Jahrhunderts. So komponierte er Einstellungen, die auf der Kinoleinwand wie zum Leben erweckte Gemälde wirken: präzise inszeniert, in ihrem Tempo verlangsamt und von einer eigentümlichen, beinahe unwirklichen Präsenz.

In Sliwkas Gemäldegalerie entsteht ein ähnlicher Effekt auf ganz andere Weise. Durch ihre präzise choreografierte und bis ins Detail durchdachte Hängung verbinden sich die Gemälde zu einer cineastischen Erzählung, die sich erst entfaltet, während man durch die Säle geht.

Kein Bild verlässt seinen Platz, und doch setzt die neue Hängung die gesamte Galerie in Bewegung. Sliwka appelliert mit feinen, oft unterschwelligen Signalen an unsere Wahrnehmung. „Eine Sichtachse kann einen förmlich durch die Sammlung leiten“, sagt sie. Man sieht ein Werk in der Ferne, ahnt, dass dort etwas wartet, und wird fast magisch weitergezogen. Der Blick wandert von einer dargestellten Gestalt zur nächsten, folgt Gesten, Lichtreflexen und kaum sichtbaren Hinweisen: Ein Porträt sucht den Blickkontakt mit einem anderen, eine Hand weist aus dem Bild hinaus, eine Figur scheint aus der Tiefe des Raumes hervorzutreten. Die einzelnen Werke werden zu Einstellungen eines Films, dessen Schnitt durch die Bewegungen und Blicke der Betrachter:innen entsteht.

Zwei Besucherinnen betrachten ein großformatiges Tizian-Gemälde in der neu gehängten Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums.

Die Rosenkranzmadonna um 1601 von Caravaggio

Alte Gewänder, vertraute Emotionen: Meisterwerke der Renaissance und des Barocks

Auch die Zeit verliert im Rahmen der Neuhängung ihren linearen Charakter. Der Weg führt von der Renaissance zum Barock und mitunter auch viel weiter zurück, in die Erzählungen des Alten und Neuen Testaments, in antike Mythen und historische Ereignisse. Dann springt er unvermittelt in die Gegenwart, zu jenem Betrachtenden, der vor dem Bild steht und darin etwas entdeckt, das mit seinem eigenen Leben zu tun hat.

„Jedes Kunstwerk war einmal Gegenwartskunst“, stellt Sliwka in den Raum. Die Alten Meister sind für sie deshalb keineswegs Relikte einer abgeschlossenen Epoche. „All diese Werke wurden für eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Ort und bestimmte Menschen geschaffen.“ Sie erzählen von Macht und Glauben, Begehren und Gewalt, Schönheit und Täuschung, Verlust und Eitelkeit. Die dargestellten Menschen tragen zwar die Gewänder einer anderen Zeit, ihre Ängste, Hoffnungen und Leidenschaften wirken jedoch erstaunlich vertraut und gegenwärtig.

Genau darin besteht für Sliwka die besondere Aktualität dieser Bilder. Ihre Bedeutung entsteht nicht allein aus ihrer Geschichte, sondern auch aus der Begegnung mit den Menschen, die sie betrachten. „Je nachdem, in welcher Stimmung man sich befindet und was einen gerade beschäftigt, nimmt man in ein und demselben Bild etwas anderes wahr. Die emotionale Reaktion hängt immer auch davon ab, wo man im eigenen Leben gerade steht“, sagt die Kunsthistorikerin. Dasselbe Gemälde kann unterschiedliche Gedanken, Erinnerungen oder Fragen hervorrufen und wird so für jeden Betrachtenden auf eigene Weise gegenwärtig. „Vieles hängt dabei davon ab, was wir selbst an ein Bild herantragen.“

Ein Blick aus fünfhundert Jahren Entfernung in die Gegenwart

„Wir blicken zum Beispiel gerade quer durch den Raum auf Christus, der das Kreuz trägt“, sagt Sliwka während des Rundgangs durch die Gemäldegalerie und deutet auf das Bild Kreuztragung Christi. Das um 1515 entstandene Werk wird einem anonymen venezianischen Maler zugeschrieben. Der Name seines Schöpfers ist zwar verloren gegangen, die Wirkung des Bildes jedoch nicht.

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Die Kreuztragung Christi wird einem anonymen venezianischen Meister zugeschrieben, um 1515

„Für mich wirkt dieses Gemälde erstaunlich frisch, modern und unmittelbar. Besonders beeindruckt mich die Art, wie Christus aus dem Bild herausblickt und Kontakt mit den Betrachtenden aufnimmt. Er scheint zu fragen: ‚Was beschäftigt dich gerade?‘“

Genau dieser Blick überwindet die zeitliche Distanz von mehr als fünfhundert Jahren. Christus ist nicht nur eine Figur aus einer biblischen Erzählung; er richtet seine Frage unmittelbar an die Gegenwart. Und darin erkennt Sliwka eine Verbindung zur zeitgenössischen Kunst: „Sie stellt Fragen und fordert uns dazu auf, selbst Fragen zu stellen. Deshalb sehe ich keine scharfe Trennung zwischen historischer und zeitgenössischer Kunst.“ Gegenwärtig werden Alte Meister in dem Augenblick, in dem ihr Blick auf unseren trifft.

Tizian-Gemälde namens Ecce Homo mit einer antiken Szene aus Soldaten, Bürgern und einer Frau mit Kind im Kunsthistorischen Museum Wien.

Ecce Homo, Tiziano Vecellio, gen. Tizian, 1543 datiert

Raffael, Caravaggio, Giordano: Große Gefühle auf Leinwand

Von Raffaels fürsorglicher Madonna im Grünen über Caravaggios dramatisch beleuchtete Rosenkranzmadonna bis zu Luca Giordanos stürzenden Engeln zeigt Jennifer Sliwka bei einem Rundgang durch die italienischen Säle der Gemäldegalerie, wie lebensnah, theatralisch und filmreif die Alten Meister erzählen. Ihre Figuren wirken nicht entrückt, sondern körperlich präsent; Licht, Gesten und Bewegungen ziehen die Betrachtenden unmittelbar in das Geschehen hinein.

Tizians Erzengel Michael stößt mit erhobenem Schwert den gefallenen Dämonen in die Hölle.

Welche erzählerische Kraft in den Alten Meistern steckt, offenbart Luca Giordanos über vier Meter hohes Altarbild Erzengel Michael stürzt die abtrünnigen Engel von 1660/65. Giordano zeigt den Augenblick, in dem Michael die gegen Gott aufbegehrenden Engel in den Abgrund der Hölle schleudert. Der Erzengel schwebt hell und beinahe schwerelos über einem Knäuel aus stürzenden Körpern. Unter ihm winden sich die Besiegten, schreien, greifen ins Leere und verwandeln sich bereits in dämonische Gestalten. Ordnung und Chaos, himmlische Schönheit und körperlicher Schrecken prallen unmittelbar aufeinander.

Gemälde einer Madonna mit Kind und anbetenden Mönchen unter rotem Vorhang im Kunsthistorischen Museum Wien.

Wie unmittelbar religiöse Malerei wirken kann, zeigt Caravaggios monumentale Rosenkranzmadonna von 1601. Maria und das Jesuskind thronen über der Szene, während der heilige Dominikus Rosenkränze an die dicht gedrängten Gläubigen verteilt. Dramatisches Licht modelliert die lebensgroßen Figuren, hebt Hände, Gesichter und Gesten aus dem Dunkel hervor und zieht die Betrachtenden mitten ins Geschehen. Göttliche Erscheinung und menschliche Nähe verbinden sich zu einer eindringlichen Inszenierung. Caravaggio lässt das Heilige nicht entrückt erscheinen, sondern körperlich, greifbar und erstaunlich gegenwärtig.

Madonna mit zwei Kindern von Raffael in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums.

Wie eine Hängung Kunstgeschichte neu erzählen kann, zeigt Sliwka an Raffaels Madonna im Grünen von 1505 oder 1506. Durch eine neue Sichtachse begegnet das Werk einer älteren Madonnendarstellung in byzantinischer Tradition, bei der Mutter und Kind zärtlich ihre Wangen aneinanderlegen. Raffael greift diese Bildformel auf, verwandelt sie jedoch grundlegend: Maria wirkt nicht entrückt, sondern wie eine Mutter, die ihre Kinder im Grünen spielen lässt. „Ich rahme Raffael durch die frühere Tradition“, sagt Sliwka. So entsteht ohne lange Erklärung ein „visueller Essay“, der Vorbild, Weiterentwicklung und künstlerische Erneuerung unmittelbar sichtbar macht.

Voyeuristische Rolle des Betrachtenden: Achten Sie rechts oben auf den kleinen Vogel!

„Erwähne immer ein konkretes Detail“, hat ihr ein bedeutender Kunsthistoriker einmal für das Verfassen von Objekttexten geraten, erzählt Sliwka. Etwa: Achten Sie rechts oben auf den kleinen Vogel! Oder: Sehen Sie, wie der Hund den Knochen stiehlt! Auch dieses Prinzip möchte Sliwka im Rahmen der Neuhängung umsetzen. „Mit spielerischen, überraschenden Hinweisen in den Texten kann man dazu einladen, genauer hinzusehen.“ Denn allzu oft lesen Museumsbesucher:innen den Text neben einem Werk und gehen dann weiter, ohne noch einmal zum Bild zurückzublicken. Ein konkreter Hinweis lenkt die Augen zurück auf die Leinwand, und aus dem flüchtigen Sehen wird eine Entdeckung.

Tintoretto, Susanna im Bade: Eine nackte Frau badet in einem Teich, während sie von zwei versteckten, älteren Männern beobachtet wird, in einem prunkvollen goldenen Rahmen.

Moment zwischen Intimität und Bedrohung: Susanna im Bade, um 1555/56, Tintoretto

Bei Tintorettos Susanna im Bade lohnt es sich, diesem Rat zu folgen. Das um 1555/56 entstandene Gemälde zeigt eine biblische Szene aus dem Buch Daniel, wo sich Folgendes abspielt: Susanna sitzt unbekleidet an einem Wasserbecken und betrachtet sich im Spiegel. Zwei Männer sind heimlich in den Garten eingedrungen, um sie zu beobachten und zu bedrängen. Als Susanna ihre Annäherungsversuche zurückweist, werden sie sie des Ehebruchs beschuldigen. Noch aber weiß sie nichts von der Gefahr.

Diejenigen, die nun vor Tintorettos Bild in der Gemäldegalerie stehen, wissen mehr. Sie entdecken einen der Männer hinter der Rosenhecke, den anderen am gegenüberliegenden Bildrand. Damit geraten sie selbst in eine heikle Position: Sie beobachten eine Frau, die nicht weiß, dass sie beobachtet wird. Das Gemälde macht sie zu Mitwissenden und beinahe zu Kompliz:innen des voyeuristischen Blicks.

Und nun der kleine Vogel: Über Susannas Kopf sitzt eine Elster, die als Vorzeichen der bevorstehenden Verleumdung gelesen werden kann. Enten im Hintergrund verweisen in kunsthistorischen Deutungen auf eheliche Treue, der Hirsch links im Bild auf Begehren und Wollust. Tintoretto versteckt die spätere Handlung gewissermaßen bereits in der vermeintlichen Gartenidylle. Wer diese Zeichen einmal erkannt hat, sieht nicht mehr dieselbe friedliche Badeszene.

Doch Sliwka lenkt die Aufmerksamkeit noch auf etwas anderes: auf die räumliche Konstruktion, die hier aus den Fugen geraten ist. „Tintoretto hat genau gewusst, wie man perspektivisch überzeugend malt und eine Komposition nach den Regeln der Renaissance aufbaut. Doch gerade weil er diese Regeln vollkommen beherrschte, konnte er sie bewusst brechen. Er manipuliert unsere Wahrnehmung“, sagt Sliwka. Der Blick wird zunächst auf Susannas leuchtenden Körper gelenkt, dann auf die beiden Männer und schließlich auf das „räumlich fast unmögliche Wasser“, das aus dem Gemälde in den Raum der Betrachtenden zu fließen scheint. Einer der Alten drängt beinahe aus dem Bild heraus, während der andere nur teilweise sichtbar bleibt. „Je länger man schaut, desto schwindelerregender wird der Raum.“

Tintoretto hätte eine vollkommen glaubhafte Perspektive konstruieren können, meint Sliwka. Doch genau darum ging es ihm nicht. Der Garten wirkt geschützt und ist es nicht. Die Szene erscheint ruhig, obwohl die Katastrophe bereits begonnen hat. Schönheit und Bedrohung, Nähe und Ferne, Beobachten und Beobachtetwerden geraten durcheinander. Darin erkennt Sliwka auch die Meisterschaft: Ein großer Maler beherrscht die Regeln so gut, dass er weiß, wann und wo er sie brechen kann. „Andernfalls entsteht nur Chaos“, sagt sie. „Ein Meister weiß, wo er manipulieren kann und wo nicht.“

Susanna im Bade erzählt damit nicht nur eine biblische Geschichte. Das Gemälde zeigt, wie leicht sich unser Blick verführen und lenken lässt. So verführt Susanna im Bade zum Hinsehen und zwingt die Betrachtenden zugleich, über ihren eigenen Blick nachzudenken. Und es stellt eine höchst gegenwärtige Frage: Was geschieht mit uns, wenn wir andere Menschen betrachten? Und wann werden wir selbst Teil einer Szene, die wir beobachten?

Bildnis eines weißbärtigen Mannes um 1570 | Jacopo Robusti, gen. Tintoretto
Knabe mit Pfeil um 1505 | Giorgio da Castelfranco, gen. Giorgione
Mädchen im Pelz um 1535 | Tiziano Vecellio, gen. Tizian
Der Orator Giovan Pietro Maffeis um 1560/1565 | Giovanni Battista Moroni
Bildnis eines Jünglings vor weißem Vorhang um 1508 von Lorenzo Lotto
Selbstbildnis 1554 von Sofonisba Anguissola, einer jungen Frau mit offenem Büchlein, das im Kunsthistorischen Museum Wien neue Deutungen der Gemäldegalerie andeutet.
Kreuztragung Christi um 1515 | Venezianisch im Kunsthistorisches M
Ein Philosoph des Altertums 20er Jahre 16. Jahrhundert | Giovan Gerolamo Savoldo

Die vielen Gesichter der Gemäldegalerie ziehen durch ihre Ausdruckskraft und Lebendigkeit unmittelbar in ihren Bann.

Die Gemäldegalerie des KHM: Ein Film, der bei jedem Besuch neu beginnt

„Großartige Kunstwerke – und dazu zählen für mich nahezu alle Werke dieser Sammlung – haben die Fähigkeit, die Menschen, die sie betrachten, zu verändern“, sagt Jennifer Sliwka am Ende des Rundgangs durch die Gemäldegalerie. 

Die neu gestalteten Säle der italienischen Alten Meister sind deshalb eine Einladung an Kunstinteressierte und Kenner:innen ebenso wie an selbst ernannte Kunstbanausen. Es braucht weder ein kunsthistorisches Studium noch lückenloses Wissen über Bibel, Mythologie oder diverse Maltechniken. Was man mitbringen sollte, sind Neugier und ein wenig Zeit. „Schauen Sie genau hin. Nehmen Sie sich Zeit. Entdecken Sie die Details“, empfiehlt die Gemäldegalerie-Direktorin zum Schluss.

Also: Suchen Sie nach dem Ungewöhnlichen, Irritierenden oder Berührenden. Folgen Sie einem Blick, einer Geste oder einem Lichtreflex. Stellen Sie den Bildern Fragen. Oder machen Sie es wie Thomas Bernhards Reger in „Alte Meister“ und suchen Sie nach dem Fehler. Man kann sich führen lassen oder den eigenen Weg wählen, sich in einem Saal verlieren, in ein Gemälde vertiefen oder eines entdecken, nach dem man gar nicht gesucht hat.

Auch wer wenig Zeit hat, kann damit beginnen. Ein paar Minuten lassen sich fast immer finden: zehn Minuten vor einem einzigen Gemälde, in denen der Alltag zurücktritt und sich die Wahrnehmung allmählich verändert. Vielleicht braucht es dafür mehrere Besuche. Ein guter Grund, über eine Jahreskarte des Kunsthistorischen Museums nachzudenken. Denn der „Film“, der in der Gemäldegalerie des KHM zu sehen ist, dauert länger als einen Nachmittag. Bei jedem Rundgang beginnt er von Neuem, mit einem anderen Blick, anderen Fragen und einer neuen Geschichte.

Die Bilder warten darauf, betrachtet zu werden. Und wer die Gemäldegalerie mit offenen Augen und neugierigem Gemüt besucht, nimmt nicht nur viele Eindrücke mit. Er sieht die Welt danach bestimmt auch ein wenig anders.

Ein sehr gutes Gemälde ist nicht unbedingt eines, das einem gefällt. Es kann verstören, abstoßen oder wütend machen. Entscheidend ist, dass es eine starke Reaktion auslöst und im Gedächtnis bleibt. Für mich liegt die Kraft eines großen Gemäldes darin, dass man noch eine Woche später daran denkt.

von Jennifer Sliwka, Direktorin der Gemäldegalerie des KHM

Kunsthistorisches Museum

Seit rund 135 Jahren wacht die monumentale Statue der Kaiserin Maria Theresia über das Kunsthistorische Museum.

Saalplan der Gemäldegalerie im Kunsthistorischen Museum mit markierten Räumen für italienische, spanische, französische, niederländische und deutsche Malerei.

Die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums zählt zu den bedeutendsten ihrer Art in Europa. Mehr als 770 Werke spannen einen Bogen vom 15. Jahrhundert über Renaissance und Barock bis in die Zeit Maria Theresias. Die Kunst der Alten Meister ist dauerhaft im ersten Stock des KHM zu sehen.