„Gold bleibt ein Stabilitätsanker auch in volatilen Phasen“

Der Goldpreis hat zuletzt nachgegeben und Anleger verunsichert. Warum Rückgänge langfristig wenig ändern und Gold strategisch wichtig bleibt, erklärt Münze-Österreich-Generaldirektor Gerhard Starsich.
Ein älterer Mann mit grauen Haaren, Brille und Anzug steht vor einem grauen Hintergrund und blickt freundlich nach vorn.

Die jüngste Korrektur kam überraschend. Innerhalb weniger Tage verlor Gold zweistellig, auf Monatssicht rund 15 Prozent. In einer Phase geopolitischer Spannungen geriet der Markt kurzfristig unter Druck. Für Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich, ist das kein Bruch, sondern Teil eines bekannten Musters, wie er im Interview betont.

KURIER: Herr Starsich, wenn es geopolitisch eskaliert, zuletzt im Nahen Osten oder im Ukraine-Krieg, sehen Sie das unmittelbar im Geschäft? Greifen die Menschen dann tatsächlich sofort zu Gold? 

Gerhard Starsich: Kurzfristig sehen wir vor allem Gewinnmitnahmen und Umschichtungen in zinstragende Anlagen. Das ist nach der starken Rally der vergangenen Jahre nicht ungewöhnlich. Entscheidend ist, dass sich an den strukturellen Treibern nichts geändert hat. Gold bleibt für viele Anleger ein strategischer Baustein zur Absicherung gegen Unsicherheit und systemische Risiken, auch wenn es zwischendurch zu deutlichen Schwankungen kommt.

Notenbanken kaufen weltweit so viel Gold wie seit Jahrzehnten nicht mehr, allen voran China. Wie stark prägt diese Entwicklung aktuell die Preisbildung am Markt?

Diese Entwicklung ist ein zentraler struktureller Treiber. Vor allem China, aber auch andere Schwellenländer, versuchen ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu reduzieren und ihre Währungsreserven breiter aufzustellen. Gleichzeitig hat sich durch die Preisentwicklung der vergangenen Jahre die faktische Golddeckung westlicher Währungen wieder deutlich erhöht. Das verleiht dem Metall zusätzliche Bedeutung im internationalen Währungssystem.

 

Viele Anleger denken nicht mehr taktisch, sondern strategisch. Sie sehen Gold als Absicherung gegen systemische Risiken.“

von Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich

 

Gold hat in den vergangenen Jahren eine starke Rally hingelegt. Wie erleben Sie aktuell die Stimmung bei Ihren Kunden? 

Wir sehen eine Mischung aus sehr hoher Nachfrage und punktueller Verunsicherung. Die Volatilität ist spürbar, kurzfristige Rücksetzer führen immer wieder zu Zurückhaltung. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in Gold als langfristige Wertanlage sehr stabil. Viele Anleger denken nicht mehr taktisch, sondern strategisch. Sie sehen Gold als Absicherung gegen systemische Risiken.

Sie sprechen die Volatilität an. Wie sollten Anleger damit umgehen? 

Volatilität gehört beim Goldmarkt dazu, das war historisch immer so und wird auch so bleiben. Wichtig ist, den langfristigen Trend im Blick zu behalten. Und der zeigt seit Jahren nach oben. Wer Gold als strategische Beimischung versteht und nicht als kurzfristiges Spekulationsobjekt, kann mit diesen Schwankungen gut umgehen.

 

Die förderbaren Goldreserven gehen zurück und Gold wird dadurch zu einem noch rareren Rohstoff auf unserem Planeten.“ 

von Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich

 

Wie sieht es auf der Angebotsseite aus, Stichwort Knappheit? 

Pro Jahr werden rund 4.500 Tonnen Gold verarbeitet, davon etwa zwei Drittel aus Recycling und ein Drittel aus Minenproduktion. Die bekannten, wirtschaftlich sinnvoll abbaubaren Reserven liegen derzeit bei etwa 15.000 bis 18.000 Tonnen. Das entspricht, je nach Entwicklung, einer Reichweite von rund zehn bis zwölf Jahren. Klar ist: Die förderbaren Goldreserven gehen deutlich zurück und Gold wird dadurch zu einem noch rareren Rohstoff auf unserem Planeten. Im Gegensatz zu vielen Finanzprodukten kann man die Menge von Gold nicht beliebig ausweiten. Das ist ein wesentlicher Grund, warum es auch als Wertspeicher funktioniert.

Wie stark beeinflussen diese Rahmenbedingungen Ihr operatives Geschäft? 

Wir spüren die Nachfrage sehr direkt. Bei Goldmünzen bewegen wir uns stabil bei rund zwei Millionen Stück pro Jahr. Deutlich volatiler ist das Silbergeschäft, hier reicht die Bandbreite von 2,5 bis 17,5 Millionen Stück jährlich. Aktuell liegen wir bei etwa sechs bis sieben Millionen. Der zuletzt deutlich gestiegene Silberpreis hat die Nachfrage zusätzlich spürbar angekurbelt. Diese Dynamik zwingt uns, flexibel zu reagieren, etwa durch den Wechsel in den Zwei-Schicht-Betrieb.

Für Anleger stellt sich oft die Frage: Münzen oder Barren, was ist sinnvoller? 

Für Privatanleger sind Münzen in vielen Fällen die bessere Wahl. Sie sind weltweit handelbar, sehr liquide und standardisiert. Große Anlagemünzen wie der Wiener Philharmoniker, der Maple Leaf oder der Krugerrand werden international akzeptiert und beim Wiederverkauf in der Regel nahe am aktuellen Marktpreis gehandelt. Barren haben vor allem bei größeren Einheiten Vorteile, etwa bei einem Kilobarren, wo die Aufschläge geringer sind.

 

„Für Privatanleger sind Münzen in vielen Fällen die bessere Wahl. Sie sind weltweit handelbar, sehr liquide und standardisiert.“ 

von Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich

 

Sie sehen derzeit einen Trend zu kleineren Stückelungen. Woran liegt das? 

Das ist eindeutig preisgetrieben. Eine Unze Gold kostet heute rund 4.400 Euro, das ist für viele Anleger eine hohe Einstiegssumme. Deshalb werden kleinere Einheiten wie halbe oder viertel Unzen deutlich stärker nachgefragt. Sie ermöglichen einen schrittweisen Aufbau von Goldpositionen.

Der Wiener Philharmoniker zählt zu den bekanntesten Goldmünzen weltweit. Was macht seinen Erfolg aus? 

Ein wesentlicher Faktor ist das neutrale, universelle Motiv. Musik und Harmonie sind Themen, die weltweit verstanden werden. Dazu kommt die hohe Prägequalität und die charakteristische matte Oberflächenstruktur, die auch ein gewisses Maß an Fälschungssicherheit bietet. Diese Kombination macht die Münze international sehr attraktiv. 

 

Bargeld funktioniert auch in Krisensituationen und schützt die Privatsphäre der Menschen.“ 

von Gerhard Starsich, Generaldirektor der Münze Österreich

 

Wo liegen Ihre wichtigsten Absatzmärkte? 

Österreich ist traditionell unser stärkster Markt. Darüber hinaus zählen wir in Europa meist zu den beiden führenden Anbietern. Besonders stark sind wir auch in Japan, wo wir häufig Marktführer sind. In den USA schwankt unser Marktanteil, liegt aber zeitweise bei rund 15 Prozent, was für eine ausländische Münze in diesem riesigen Markt durchaus beachtlich ist.

Bleibt Gold aus Ihrer Sicht langfristig ein zentraler Baustein im Portfolio? 

Ja, absolut. Gold erfüllt eine klare Funktion als Stabilitätsanker. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit und struktureller Veränderungen im Finanzsystem bleibt es ein wichtiger Bestandteil der Vermögenssicherung.

Die Münze Österreich ist aber weit mehr als ein Produzent von Anlagemünzen. Welche Geschäftsbereiche tragen aktuell besonders stark? 

Neben Anlagemünzen spielen Sammlermünzen eine zentrale Rolle. Dieses Geschäft wächst seit Jahren dynamisch, weil wir stark auf Themen, Gestaltung und die enge Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Kultur setzen. Deutlich schwieriger ist hingegen das Geschäft mit Umlaufmünzen. Hier spüren wir zunehmend den Druck durch elektronische Zahlungsmittel und internationale Kartenanbieter.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Bargeld im Spannungsfeld zur Digitalisierung? 

Ich bin ein klarer Befürworter von Bargeld. Es geht nicht nur um ein Zahlungsmittel, sondern auch um Stabilität und Souveränität. Bargeld funktioniert auch in Krisensituationen und schützt die Privatsphäre der Menschen. Man sieht das auch in Schweden, wo man nach einer Phase der Digitalisierung wieder bewusst in die Bargeldinfrastruktur investiert, weil man erkannt hat, wie anfällig rein elektronische Systeme in Krisen sein können. Natürlich werden elektronische Zahlungsmethoden weiter wachsen, aber Bargeld bleibt aus meiner Sicht ein unverzichtbares Fundament unseres Systems. Entscheidend ist, dass diese Wahlfreiheit dauerhaft erhalten bleibt.

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