Strategie schlägt Panik: Mit klarem Plan durch unsichere Zeiten

Der Iran-Konflikt treibt Ölpreise und Inflation, Anleger brauchen jetzt eine klare und ruhige Strategie.
Chess pieces overlaying financial data graphs with blue digital light effects on a blurred background.

In der Straße von Hormus stauen sich Tanker, Versicherungsprämien schießen nach oben. Der Ölpreis springt, Kurse schlagen hektisch aus. Rote Ticker, Gegenbewegungen, wieder Verkäufe. Jede Wortmeldung aus Washington wirkt wie ein zusätzlicher Impuls, Aussagen von US-Präsident Donald Trump lassen die Märkte kippen und drehen. Energie verteuert sich abrupt, die Inflation zieht an. Und doch hält die Realwirtschaft dagegen. Noch vor der Eskalation im März 2026 wuchs der Euroraum 2025 um rund 1,4 bis 1,5 Prozent. Auch die Unternehmensgewinne entwickelten sich stabil. Hinter der Panik bleibt die Basis robuster, als es die erste Marktreaktion vermuten lässt.
 

Starke Basis

„Wir sehen keinen klassischen Regimewechsel, sondern einen Härtetest für bestehende Portfolios“, sagt Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali KAG. Entscheidend sei, wie stabil ein Portfolio in unterschiedlichen Szenarien funktioniert. Viele Unternehmen verdienen solide, die Bewertungen liegen im historischen Rahmen. Gleichzeitig zeigt sich, dass selbst in einem angespannten Umfeld Investitionen und Konsum nicht abrupt einbrechen. „Das eigentliche Risiko liegt derzeit weniger in der Ertragskraft der Unternehmen, sondern in der geopolitischen Unsicherheit“, so Wögerbauer.

Ein Mann mit Schnurrbart und Anzug steht vor einem unscharfen, grünen Hintergrund.

Wir sehen keinen Regimewechsel, sondern einen Härtetest für bestehende Portfolios.

von Alois Wörgebauer

3 Banken-Generali KAG

Schock-Wirkung

Auch Michael Molzar, Head of Multi Asset Management der Allianz Invest KAG, ordnet den Ölpreisschub als temporären Impuls ein. Kurzfristig habe er zu Verunsicherung und Umschichtungen geführt, vor allem in Richtung Staatsanleihen und liquide Mittel. „Ob daraus ein struktureller Bruch entsteht, hängt davon ab, ob sich höhere Energiepreise dauerhaft festsetzen“, sagt Molzar. Dafür gebe es derzeit keine klaren Signale. Nach ersten diplomatischen Fortschritten erreichten US-Indizes wieder Höchststände. „Jede Energiekrise beschleunigt strukturelle Veränderungen“, sagt er. Unternehmen reagieren schneller, Lieferketten werden angepasst, Investitionen verschoben oder neu priorisiert.
 

Ein lächelnder Mann mit hellen Augen und Anzug vor weißem Hintergrund.

Wer nun dem Index folgt, übernimmt automatisch Klumenrisiken.

von Michael Molzer

Allianz Invest KAG

Europa Fokus

Der alte Kontinent rückt stärker in den Blick. Während der US-Leitindex S&P 500 von wenigen Technologiekonzernen geprägt ist, ist der STOXX 600 breiter aufgestellt und sektoral diversifizierter. „Europa ist kein Wachstumswunder, aber ein Markt mit Substanz“, sagt Molzar. Hinzu kommt ein Bewertungsunterschied. Der S&P 500 wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 29 gehandelt, während der STOXX 600 deutlich darunter liegt. Auch bei der Performance zeigt sich ein Vorteil: Seit Jahresbeginn liegt der STOXX Europe 600 mit rund 6,5 Prozent vor dem S&P 500 mit etwa 4,0 Prozent. Für Anleger bedeutet das: günstiger bewertet und zuletzt besser gelaufen. Hinzu kommt ein anderer Sektormix. Europa ist stärker in Industrie, Gesundheit, Infrastruktur und Energie vertreten, also in Bereichen, die vom Umbau der Wirtschaft, von Reshoring und von Investitionen in Versorgungssicherheit profitieren können.

Risiken streuen

Heute gerät auch ein lange populäres Prinzip unter Druck: einfach in den MSCI World investieren und laufen lassen. Anleger sind oft stärker von wenigen Big-Tech-Titeln abhängig, als ihnen bewusst ist: In globalen Indizes wie dem MSCI World dominieren US-Technologiekonzerne aufgrund ihrer hohen Marktkapitalisierung, wodurch einzelne Titel einen überproportionalen Anteil am Gesamtindex ausmachen. „Wer nur dem Index folgt, übernimmt automatisch Klumpenrisiken“, warnt Molzar. Eine bewusste regionale und sektorale Streuung wird damit wieder wichtiger.

Sachwerte im Aufwind

Sachwerte rücken wieder ins Zentrum der Portfoliologik. Dazu zählen nicht nur Rohstoffe oder Immobilien, sondern auch Aktien als Beteiligungen an realen Unternehmen. „Rohstoffe erleben eine Renaissance“, sagt Wögerbauer. Industriemetalle profitieren von Energiewende und Digitalisierung, etwa durch den Ausbau von Stromnetzen und Rechenzentren. Gleichzeitig bauen Notenbanken ihre Goldreserven aus, um sich gegen geopolitische Risiken abzusichern. „Sachwerte bieten oft stabilere, inflationsnahe Cashflows“, ergänzt Molzar. Sie wirken als Gegengewicht in volatilen Phasen. Hinzu kommt: Viele dieser Investments verfügen über eine direkte oder indirekte Kopplung an reale Preisentwicklungen. Gerade in einem Umfeld schwankender Energiepreise erhöht das ihre Bedeutung im Portfolio. Für Anleger bedeutet das, reale Werte wieder stärker als Stabilitätsanker zu gewichten.

Klare Struktur

Aus dieser Verschiebung ergibt sich die nächste Konsequenz: die richtige Struktur. Wögerbauer setzt auf einfache Portfolios. “Ein Portfolio mit rund 45 Prozent Anleihen, 45 Prozent Aktien und etwa zehn Prozent Rohstoffen ist ein solider Ausgangspunkt„, sagt er. Anleihen liefern wieder laufende Erträge, Aktien bleiben der Wachstumstreiber. Genau darin liegt für Wögerbauer die neue Qualität klassischer Mischportfolios: Sie können Schwankungen abfedern, ohne auf Renditechancen zu verzichten. “Wir spekulieren nicht, wir beteiligen uns an Unternehmen„, so Wögerbauer. Die Schlussfolgerung: Europa gewinnt an Gewicht, einfache Strategien kehren zurück, denn die Welt bleibt kompliziert, die Portfolios müssen es nicht sein

 

Der Graph vergleicht die Entwicklung von S&P 500 (rot) und Stoxx Europe 600 (blau) von Jänner bis April.

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