Finanz-Expertin warnt: So verlieren Österreicher ihr Geld
Die Fälle gehen leicht zurück, die Schäden steigen deutlich. Die Finanzmarktaufsicht (FMA) sieht eine neue Qualität beim Anlagebetrug. Im Interview erklärt FMA-Expertin Patricia Floh-Weninger, warum es heute jeden treffen kann und worauf Anleger besonders achten müssen.
Patriccia Floh-Weninger, FMA-Expertin für Verbraucherthemen
Wie entwickelt sich Anlagebetrug aktuell in Österreich?
Patricia Floh-Weninger: Die Zahl der Fälle ist zuletzt leicht zurückgegangen, gleichzeitig steigen die Schadenssummen deutlich. 2025 verzeichneten wir 843 Fälle mit einem Gesamtschaden von rund 20 Millionen Euro, im Jahr davor waren es 853 Fälle mit etwa 15,5 Millionen Euro. Während der durchschnittliche Verlust 2024 noch bei rund 37.000 Euro lag, sind es aktuell sogar 70.000 Euro pro Fall, mit einzelnen Schadensfällen von mehreren hunderttausend Euro.
Was ist die Ursache für diese dramatische Entwicklung?
Die Täter werden immer professioneller und überzeugender. Ein zentraler Treiber ist Social Engineering, also die gezielte psychologische Ansprache. Die Betrüger holen Menschen in ihrer Lebenssituation ab, bauen Vertrauen auf und steigern den Einsatz schrittweise. So erzielen sie deutlich höhere Schäden.
Viele glauben, sie seien vor Anlagebetrug geschützt. Ist das ein gefährlicher Irrtum?
Ja, leider! Es kann wirklich jeden treffen. Wir sehen alle Altersgruppen, alle Einkommensschichten und alle Bildungsniveaus. Es greift zu kurz, hier allein von Gier oder Unwissenheit zu sprechen. Die Methoden sind hochstandardisiert und technisch gut organisiert. Hinter vielen Fällen stehen arbeitsteilige Strukturen mit klaren Prozessen, die gezielt darauf ausgelegt sind, möglichst effizient hohe Summen zu generieren.
Welche Betrugsformen sind derzeit besonders verbreitet?
Ein Dauerbrenner sind betrügerische Handelsplattformen. Dort werden hohe Gewinne vorgegaukelt, die Auszahlungen funktionieren aber nicht. Stattdessen werden die Opfer immer wieder aufgefordert, zusätzliches Geld nachzuschießen. Zunehmend sehen wir auch WhatsApp-Gruppen oder ähnliche Formate auf Social Media. Diese wirken wie echte Communities, bestehen aber oft aus wenigen echten Nutzern und vielen manipulierten Accounts, die Gewinne vortäuschen und Druck aufbauen. Teilweise werden dabei reale Unternehmensnamen oder bekannte Persönlichkeiten missbraucht, um Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Dazu kommt ein massiver Anstieg bei Phishing: Realistisch wirkende Nachrichten und Websites werden gezielt genutzt, um Zugangsdaten oder Zahlungsinformationen abzugreifen und Betrugsmodelle zu ermöglichen.
Welche Rolle spielt Social Media dabei?
Social Media ist ein klarer Brandbeschleuniger für Betrug. Die Zahlen zeigen das deutlich: Die Fälle mit Kontaktaufnahme über soziale Medien haben sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt, gleichzeitig ist das Schadensvolumen von rund 1,2 auf etwa 4,5 Millionen Euro gestiegen. Hohe Reichweite, schnelle Verbreitung und gezielte Ansprache machen diese Kanäle besonders gefährlich.
Und wie beurteilen Sie sogenannte Finfluencer?
Hier verschwimmen oft Aufklärung, Werbung und Eigeninteresse. Viele haben keine ausreichende Qualifikation, treten aber als Experten auf und bewerben einzelne, meist hochriskante Produkte. Gleichzeitig verdienen sie oft selbst daran. Das Problem ist das Vertrauen: Nutzer glauben, sie kennen diese Personen und folgen deren Empfehlungen.
Welche typischen Warnsignale sollten Anleger ernst nehmen?
Eine unerwartete Kontaktaufnahme ist immer ein Warnsignal, egal ob per Telefon, E-Mail oder Social Media. Ebenso problematisch ist Zeitdruck, wenn man schnell handeln muss, um angeblich eine Chance nicht zu verpassen. Und natürlich sind hohe Gewinnversprechen bei geringem Risiko ein klassisches Warnzeichen. Auffällig ist auch, dass viele Betrugsmodelle mit kleinen Einstiegssummen beginnen, oft etwa 250 Euro. Sobald man einmal eingezahlt hat, wird man schrittweise zu höheren Beträgen bewegt.
Was sollten Anleger konkret tun, wenn Zweifel bestehen?
Innehalten und prüfen. Seriöse Anbieter setzen niemanden unter Druck. Angebote gegenchecken, Quellen verifizieren und im Zweifel professionelle Beratung einholen. Auf der FMA-Website die aktuellen Warnmeldungen und die Tipps gegen Anlagebetrug checken Grundregel: lieber einmal zu viel hinterfragen als einmal zu wenig.
Wie groß ist die Chance, verlorenes Geld zurückzubekommen?
Die ist leider extrem gering. In den meisten Fällen ist das Geld weg.
Kommentare